Die Echtzeit braucht bessere Puffer

Nico —  19.04.2012

Ist es nicht faszinierend, daß wir etwas twittern und sofort Antworten darauf bekommen? Daß wir ein Foto auf Facebook mit den Freunden teilen und sofort die ersten Likes eintrudeln oder die Freunde kommentieren? Daß wir sofort alles diskutieren können, egal wo wir gerade sind, so lange wir halbwegs online sind?

Ich finde es super. Echtzeit schockt. Aber Echtzeit kann auch massiv ermüden. Nicht nur, daß man sich irgendwann fragt, ob man wirklich alles liken muß, was man toll findet, man kann doch auch mal eine Meinung für sich behalten, oder? Man muß auch nicht immer so viel sharen, vielleicht ist doch nicht immer alles so witzig oder relevant, wie wir mal dachten, oder?

Echtzeit ist irgendwie schnell vergänglich. Was interessieren mich meine Tweets von eben gerade, der Blogartikel von gestern ist doch schon uralt. Das Foto vom Wochenende wurde in der frühen Neuzeit aufgenommen und das populäre Facebook-Spiel vom Anfang des Jahres ist quasi im Mittelalter entstanden.

Diskussionen entstehen und werden geführt, aber sie werden schnell geführt und in Realtime. Alles ist flüssig, wir diskutieren und voten. Zack. Aber doch bleibt vieles irgendwie offen und wartet auf den nächsten Kommentar.

Wie bekommen wir Echtzeit hin für Leute, die nicht immer dem Netz ihre Aufmerksamkeit schenken können oder wollen? Wie schaffen wir es, Diskussionen so zu strukturieren, daß nicht der Schnellste und Penetranteste die Meinungsführerschaft an sich reisst, sondern mehr Menschen eingebunden werden können und vielleicht auch Zeit für Reflexion bleibt?

Ich sehe das bei meinem eigenen Verhalten. Eine Diskussion geht los, ich bin am Rechner. Diskutiere mit. Bin unterwegs, die Diskussion geht weiter, lese mit. Ein langer Beitrag kommt, ich lese ihn nur halb, weil irgendwas oder irgendwer meine Aufmerksamkeit benötigt. Der nächste Beitrag kommt, der lange Beitrag rutscht aus dem Bewußtsein, hinzu kommen Links, Likes und Replies anderswo im Netz und schwupps bin ich raus aus der Diskussion, weil ich es nicht mehr ohne vertretbaren Aufwand schaffe, alle Fäden wieder zu bündeln.

Nein, ich glaube nicht, daß ein persönlcihes Social Media Dashboard hier die Lösung der Probleme sein kann. Ich glaube, persönliche Digests, wie man sie von Mailinglisten kennt, könnten in der Tat etwas helfen, aber auch Hinweise im Sinne von „hier ist der aktuelle Stand so und so, hier wolltest Du noch was sagen, hier wartet jemand auf Deine Antwort“ könnten sicherlich dafür sorgen, Echtzeit etwas zu puffern und nutzbarer zu machen.

Oder ist Echtzeit einfach fire & forget? Watt fott es, es fott, wie der Rheinländer so schön sagt? Müssen wir lernen, mit der kollektiven Überforderung der Echtzeit zu leben, oder bieten sich da intuitive Lösungen an, die die Echtzeit-Nutzung vereinfachen? Können wir als Nutzer trennen in ein Echtzeit-Netz, bei dem vor allem die Erinnerung zählt, also wie bei Gesprächen, und einem permanenteren Netz, das als Basis dienen kann?

Wieso ich darauf komme? Weil ich gerade das Gefühl habe, viele Diskussionen am Anfang zu verfolgen und später dann es kaum noch schaffe, mich einzubringen, weil ich einfach nicht mehr weiß, wo die Diskussion eigentlich stattgefunden hat und wie der Stand jetzt ist. War es per Mail? Eine Mailingliste? Luquid Feedback? Wenn ja, wo? Twitter? Google Docs? Dropbox? Facebook? Da war noch was bei Google+, auf das ich antworten wollte oder sollte? Das ist mühselig, denn es gibt einfach Themen, bei denen ich am Ball bleiben muß oder will. Und ich fühle mich als halbwegs bewandert im Umgang mit dem Internet und den sozialen Medien, noch dazu habe ich außer im Flugzeug und auf der Bahnstrecke Hamburg-Berlin, auf der ich diese Zeilen gerade bei der Fahrt durchs Niemandsland tippe, immer Netz und nach Aussage mir nahestehender Personen auch immer ein iPhone in der Hand.

Mir entgeht also eigentlich nichts. Aber doch werde ich das Gefühl nicht los, daß Echtzeit einen Puffer benötigt, damit nicht zu viel an einem vorbeifliegt, was man eigentlich gesehen hatte und mit dem man sich noch beschäftigen wollte.

9 responses to Die Echtzeit braucht bessere Puffer

  1. infinsternis 19.04.2012 at 13:45

    Ganz einfache Lösung ohne Puffer: Einfach selbst keine Inhalte posten, die morgen schon wieder out sind. Dann bleibt auch die eigene Timeline für andere lesenswert (außer natürlich für die Social Media-Filterblasenheinis). Und beim Mitlesen gilt das Gleiche: Leute aussortieren, die nur hippen Trendkram posten und Leute rein, die sich wirklich für Dinge begeistern und nicht immer nur zum neuesten Scheiß den schnellsten Witz haben.

  2. Ein genereller Puffer hilft gar nichts, da bleibt dann 80% unerledigt (Instapaper, Read Later, …) – einfach, weil in der Zwischenzeit andere interessante Sachen aufgepoppt sind. Man müßte eine Gewichtung einführen: Lohnt in drei Stunden noch, lohnt in drei Tagen noch, lohnt in drei Wochen noch, zeitlos.
    Problem ist dabei natürlich, das die wirklich großen Themen stets aufgeschoben würden, weil ja erst die vergänglicheren abgearbeitet werden müssen.

  3. das wort ist scheiße und alt aber was mir da helfen würde ist eine „wiedervorlage“, am beispiel: im google reader fliegt ein blog eintrag an mir vorbei der verspricht interessant diskutiert zu werden, gleich lesen und tab offen lassen um den dann irgendwann aus versehen wieder zu entdecken? scheiße oder? wie wäre es mit einem „erinnere mich nochmal an xy“ also die gute schöne wiedervorlage. das ganze bitte mit APIs zu allen socialdingern und rssgedöns. (also ein „follow conversation“ button FOR ALL THE THINGS(tm) )
     
    ps.: was mich auch wahnsinnig nervt ist auf twitter stellt jemand eine potentiell interessante frage (will umlackieren welche farbe soll mein neuer john deere haben?) und bekommt bestimmt per @ reply interessanten input, wie folgt man dem effektiv?

  4.  @fkohl Mit Tweetbot as iPhone-App kann man sich alle Replies auf einen bestimmten Tweet anzeigen lassen.

  5. Du brauchst keinen Puffer sondern die Erkenntnis, dass Du nicht jede Diskussion verfolgen kannst. Je mehr Diskussionen Deinen Alltag bestimmen, desto geringer ist Deine Aufmerksamkeitsspanne und desto schlechter das Ergebnis. Insofern hatte unser Altkanzler Helmut Schmidt durchaus recht.

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