Vom Internet zum Netzwerk der Ökosysteme

Nico —  29.09.2011 — 17 Comments

Die gestrige Vorstellung des Amazon Kindle Fire hat eines sehr deutlich gemacht: das Internet wird ein Netzwerk konkurrierender Ökosysteme.

In der deutschen Debatte um Facebook, Google+, die Cloud, Schnittstellen und alles, was dazu gehört, geht es vor allem um die Fragestellungen Privatsphäre und Datenschutz. Man merkt deutlich, daß große Teile der Gesellschaft und vor allem der Gesetzgeber Probleme haben, den Entwicklungen zu folgen oder sie gar zu antizipieren. Anders ausgedrückt: die Welt dreht sich gerade extrem schnell und wir diskutieren, ob wir das gut finden, aber nicht wie wir das Drehen besser gestalten können.

Wir sollten langsam verstehen, wie diese neuartigen Ökosysteme funktionieren. Es geht nicht mehr nur darum, wie groß Google ist oder wieviele Nutzer Facebook hat, oder wie die Laufzeit der Cookies aussieht. Das ist ehrlich gesagt völlig egal. Das Interessante ist doch, daß Google, Facebook, Amazon und Apple gigantische Ökosysteme geschaffen haben, die Wertschöpfung im Zentrum haben, aber durch Schnittstellen mehr oder weniger offen nach Außen hin sind. Apple ist nicht mehr nur ein Hardware-Hersteller, Google nicht nur eine Suchmaschine, Facebook mehr als nur ein annotiertes Adressbuch und Amazon ist kein reiner Versandhändler.

Diese neuen Ökosysteme sorgen dafür, daß sie große Zahlen von Nutzern an sich binden, dann bieten sie Dritten den Zugang zu diesen Nutzern an und profitieren dadurch, entweder weil Dritte von den Nutzern gewollte Dienstleistungen erbringen oder Inhalte liefern, oder schlicht weil Dritte für den Zugang zu den Nutzern bezahlen. Apple profitiert von einer Masse von App-Entwicklern, Google von zig Millionen an Werbetreibenden und Seitenbetreibern, die um Aufmerksamkeit werben, Facebook lässt die Plattform durch Drittanbieter immer attraktiver machen und Amazon bietet von der Logistik bishin zur Contentplattform so ziemlich alles, was man als Anbieter von Waren oder Inhalten benötigen könnte, um Nutzer zu erreichen.

Ja, früher, da war alles einfacher. Da waren Händler noch Händler und Hersteller noch Hersteller und Websites einfach nur Inhalte-Anbieter, die Werbeplätze verkaufen an Marken, wie man das von TV und Print so kennt.

Was bedeutet das jetzt? Unternehmen können sich entscheiden, ob sie Ökosystem werden, oder ob sie Zulieferer sein wollen. Beides kann lukrativ sein, beides kann sehr schwer sein. Es gibt auch Kombinationen, wie man z.B. beim Deal zwischen Facebook und Spotify sieht. Spotify ist mittlerweile ein ordentliches Ökosystem für Musik geworden, es verfügt über eine gute API und viele Dienste, die auf die API zugreifen und damit den Nutzern wiederum eine Dienstleistung erbringen. Spotify ist jetzt allerdings auch tief in das Ökosystem Facbeook integriert und macht damit sich, aber auch Facebook attraktiver. Wenn man sich im Vergleich Spotify anguckt, dann stellt man fest, daß Spotify einfach nur ein Anbieter von Musik ist. Wenn Unternehmen sich entscheiden, mit dem Internet Geld verdienen zu wollen und weder Ökosystem noch Zulieferer werden wollen, dann werden sie es bei wachsender Dominanz der Ökosysteme zunehmend schwerer haben, die Nutzer bzw. Kunden zu erreichen. Schwerer bedeutet in aller Regel, daß sie mehr Geld ausgeben müssen für Werbung, oftmals in den Ökosystemen. Denn dort sind die Nutzer.

Man könnte jetzt mal darüber nachdenken, wie die zukünftige Rolle der Nationalstaaten bei diesen konkurrierenden Ökosystem aussieht. Oder sich mal fragen, warum Deutschland als eine der bedeutendsten Wirtschaftsmächte der Welt keinen ernstzunehmenden Konkurrenten für die vorherrschenden Ökosysteme ins Rennen geschickt hat. Natürlich ist auch die Frage erlaubt, wie stark der Lock-In Effekt für die Nutzer sein darf und wie in Zukunft der Wettbewerb zwischen den Ökosystemen aussehen wird. Google wird in Spanien Mobilfunkanbieter als MVNO, Amazon verkauft preisagressive Lesegeräte für Inhalte aus dem Amazon-Ökosystem, Facebook etabliert mit Facebook Credits ein eigenes Bezahlsystem für Inhalte, die man im Ökosystem Facebook bezahlen kann – das Tempo der Entwicklungen ist atemberaubend.

Aus Nutzersicht bedeutet dies, daß vieles einfacher werden wird. Der Computer mit seinem Betriebsystem wird immer weniger sichtbar, sondern das Ökosystem steht im Vordergrund. Die Einfachheit ist allerdings verbunden mit einer engeren Verknüpfung mit einem Ökosystem und es wird in Zukunft immer schwieriger werden, sich aus dem Lock-In eines Ökosystem zu befreien, weil es eben so schön praktisch und einfach ist. Machen wir uns nichts vor, die einfache Nutzung und das Vertrauen auf einen Anbieter hat für ganz viele Nutzer enorme Vorteile, egal wieviel über offene Standards und Schnittstellen geschrieben wird. Mittendrin steht der Nutzer mit seinen Daten und muß sich überlegen, ob und wie er welches Ökosystem nutzen wird und was das für ihn und seine Daten bedeuten wird.

