Wie sieht das Urheberrecht der Youtube-Generation aus?

Nico —  12.12.2011 — 10 Comments

Seit ein paar Tagen macht der Artikel No Copyright Intended von Andy Baio die Runde durchs Interweb. Baio stellt anhand eines Remixes von Pulp Fiction, bei dem der Film in die “richtige” chronologische Reihenfolge gebracht wurde, fest, daß Copyright-Verstöße auf Youtube Normalität sind, aber den Nutzern dies durchaus bewusst ist und daher in den Beschreibungen der Videos hunderttausendfach Hinweise a la “no copyright infringement intended” zu finden sind. Baio stellt daher folgendes fest:

Under current copyright law, nearly every cover song on YouTube is technically illegal. Every fan-made music video, every mashup album, every supercut, every fanfic story? Quite probably illegal, though largely untested in court.

No amount of lawsuits or legal threats will change the fact that this behavior is considered normal — I’d wager the vast majority of people under 25 see nothing wrong with non-commercial sharing and remixing, or think it’s legal already.

Here’s a thought experiment: Everyone over age 12 when YouTube launched in 2005 is now able to vote.

What happens when — and this is inevitable — a generation completely comfortable with remix culture becomes a majority of the electorate, instead of the fringe youth? What happens when they start getting elected to office? (Maybe “I downloaded but didn’t share” will be the new “I smoked, but didn’t inhale.”)

Remix culture is the new Prohibition, with massive media companies as the lone voices calling for temperance. You can criminalize commonplace activities from law-abiding people, but eventually, something has to give.

Es ist wirklich total irre, wie wenig die eigentlichen, vermeintlichen Schutzmechanismen des Urheberrechts derzeit noch greifen. Die Remix-Kultur wird so schnell nicht wieder weg gehen, zu einfach sind die Tools, die uns ermöglichen, aus vorhandenen Werken etwas Neues zu schaffen. Das haben wir früher schon mit Zeitschriften, Schere, Papier und Kleber gemacht, aber eben ohne die Möglichkeit, unsere Werke auch mal eben massenhaft zu verbreiten. Eine ganze Generation zu kriminalisieren, nur weil sie von ihrem Selbstverständnis Dinge anders tut, als es bislang möglich war, ist auch der falsche Weg. Auf der anderen Seite möchte ich unbedingt, daß die Inhalte-Schaffenden auch angemessen für ihr Werk entlohnt werden. Die Distributoren der Inhalte sind diejenigen, deren Rollen derzeit neu austasriert werden müssen und von denen die meiste Gegenwehr zu erwarten, wie es immer der Fall ist, wenn am Besitzstand gerüttelt wird. Dieses Rütteln wird global erfolgen und dürfte in den kommenden Jahren zu weiterer massiver Gegenwehr führen.

Das Internet kann eine sehr disruptive Kraft sein, daher ist es dringend notwendig, das Urheberrecht global auf neue Beine zu stellen, damit die Inhalte-Schaffenden und auch die Nutzer zu ihrem Recht kommen, ohne daß eine globale Inhalte-Überwachungsinstanz entsteht. Das dürfte nicht mal eben passieren, wird aber immer notwendiger, will man nicht dauerhaft eine Generation kriminalisieren.

10 responses to Wie sieht das Urheberrecht der Youtube-Generation aus?

  1. RainerKormann 12.12.2011 at 8:59

    “…damit die Inhalte-Schaffenden und auch die Nutzer zu ihrem Recht kommen…”

    Hast Du schon eine Idee, wie das funktionieren könnte? Worin siehst Du den Akt “Recht bekommen” für die Inhaltsschaffenden; ‘Einfach’ nur Geld, oder einen anderen Gegenwert…?

