Piraten, Piraten, Piraten, Piraten, Piraten

Nico —  5.04.2012

Ja, ich kann es nicht mehr hören.

Eines haben die Piraten mit den Wahlerfolgen in Berlin und Saarland erreicht: sie werden zwar noch nicht von allen ernstgenommen, aber diskutiert – und sie verbreiten Angst und Schrecken unter den Besitzstandswahrern, die sich so langsam aufmunitionieren und FUD im Lande verbreiten.

Viel wurde schon über die Piraten geschrieben, auch von mir, aber ich glaube, daß die Fokussierung der Piraten auf den bewussten, ehrlichen Dilletantismus gerade gut in die Zeit passt, die von einer inszenierten Alternativlosigkeit geprägt ist, mit der sich alle zu arrangieren scheinen.

Ich glaube, 2012 ist ein gutes Jahr, um herauszufinden, was die Piraten wirklich können und ob ihr Politikstil wirklich zu mehr als nur guten Umfragewerten taugt. Das klingt böse, ist aber eher wertfrei gemeint. Ich hadere ja auch nicht erst seit gestern mit dem traditierten Politikmodell, bin aber auch nicht überzeugt, daß Liquid Irgendwas die Lösung für alle Probleme bieten wird. Viel mehr frage ich mich, wie offene und transparente Deliberation wirklich funktionieren kann, wenn unser aller Zeitbudget doch irgendwie limitiert bleibt. Ich vermute ja, daß nicht alles offen ausgetragen werden kann und bin daher sehr dankbar, daß die Piraten gerade die verschiedenen Szenarien mal durchspielen und ausloten, wie weit man gehen kann.

Piraten auf dem Weg zur Volkspartei?

Werden die Piraten zur Volkspartei werden? Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Einen müssen die Piraten irgendwann auch mal liefern und bislang fehlt die Komponente komplett. Immer nur zu sagen, daß man es anders haben will, aber dann Konkretes schuldig zu bleiben wird auf Dauer nicht funktioneren. Zum Anderen werden die etablierten Parteien versuchen, ihr Angebot zu modifizieren, um für die Wähler der Piraten ein Alternative darstellen zu können. Je nachdem, wie glaubwürdig dies passiert, werden sie die Einzigartigkeit der Piraten einschränken.

Im besten Fall sind die Piraten ein real existierendes Labor für bessere Politik, im schlimmsten Fall sind Wähler enttäuscht und wählen künftig wieder andere Parteien. Aber bis dahin sollten wir für ordentliche Popcorn-Vorräte sorgen und uns an den kommenden Diskussionen innerhalb der Piratenpartei und auch in den anderen Parteien erfreuen, denn alle ringen gerade mit der Frage, wie im 21. Jahrhundert Politik zu organisiseren ist und wie man Themen besetzen kann, um damit Wahlen zu gewinnen.

Meine Prognose: die Piraten diskutieren auch 2012 viel, wenn der Tag lang ist, bilden aber nur eingeschränkt die Lebensrealitäten der Menschen ab, bekommen inhaltlich nichts geliefert, verzetteln sich in Personaldiskussionen und sorgen für viel Frustration unter den engagierten Mitgliedern, die eigentlich mehr erwartet hatten.

14 responses to Piraten, Piraten, Piraten, Piraten, Piraten

  1. @Nico sehr schön und viel seriöser beschrieben als ich es je gekonnt hätte :)

  2. @miinaaa danke :)

  3. Geisterfalle 5.04.2012 at 16:02

    @Nico bezüglich der Inhalte funktioniert das inzwischen (zumindest in meinem Bereich Gesundheit) ziemlich gut. Denke, dass das klappt :)

  4. @Nico nich traurig sein. SPD war auch mal ne coole partei. die für uns alle viel erkämpft hat. vor 100 jahren. danke nachträglich.

  5. @fnberger pff.

  6. „werden sie die Einzigartigkeit der Piraten einschränken“, nein. Es geht bei den Piraten nicht nur um das Was, sondern auch und vor allem um das Wie. Forderungen kopieren kann jeder, Basisdemokratie ist den meisten Parteien aber zu gefährlich.

