Alles nur laue Pupse

Nico —  19.01.2011

Irgendwie finde ich das goldig. Alle zwei bis drei Monate dreht die versammelte Blog- und Twitter-Szene Deutschlands unrund. Eine kollektive, oftmals sehr selbstgerechte Entrüstung wird in Windeseile von Bloggern und Twitter-Nutzern aufgegriffen. Irgendwie in der Hoffnung, daß man Teil einer großen, disruptiven Bewegung sein könnte. Power to the people, jetzt aber wirklich, volle Pulle, mit meinem Retweet zeige ich es denen aber so richtig!

In der Theorie klappt das ja auch alles ganz toll, nur in der Praxis suchen sich die Protagonisten immer Themen, die nicht wirklich für die massive mediale Verbreitung taugen. Und überhaupt, warum wird bei jedem Aufreger im deutschen Social Web, der dann als Shitstorm tituliert wird, immer sofort auf die sonst so verpöhnten Massenmedien geschielt? Wenn man die Reichweite alleine nicht Zustande bekommt, dann hat das vielleicht auch mit der Relevanz des Themas für die Masse zu tun, oder?

Die Shitstorms der letzten Jahre waren allesamt laue Pupse, nicht mehr. Anders ausgedrückt: Berlin Mitte ist nicht Deutschland, es gibt anderswo oft noch wichtigere Themen als irgendeine Tigerkralle oder ein amüsierendes Weblog, das offline gegangen ist. Wo ist eigentlich der Shitstorm zur Hartz IV Erhöhung? Oder der Shitstorm zum Dioxin-Skandal? Der Shitstorm gegen die schwarz-gelbe Bundesregierung?

Die Selbstüberschätzung einiger Protagonisten aufgrund irgendwelcher PageImpressions, Verlinkungen oder Retweets ist gigantisch, die tatsächliche Reichweite geht über die eines erweiterten Stammtisches nicht hinaus. Substanz entscheidet, nicht das Vervielfältigen einer Meldung durch möglichst viel Followerclickvieh.

Mein Wunsch für 2011: mal ein richtiger Shitstorm. Über den die Menschen morgens in der Ubahn reden, der abends beim Sport diskutiert wird und dann Thema beim Wort zum Sonntag wird. Nicht immer diese Pillepalle-Themen, die nur die Nische Social Web manifestieren.

29 responses to Alles nur laue Pupse

  1. Danke Nico. Auf den wart ich auch noch – also den DEUTSCHEN Shitstorm. Wikileaks gabs/gibts ja immer noch

  2. FrankKemper 19.01.2011 at 22:14

    Na ja, solange bereits die vage Ankündigung eines neuen Stücks Unterhaltungselektronik aus Cupertino ausreicht, um gefühlt drei Viertel der deutschen Blogosphäre in Extase zu versetzen, wird das wohl nix mit den raumgreifenden Diskussionen über die wirklich wichtigen Themen. Die werden weiterhin in der Holzpresse und im GEZ-TV gespielt. Ansonsten: Kleiner Skandal fällig? Sieht so aus, als hätte Danone auf Brigitte.de gefakte Kundenbewertungen zu ihrem Darmbakterienjoghurt Activia lanciert: http://bit.ly/hIeSP2

  3. Wenngleich ein wenig politisch gefärbt, gebe ich dir Recht.
    Leider spingen viele zu schnell auf den zug auf ohne darauf zu achten wohin es überhaupt geht.

  4. Wo ist eigentlich der Shitstorm zur Hartz IV Erhöhung?

    find ich super. :love

  5. Also ich bin recht froh, dass nicht wie in den USA bspw. auf CNN bei jedem dahergelaufenen Thema sofort „Let’s see what people are twittering about it“ kommt. Da ist mir der Shitstorm im Wasserglas viel lieber. In 140 Zeichen lässt sich nunmal keine durchdachte politische Position wiedergeben.

  6. Wer einen ordentlichen Shitstorm haben will, kann sich gerne mal von mir bekochen lassen.

  7. ich bin da auch am verzweifeln. rene habe ja selber schuld, weil er sich nicht dem abmahnsystem gebeugt hat, sagen sie. hat ja auch böse über das arme unternehmen geschimpft, sagen sie. mit den deutschen … ach, lenin hat da alles schon gesagt.