  2. StephanNoller 12.12.2011 at 9:17

    100% agree. Spontant würde man auch denken – wo ist das Problem liebe Rechte-Industrie? Warum sollen nicht User mit Eurem Content “zu hause” rumspielen dürfen? Problem ist wohl: es gibt kein zuhause mehr (hach wie philosophisch für so einen Montag morgen) und mit derartigem Spass-Content verdienen andere ab dem ersten Klick Geld…

    Wenn also jemand eine Cover-Version von Born this way einspielt und auf Youtube 1 Mio Views bekommt verdient er auch ordentllich Kohle. Sollte Lady Gaga davon nicht legitimerweise etwas abhaben können? Bin mir wirklich nicht sicher, verstehe aber dass das ein knallharter Verteilungskampf ist…

  3. NicoLumma 12.12.2011 at 9:19

    @RainerKormann hey, wenn ich das wüsste, dann würde ich damit schon längst durch die blogs tingeln.

  4. Ein großes Problem aus meiner Sicht ist auch, daß das Urheberrecht für viele verschiedene Arten von Urhebern passen muss. Ein Wissenschaftler hat völlig andere Anforderungen an das Urheber- und Nutzungsrecht als ein Musiker und der wiederum ganz andere Bedürfnisse als ein Grafikdesigner/Illustrator (nur um mal aus meiner persönlichen Perspektive zu sprechen). Man kann aber schlecht für jeden eine maßgeschneidertes Gesetz schnitzen. Unser UrhG in Deutschland ist schon ganz okay so wie es ist (und hat ja herzlich wenig mit dem US Copyright gemeinsam, mit dem es immer in einen Topf geworfen wird), es krankt m.A. nach meist an den Interpretationen der Gerichte.

  5. Mal halblang und genau sein. Der folgende Passus gilt ja schon jetzt im Urheberrecht:

    “Ein selbständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, darf ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes veröffentlicht und verwertet werden.”

    Das heißt: die Remix-Kultur ist nicht soooo neu und sie ist auch nicht komplett illegal. Ich weiß, diese Formulierung “selbstständiges Werk” ist wachsweich, Schöpfungshöhe my ass. Aber die Collage aus Werken anderer war schon immer ok. Ja, selbst Musikremixe sind BGH-mäßig inzwischen abgesichert http://www.nmuk2011.de/programm/sampling-%E2%80%93-gesamteindruck-%E2%80%93-asthetisches-erfahrung-ein-medienmotiviertes-dialogfeld-zwischen-musik-und-rech/

    Mir scheint, es wird so laufen, wie zB bei der Pornographie: die Grenzen werden durch die gesellschaftliche Realität immer weiter verschoben. Sehe das alles relativ gelassen…

  6. @StephanNoller Das mit dem “zuhause” ist ja ein wichtiger Aspekt. Habe gerade einem Verlag für das rezitieren eines Gedichtes “bei mir zuhause”, in meinem Blog, eine Lizenzgebühr überwiesen. Wäre das nicht eine Idee, das über die Gewinnabsicht zu regeln? Dann würde man auch nicht, im Falle von Youtube, die privaten Remixer “kriminialisieren” Ein weiter gefasstes Zitatrecht könnte das noch abrunden.

  7. thetruemilhouse 13.12.2011 at 2:58

    “Die Distributoren der Inhalte sind diejenigen, deren Rollen derzeit neu austasriert werden müssen und von denen die meiste Gegenwehr zu erwarten, wie es immer der Fall ist, wenn am Besitzstand gerüttelt wird.”

    Ich weiß wirklich nicht, ob das das eigentliche Problem ist. Die Distributoren, gerne auch “Content-Mafia” genannt, sind immer ein schönes Feindbild, und bestimmt nicht immer zu unrecht. Ja, sie sind auch die, die sich am besten wehren, weil das ihr Beruf ist. Rechte wahrzunehmen und zu verteidigen.

    Aber die Distributoren werden auch die ersten sein, die weg sind, wenn sich Kreativschaffen nicht mehr lohnt. Juristen, BWLer können weiterziehen. Künstler dagegen werden im Regen stehen, wenn Filesharing legalisiert würde, wie es z.B. die Piraten fordern. Oder wenn das Wissen um Anonymisierung so selbstverständlich geworden ist wie einst das Wissen um Napster und Filesharing damit wiederum quasi straffrei ist.

    Also sollte man nie vergessen, dass hier nicht nur das Schicksal von räuberischen Medienkonzernen auf dem Spiel steht, sondern die Zukunft kompletter Kunstformen, die zumindest ich nicht missen möchte.

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