  7. Ich denke die Piraten werden in allem überschätzt und häufig werden sie nur aus Trotz oder aus einem Trend heraus gewählt.
    Denn eins ist auffällig. Egal wo sie zum Thema werden, es bleibt immer oberflächlich. Was hinter der Partei steckt und ihre Themen werden kaum behandelt. Stattdessen leben sie von Schlagwörtern wie „Transparenz“ und vom Anti-Politiker.
     
    Als Technik-Geek habe ich die Entwicklung der Piraten von Anfang an verfolgt, von der Gründung bis jetzt. Ich habe mich auch sehr mit den Themen beschäftigt und mir ist auch noch sehr die Kritik bewusst, die die Piraten am Anfang aus dem Internet erfahren musste.
    Auf Grund ihrer Ansichten, Forderungen und auf Grund ihres Wahlprogramm (bzw. ihr Wiki, wo dies erarbeitet wurde) habe ich sie nie ernst genommen. Ich konnte mir nie vorstellen, dass eine Partei mit solchen Ansichten weit über 1% kommt. Forderungen zum Beispiel zu Killerspielen empfand ich einfach nur als plumpe Art junge Wähler zu ködern.
    Zudem habe ich Mitglieder kennen gelernt, die ich niemals in der Politik sehen will.
     
    Deren Glück ist aber, dass sich mit diesen Punkten nie beschäftigt wurden. Sie stehen in der Öffentlichkeit immer als Partei des Protest und der Transparent. Dabei weiß wohl kaum jemand, was die Piraten darunter verstehen.
     
    Ich denke die anderen Parteien machen einen Fehler wenn sie sich auf das Spiel einlassen. Es ist ja schon albern, dass die FDP so häufig mit den Piraten verglichen werden. Sie haben zwar ein paar Schnittmengen, von Grund auf sind das aber zwei verschiedenen Parteien. Die Piraten möchte ich schon fast als neue 68er Bewegung bezeichnen (zumindest wenn man sie einem Milieu zuordnen will), dass hat aber nichts mit der FDP zu tun.
     
    Des weiteren habe ich die Piraten immer als Partei des Denunziantentum erlebt. Jetzt könnte man sagen, dass es im Internet schon fast normal ist den anderen zu beleidigen. Die Piraten leben aber davon. Auch wenn es im Internet üblich ist den anderen zu beleidigen, so ist es keine schöne Art, schon gar nicht für jemanden der öffentlich etwas bewegen will. Stattdessen fehlen komplett eigene Vorschläge.
    Sie nehmen auch immer die Rolle des Anti-Politiker ein. Sie leben von diesem Feindbild. Und das ist eigentlich das schlimmste an der Partei. Ich denke nicht, dass sie die Politik nach vorne bringen, im Gegenteil. Die Verdrossenheit wird zu ihren Gunsten steigen.

  8. Mich macht es müde, immer wieder zu lesen, daß die Piraten ja „erstmal liefern“ müssten. Nimmt denn keiner wahr, daß die Piraten bereits seit der letzten Bundestagswahl begrüßenswerte Veränderung durch ihre bloße Existenz „liefern“?
     
    Wohin hätte uns die Zensursuladebatte geführt, wenn die Piraten nicht ihr Pfund darin gehabt hätten? Würde das Thema Digitalisierungspolitik heute nicht weniger prominent, verkörperten die Piraten aus Sicht der Altparteien einen Ansporn dafür, sich ebenfalls mit diesem Thema zu beschäftigen?
     
    Die Piraten haben aus meiner Sicht bereits geliefert, bevor sie nach traditioneller Definition überhaupt in der Möglichkeit gewesen wären zu liefern. Liefern kann man nach traditioneller Definition nämlich erst, wenn man in der Verantwortung steht, also wenn man regiert oder zumindest mitregiert. Beides tun die Piraten nicht. Und dennoch haben wir ihnen bereits einiges zu verdanken.

  9. FriedrichB 6.04.2012 at 13:25

    „und bin daher sehr dankbar, daß die Piraten gerade die verschiedenen Szenarien mal durchspielen und ausloten, wie weit man gehen kann.“
     
    Dem kann ich mich anschließen.
    Wenn bereits jetzt die “ Etablierten “ angesichts von opendata, e-government, e-participation etc fürchten überrollt zu werden, ist so ein “ open-lab “  Szenario wie es mehr oder weniger die Piraten praktizieren eine ideale Voraussetzung dafür einmal die
    “ verkrusteten Strukturen “ aufzubrechen.
     