  8. Hmm. Ja. Stimmt. Irgendwie. Aber irgendwie auch nicht. Der große weltumstürzende Shitstorm bleibt aus. Doch im kleinen tut sich ja schon was. Die wolfsförmige Tigerkralle war immerhin so verletzt, dass sie ihre Beute wieder losgelassen hat, im Berliner Parlement reden einige tatsächlich über Netzpolitik und in NRW wird ein Staatsvertrag abgeleht. Das ist doch was.
    Zum Anlass dieses Blogpost. Das ist doch gar kein Shitstorm. Selten haben die üblichen Verdächtigen so sehr in unterschiedliche Richtung geblasen, wie in diesem Fall. Wie soll da Sturm aufkommen? Statt dessen streitet man sich miteinander. Das hat durchaus sein Reiz. Da sind wir wieder ein paar Tage erwachsener geworden.
    Alles wird gut.

  9. t_krischak 20.01.2011 at 1:03

    Naja, zumindest ist in diesem Fall Solidarität zu spüren.
    Wo ist der Shitstorm zu Hartz IV?
    Viel zu abstrakt. Man braucht ein konkretes Beispiel. Eine Story halt.

  10. t_krischak 20.01.2011 at 1:04

    Naja, zumindest ist in diesem Fall wieder die Solidarität zu spüren. Wo ist der Shitstorm zu Hartz IV? Gute FRage, aber viel zu abstrakt. Man braucht ein konkretes Beispiel. Eine Story halt…

  11. Zumindest bei #Zensursula und beim JMSTV hat das Netz es geschafft, nachhaltig Einfluß auf die Tagespolitik zu nehmen.

  12. Buddenbohm 20.01.2011 at 6:38

    Ich finde ja immer amüsant, dass so viele Twitterer tatsächlich glauben, sie würden eine große Menge Mensch repräsentieren. Sie und ihre zehn Freunde.

  13. kadekmedien 20.01.2011 at 7:49

    Im aktuellen Fall wird ja sogar sehr deutlich, wie wenig wirksam so ein Shitstorm ist. Besagte Firma erreicht ihre Klientel mit Mitteln der Vor-Internetzeit (Telefon und Vertretern), um ihnen Produkte der Web 1.0-Ära zu verkaufen. – Lediglich der »laue Pups« wird in der selbstreferenziellen Social Blase ruchbar, weil es um einen Liebling der Szene geht. Ähnlich dem sich grämenden chinesischen Bauern, dem ein Sack Reis umgefallen ist. – Danke für die klaren Worte.

  14. simonnickel 20.01.2011 at 9:27

    Ich denke ein von dir beschriebener „richtiger Shitstorm“ ist gar nicht möglich. Das würde viel zu lange dauern um alle zu erreichen. Bis es von außerhalb des Internets aufgegriffen wird ist es im Internet selbst schon wieder alter Käse. Dementsprechend kann sich das außerhalb gar nicht halten, weil es nicht weiter befeuert wird. Also ist das eher ein lauter Schrei, ein Echo und warten auf das ReEcho, bleibt das aus tut sich nichts weiter. Und es bleibt aus, weil es eben alter Käse ist und neue Themen viel interessanter sind. Das Internet ist halt schneller als die Welt außerhalb.

  15. Gab es neulich im Kleinen beim FC St. Pauli. „Internethupen“ haben eine Petition gegen die zunehmende Kommerzialisierung am Millerntor ins Netz gestellt und am letzten Wochenende war das Stadion dann rot – Bilder davon auf http://www.stefangroenveld.de/sport/fc-st-pauli/jolly-rouge-am-millerntor/

  16. t_krischak 20.01.2011 at 10:21

    Wer es noch ein etwas genauer mag, der findet hier ein paar Zahlen zu Twitter:
    http://summarizr.labs.eduserv.org.uk/?hashtag=nerdcore

    Total tweets: 1497 Total twitterers: 1105

  17. Danke! Das trifft es total!

  18. Anonymouse 20.01.2011 at 14:20

    Ob Shitstorms wirklich flächige Relevanz entfalten, kommt vielleicht auch darauf an, wo man sich im Social Web so bewegt. Es gibt sicherlich Bewegungen, Trends und Themen, die lange im SW als laues Lüftchen wehen bevor daraus ein „Perfect Storm“ wird. Nach allem, was man so hört, kann vor solch einem Sturm auch schon mal ein lang gediehnter Landesführer fliehen.

  19. agentorange 20.01.2011 at 14:46

    Es ist richtig, dass unsere Reichweite begrenzt ist. Aber Twitter ist komprimierte Unterhaltung. Und es hat mich auch interessiert wie andere darüber denken. Insgesamt war das auch okay.

    Leute wie du machen daraus eine große Sache, vielleicht auch René. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass jemand der direkt betroffen ist sich etwas erregt.