Schöne neue Welt?

17 responses to Vom Internet zum Netzwerk der Ökosysteme

  1. m.mueller.ctg 29.09.2011 at 12:18

    Schön oder nicht, wir werden uns damit auseinandersetzen müssen. Solange es für unabhängige Akteure (vom privaten Blogbetreiber bis zum großen Unternehmen) technisch und wirtschaftlich möglich bleibt, das Internet frei zu nutzen, bin ich nicht allzu bange.

  2. leonidobusch 29.09.2011 at 12:26

    Bin skeptisch, die Schönheit “comes at a cost”. (vgl. <a href=”http://governancexborders.com/2011/09/29/kindle-fire-open-source-triumph-or-promoting-enclosure/”>Kindle Fire: Open Source Triumph or Promoting Enclosure?</a>

  3. leonidobusch 29.09.2011 at 12:27

    Bin skeptisch, die Schönheit “comes at a cost”: http://bit.ly/pFEYg9

  4. FriedrichB 30.09.2011 at 6:49

    >Solange es für unabhängige Akteure (vom privaten Blogbetreiber bis zum großen Unternehmen) technisch und wirtschaftlich möglich bleibt, das Internet frei zu nutzen,>

    Das ist hier letztlich die Frage: Angesichts der Zunahme der großen Ökosysteme verringert sich der Einfluß der kleinen Ökosysteme.

    Die Oligopole sprechen sich auch znehmend ab. Siehe Samsung und Microsoft oder Apple und Oracle oder oder.

    Schon 2010 lautete eine Schlagzeile:

    Will Amazon Be the New Wal-Mart?

    http://gigaom.com/2010/01/23/will-amazon-be-the-new-wal-mart/

    Und dann warten wir doch einmal ab, ob google nicht bald auch der größte der (Mobile) Banker wird??

    Während das Netz einen zunehmend oligopolistisch wird, ist es interessant was sich durch das Netz im Energiesektor entwickeln wird.

    Die großen Energiegiganten wie BP Shell Eion, Gazprom werden voraussichtlich bis 2050 mehr oder weniger an Bedeutung verlieren, da sich die dezentrale Energieerzeugung sich stark ausbreitet.

    Jeder von uns Netzteilnehmern kann dann seine heimischen Energieüberschüsse via Netz anbieten und verkaufen.

    In dem Zusammenhang sind diese Artikel über Jeremy Rifkin sehr aufschlußreich:

    http://oe1.orf.at/artikel/287163

    http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/wie-die-wirtschaft-2050-funktionieren-sollte/4502822.html

    Und sicherlich auch diese Aussage:

    Ganz nebenbei:

    Brauchen wir in Zukunft noch Fielmann oder auch Amazon wenn wir um die Ecke im rapid prototyping tevchnology center unsere maßgeschneiderte Brille bestellen können:

    http://www.makeeyewear.com/

    :-) :-) :-)

    Small is beautiful Elephants don‘t gallop

  5. oliver.rogge 30.09.2011 at 8:43

    Neben den Gedanken um seine Daten, wird sich der Nutzer auch gezwungen sehen, sich Gedanken um seine Sicht auf die Welt zu machen. Denn alle von Dir genannten Ökosysteme setzen auf eine algorithmierte Personalisierung ihrer Dienste. Das bedeutet nichts anderes, als dass alle unsere Handlungen innerhalb der Systeme Einfluss darauf haben, welches Angebot, ob nun Informationen oder Services, uns die genutzten Ökosysteme machen oder einfacher ausgedrückt, wie wir die Welt sehen.Eli Pariser hat das Phänomen mit dem Begriff “the filter bubble” zu fassen versucht, was ihm zweifelsohne sehr gut gelungen ist. Hier mal sein TED-Vortrag dazu:http://www.ted.com/talks/eli_pariser_beware_online_filter_bubbles.html

    Google personalisiert die SERP nach Nutzerprofil, Facebook meint zu wissen, Beiträge welcher Nutzer für mich relevanter sind und lässt andere einfach mal weg, Amazon sagt mir, dass mein alten Literaturvorlieben, gefälligst auch meine aktuellen sein sollen.

    So wird mein Bild hinaus zum Spiegel meines biografierten Selbst.

    Es geht also neben dem “Wer sieht mich?” in Zukunft auch wieder vermehrt ums “Was sehe ich?”. Bei allem Verständnis für die ausgefeilten Geschäftsmodelle, entsteht so eine selbsterzeugte Zensur, gegen die Chinas Zensurpolitik kümmerlich wirkt und uns wie einen Wellensittich vor einem Spiegel erscheinen läßt.

  6. FriedrichB 30.09.2011 at 9:55

    @oliver.rogge selbsterzeugte Zensur!!! ein spannender Diskussionansatz.

    Vielleicht stellt sich bei uns Webnutzern auch einmal ein web deficit syndrom ein analog der NDD( nature deficit disorder )

    Um dem amazon literature deficit vorzubeugen gehe ich schon wieder häufiger in Buchhandlungen (sofern es sie noch gibt) und Bibliotheken

    Im Zusammemhang mit Deiner Sicht auf die Entwicklung im Web, wäre es auch einmal interessant zu untersuchen ob der Begriff Ökosysteme im Web tatsächlich noch deckungsgleich mit dem herkömmlichen Begriff Ökosysteme aus der Biologie ist.

    Gruß Friedrich Bolle

    .

  7. FriedrichB 30.09.2011 at 10:41

    @oliver.rogge falls amazon auch irische Firmensitz hat wäre es einmal interessant zu erfahren, welche Daten von Dir dortliegen:

    http://www.europe-v-facebook.org/

    Viele Grüße

    Friedrich Bolle

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