    Du hast Recht:
     
    „wenn unser aller Zeitbudget doch irgendwie limitiert bleibt“
     
    Dennoch bisher gehen die überwiegende Mehrheit von uns nur alle 4 Jahre zur Wahl und hoffen, da da oben machen das schon.
     
    Wie wäre es (Wunsch) wenn die Bürger wieder stärker in die Gestaltungsprozesse in unserer Gesellschaft eingreifen…und wenn es nur 2 Stunden in der Woche sind??
     
    Was in dieser Situation m.E. wichtig ist , dass es nicht neben der bestehenden „Politikerverdrossenheit“ auch zu einer “ Bürgerverdrossenheit “ kommt wie sie Marina Weissband in ihrem blog beschrieben hat:
     
    Der offene Politiker
     
    http://www.marinaslied.de/?s=B%C3%BCrgerverdrossenheit&searchsubmit=
     
     

  10. OliverLauer 6.04.2012 at 13:28

    Nico, besetzten die Piraten nicht nur eine Lücke, die die anderen Parteien, vor allem die linken, nicht besetzen? Dass diese Lücke da ist, ist doch nicht das „Verschulden“, noch nicht mal eine Leistung der Piraten? Man kann sich über Konkurrenz „beschweren“, versuchen, diese „nieder zu schreiben“, weg diskutieren oder bessere „Produkte“ liefern und den Markt dann entscheiden lassen.
    Ich halte das Letztere für erfolgsversprechender…langfristiger. 
     
    Wie schon oben erwähnt, vor mehr als 100 Jahren haben die Sozialdemokraten die damals entstehenden „Politischen Versorgungslücken“ auch besetzt…

  11. OliverGassner 6.04.2012 at 14:06

    Also, wenn die Piraten es schaffen, das bedingungslose Grundeinkommen und die Kulturflatrate immer mal wieder in die Diskussion zu werfen, wenn sie zur Abwechslung mal Bildungspolitik diskutieren, die auch was kosten darf: mir solls recht sein.
    Wenn sie zu netzpolitischen Diskussionen anderswo ermuntern: auch gut. Wenn sie ein ‚digital Maintreaming‘ erzeugen wie die Grünnen ein eco-mainstreaming: auch recht.
     
    Was ich grad eher nicht hören kann sind die eher argumentationsflachen Reflexe aus der Ecke Regener oder Tatort…
    Dass die Piraten nicht in den Gemeinderäten angefangen haben, dafür können sie ja auch nix. Oder dass sie nicht mit Menschenketten und Demos begonnen haben sondern eher flankiert wurden.
    Solang sie dei Not zur Tugend machen, soll es mir auch recht sein (die Grünen waren zumindest flügelweise aus der K-Gruppenzeit ja Semoprofis ;).
    Hier im Lokalblatt wurden die Piraten im Leserbrief mal wieder als Witzfiguren (ok, der einen oder andere Kandidat zur Landtagswahl kam ARG komisch rüber) und Spaßpartei von Gratisdowenloadern beziechnet. dass es das nicht trifft, wissen wir beide.

  12. saarlandundmehr 6.04.2012 at 22:56

    @Nico In gewissem Sinne haben sich die Piraten das Motto „Mehr Demokratie wagen“ zueignen gemacht. Mal abwarten, was draus wird.

  13. Nach den Landtagswahlen in NRW im nächsten Monat werden die Weichen für die Bundestagswahl 2012 gestellt und da wird der Bundestag ebenfalls geentert :-)

Trackbacks and Pingbacks:

  1. Die Online-Splitter des Tages - das wichtigste des heutigen Tages auf einen Blick: | Berlin Valley - 7.04.2012

    […] Piraten zum Ersten: Nico Lumma wagt eine Prognose für das Piratenjahr 2012, in dem weiterhin viel diskutiert und nichts geliefert wird – und in dem die derzeit noch funktionierende Fokussierung der Piraten auf den bewussten, ehrlichen Dilletantismus für Frustration unter den engagierten Mitgliedern sorgen wird. Lumma […]