    Und schade, dass du „in den letzten Jahren“ weder den #VDS shitstorm, noch die #Netzsperren Diskussion mitbekommen hast…

  20. marcelweiss 20.01.2011 at 16:32

    „die versammelte Blog- und Twitter-Szene Deutschlands“ – Ist das die deutsche ‚Internet-Community‘?
    Genau so wie das zwar groß im Austeilen aber nicht minder selbstgerechte off-the-record missverstehst Du Deine eigene Timeline als das deutsche Internet. Ich lese mehr als genug deutsche Blogs bei denen Nerdcore vs. Euroweb kein Thema war, und zwar zu recht.
    Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind, stelle ich auch immer wieder fest, wenn ich mit deutschen Gründern rede, die kein Techblog lesen.

    Vielleicht könnten wir mal aufhören, die Homogenität unserer Timelines, Facebooks und Feedreaders für die ( trugschlüssig fehlende) Heterogenität des Webs zu halten.

    Wenn man das macht, erkennt man vielleicht auch die Weite und die Potentiale für einen selbst und das Web in der Gesellschaft insgesamt.
    Zumindest kann man dann aber vielleicht merken, dass die scheinbar alles bestimmenden Shitstorms und Hysterien gar nicht das gesamte deutsche Web erfasst haben sondern nur die eigene deutsche Timeline. Es könnte für den einen oder anderen beruhigend wirken.

  21. Power to the people! :)

  22. probefahrer_alex 21.01.2011 at 21:56

    Hallo zusammen!

    Nico, Du hast schon Recht. Aber ich gebe mal zu bedenken, dass Dioxin, Regierung und Hartz IV keine Shitstorms hervorrufen, weil

    1. kein Shitstormer für etwas losstürmt, wo er nicht das Gefühl hat etwas zu erreichen. Bei so „Webklinigkeiten“ ist die Chance etwas zu ändern genauso größer, wie die direkte Betroffenheit

    2. aus System innewohnenden Gründen kombiniert mit 1. die mit Shit beschmissenen sich nicht großartig drum kratzen, weil der Storm an ihnen abprallt oder sie ihn einfach aussitzen und die Leutchen aus 1. dann umso frustrierter sind

    Das Beispiel der Vodafone-Kampagne damals ist doch perfekt. Klein Bloggersdorf (inklusive mir) hat sich entrüstet und die Kampagne verrissen. Ich habe damals werde erwartet, dass Vodafone wegen mir die Kampagne stoppt (hätte es aber natürlich cool gefunden) noch damit gerechnet, dass es irgendein normaler Vodafone Kunde mitkriegt. Ich wollte einfach nur meien Meinung dazu loswerden und 2 Tage später wars vergessen. Deswegen habe ich meinen Vertrag nach 12 Jahren nun nicht gekündigt :)

    Du warst doch hautnah dabei. Habt Ihr Euch gesagt „Komm, das war klar, dass die Krakehlen, das sitzen wir aus.“ oder waren da schon Überlegungen, zu intervenieren? Insbesondere, als so unfair mit Schnutinger durch das Web umgegangen wurde?

    Bei GAP sah das ja letztens ganz anders aus. Da war die Masser der Kunden plötzlich schon groß genug, um dafür zu sorgen, dass das Logo wieder in das alte geändert wurde. Ob es eine gute Entscheidung war kann ich nicht beurteilen. Ob sie relevant ist schon. Ist sie nämlich nicht. Mein Leben ändert sich nicht wegen eines Firmenlogos.

    Selbst in der Nerdcore Nummer jetzt sieht es ja so aus, als wenn der Shitstorm nichts mal was gebracht hätte. Laut dem Futurezone-Interview hat Rene seine Suppe ganz alleine ausgelöffelt. Was mich allerdings interessieren würde wäre, ist einmal, wie es in ihm drinnen aussah – sprich, ob die moralische Unterstützung aus dem Web ihn aufgebaut hat und zum anderen ob die Geschichte ohne den kollektiven aber durchaus gemäßigten Wutausbruch anders ausgegangen wäre.

    Ich zähle mich übrigens auch zu denjenigen, die wenn sie sich persönlich angegriffen fühlen, oder etwas als Ungerechtigkeit sehen nicht die Finger still halten. Ich komme allerdings aus einer Generation, als Shitstorm noch Flamewar hie0 und man gepflegt mit Napalm um sich gejaucht hat :)

    Da geht es dann nicht um Selbstüberschätzung sondern um Luft machen. Irgendwie irgendwas ändern wollen und wie Du schon im Posting sagtest, Teil der plötzlich gefühlt groß gewordenen Davd-Macht sein.

  23. philipp_staat 30.01.2011 at 17:03

    Stimmt!

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