Aigner und die Timeline – was ist eigentlich absurder?

Nico —  28.12.2011 — 5 Comments

In einem Interview mit dem Handelsblatt äußert sich Ilse Aigner über Facebook mit den Worten:

Die Philosophie, die hinter Timeline steht, ist absurd. Facebook fordert die Nutzer auf, ein öffentliches Lebensarchiv anzulegen. Das ist eine Farce. Die Aufforderung, die letzten Datenlücken im Internet schnell zu schließen, ist genau das Gegenteil dessen, was wir unter Medienkompetenz verstehen: sparsam mit persönlichen Daten umzugehen. Und vor allem hat sich ja gezeigt, dass durch technische Fehler vermeintlich Unsichtbares auf einmal doch öffentlich werden kann.

Ist es das? Ist die Timeline wirklich absurd? Oder gibt es mittlerweile einfach ein anderes Verständnis vom Umgang mit den eigenen Daten? Verstehen wir unter Medienkompetenz wirklich Datensparsamkeit? Ich finde es viel absurder, daß Aigner meint, Geschäftsmodelle und Nutzungs-Szenarien beurteilen zu wollen, da schwingt immer ein Verständnis von Verbraucherschutz mit, daß eher wie Bevormundung aussieht. Ilse Aigner sorgt wieder einmal für Aufsehen mit ihren Äußerungen zu Facebook, aber ich warte immer noch auf eine wirklich hilfreiche Art der Auseinandersetzung. Was ist daran absurd, daß ich jetzt eintragen kann, wann ich meinen Führerschein gemacht habe? Was ist absurd daran, daß ich Bilder und Gedanken aufhaben will und diese auch noch Freunden und Bekannten zugänglich machen möchte? Ich erkenne hier einfach, daß sich das gute alte Foto-Album mittlerweile in einer anderen Form auch als Facebook-Timeline wiederfindet. Das ist doch nichts verwerfliches und natürlich kann Facebook mit Werbung Geld verdienen, ich habe doch auch einen gewissen Nutzwert als Gegenleistung. Übrigens muß kein einziger Nutzer von Facebook die von Aigner als Datenlücken bezeichneten Inhalte liefern, das steht jedem Nutzer frei.

Aigner macht immer noch Symbolpolitik, das ist alles nur heiße Luft, hat aber mit modernem Verbraucherschutz nichts zu tun, stattdessen wird wieder Mißtrauen gesät. Facebook hat in der Vergangenheit nicht alles richtig gemacht und wird es in Zukunft auch nicht immer tun, aber die Timeline ist letztendlich nur die Anordnung bestehender Daten in einer neuen Form, die vor allem auch der Smartphonisierung der Welt Rechnung tragen, denn wir produzieren einfach Haufenweise Daten, die wir mit anderen teilen wollen.

5 responses to Aigner und die Timeline – was ist eigentlich absurder?

  1. @shopping2null gerne. :)

  2. Wenn man den ganzen oberflächlichen Unsinn wegschiebt, bleibt eine viel schlimmere Erkenntnis:

    Das “Nicht-Teilen” von Daten wird hier als Kern von “Medienkompetenz” definiert. Dies zeigt die grundlegende anti-soziale Haltung einer paternalistischen Politik.

    Deswegen muss die “web-community” vorsichtig sein, wie der Begriff der Medienkompetenz im öffentlichen Diskurs gemeint ist:

    “Wir” verstehen unter Medienkompetenz eine Befähigung zum Umgang mit dem Kulturwerkzeug Internet (gerne inkl. einem bedachten, aber nicht notwendigerweise per se zurückhaltendem Umgang mit eigenen persönlichen Daten. “Persönliche Daten” ist sowieso ein sehr schwammiger Begriff, der oft über seinen eigentlichen Kernbereich hinaus propagandistisch eingesetzt wird).

    Aigner und andere Internetfeinde in allen Parteien und anderen reaktionären gesellschaftlichen Gruppierungen verstehen unter Medienkompetenz eine neue Ebene des eigenen paternalistischen Ge-/Verbots-Fanatismus.

    Beispielhaft war dies beim “Dialog Internet” der Familienministerin Schröder zu beobachten. Dort durften alle mal mit-workshoppen, aber am Ende stand als Lösung wieder der sagenumwobene Online-Notfall-Button und das Grundsatzprogramm von Innocence in Danger.

    Medienkompetenz ist dabei ein Kampfbegriff der reaktionären Kräfte zu werden, dies gilt es zu verhindern. Jeden Tag. Egal wo ihr den reaktionären Kräften begegnet. In aller Klarheit und Deutlichkeit. Rücksicht und der selbstverleugnende Diplomatie muss im Angesicht solch machtvoller Ignoranz zurückstehen.

  3. OliverGassner 29.12.2011 at 9:45

    Also wenn cih was absurd finde ist, dass sich ‘Promis’ vor Gericht dagegen wehren müssen, dass ungefragt jeder privatquatsch breitgetreten wird während sich ‘Prolos’ kritisieren lassen müssen, wenn sie ihre Meinung online sagen.

    Zur Medienkompetenz eine kleine Anekdote:

    Ein Sportkollege sprach mich an, “was ich denn da zu Wulff online geschrieben hätte.” Ich: “Hä?” Es stellte sich raus, dass er zwischen der Tatsache, dass ich meinen Kommentar zu Nicos Artikel hier weiter unten getwittert habe und der Tatsache, dass Nico der Autor des Artikel ist, nicht unterscheiden konnte.

    D.h. im Zweifelsfall nützt es auch wenig, wie medienkompetent man selbst ist, es kommt drauf an, wie medienkompetent der Rezipient ist. Das wird dann wieder schwierig.

  4. @heiko @nico Erst dachte ich: Timeline. Jetzt: Aigner #nichtverstandenworumesgeht

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  1. Aigner und die Timeline « stohl.de - 29.12.2011

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