Die Zeitung und das Digitale an sich

Nico —  18.11.2012 — 12 Comments

Ja, es musste so kommen, nun schreibe auch ich noch über die Zeitungen, natürlich ist die Insolvenz der Frankfurter Rundschau der Aufhänger und natürlich haben schon ganz viele Leute dazu ganz viele schlaue Sachen dazu formuliert, exemplarisch sei das Facebook-Posting von Wolfgang Blau und der Blogpost von Dirk von Gehlen empfohlen.

743px-Zeitungsautomaten_in_MuenchenIch bin aufgewachsen mit einem Stapel Tageszeitungen, bei uns zuhause wurden die Lübecker Nachrichten, die Bergedorfer Zeitung, die Frankfurter Rundschau, aber auch die Kieler Nachrichten und das Hamburger Abendblatt gelesen. Hinzu kamen der SPIEGEL und die ZEIT, natürlich der Stern und später auch der Focus. Als Kind eines Politikers habe ich früh angefangen, Zeitungen zu lesen, vor allem als mein Vater ständig in der Presse war und mich Lehrer mehr und mehr darauf ansprachen, was mein Vater schon wieder gesagt hätte.

Ich lese schon sehr lange keine einzige Tageszeitung mehr. Im Studium habe ich die Frankfurter Rundschau verschlungen, jeden Morgen. Während meines Auslandsjahrs in Berkeley habe ich sofort den San Francisco Chronicle abonniert, ein Tag ohne Tageszeitung konnte ich mir nicht vorstellen. Mittlerweile ist es anders. Ich überfliege die Website des Hamburger Abendblatts und lese 4-5 Artikel, viel mehr finde ich nicht interessant. Die Schlagzeilen-Seite von SPON ist sicherlich die Seite, die ich am Tag am häufigsten öffne, um zu gucken, was es Neues gibt. Ich habe einen proppevollen Feedreader und lese Flipboard auf Tablets oder dem iPhone. Meine sozialen Netzwerke kuratieren Inhalte für mich, die ich über Twitter, Facebook oder Google+ finde und lese. Ich kann mich nicht beklagen, dass ich zu wenig lesen könnte. Ich bin ein News-Junkie, war ich schon immer. Wenn ich alleine bin und nichts zu lesen habe, lese ich die Milchpackung durch, einfach ins Leere gucken fällt mir schwer.

Aber. In meinem News-Konsum findet nahezu keine Linearität mehr statt. Ich blättere nicht von Vorne bis Hinten, ich lese punktuell. Ich kann mir daher nicht mehr vorstellen, für eine Bündelung von Inhalten, eine sog. Ausgabe, eine Handvoll Euro zu bezahlen, nicht bei Inhalten, bei denen es um News geht, oder die Einordnung von aktuellem Geschehen. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, ich würde etwas verpassen.

Das hilft aktuell den betroffenen Redakteuren bei der FR oder bei PRINZ oder bei der FTD überhaupt nicht weiter, aber ich glaube, dass diese Bündelung von Inhalten und der Vertrieb mittels Druck auf Papier sich überlebt haben. Das Doofe ist nur, dass niemand ein Patentrezept für die Zeit danach hat.

Ich würde für Folgendes bezahlen:

1. Kickass lokalen Journalismus. Einordnung, kritische Begleitung, von mir aus auch Gossip und Peoplekrams, aber lokale Themen und die ordentlich aufbereitet. Texte, die ich sonst nicht finde, die aber zu Themen um mich herum stattfinden. Dazu gehört auch lokale Wirtschaft, lokaler Sport und lokale Kultur, aber ordentlich und nicht immer nur über die üblichen Verdächtigen.

2. Konsequente digitale Verbreitung, damit der Leser selber entscheiden kann, wann und wie und wo die Inhalte konsumiert werden können. Der Distributionsweg ist egal, nur die Leser sollen erreicht werden.

3. Präsenz beim Leser, damit man noch schneller bei den Themen ist, aber auch Feedback bekommt, bzw. Akzeptieren lernt.

4. Werbung, die lokal ist und nicht nach dem Motto viel hilft viel funktioniert. Ein Kardinalfehler der Online-Vermarktung war das Ausrichten der Online-Werbung am linearen Prinzip der Print-Vermarktung, daraus resultierten lousy Pennies und genervte Nutzer. Das kann man ändern, wenn man den lokalen Markt kennt.

5. Konsequente Nutzung von Hyperlinks in allen Texten. So lange ich noch Überschriften sehe, die nicht verlinkt sind, oder Kastentexte, die fehlen, kann ich die Online-Derivate von Tageszeitungen nicht ernst nehmen, denn sie nutzen das Medium nicht adäquat.

Kann man so etwas heutzutage dem Nutzer liefern? Klar. Kann man das profitabel betreiben? Bestimmt. Noch gibt es Kompetenz-Zuschreibungen für die lokalen Akteure, noch gibt es vorhande Strukturen. Allerdings auch viel angesammelten Ballast, der das agile Vorgehen erschwert, also Strukturen, Köpfe, Verhaltensweisen, und so weiter. Ohne eine verstärkte Agilität am Markt werden in den nächsten Jahren noch viel mehr Zeitungen verschwinden und die Trauer wird immer weniger werden, weil es zur Normalität gehören wird, dass ehemalige Platzhirsche oder Vorreiter vom Markt verschwinden werden. Das Geschäftsmodell der Tageszeitungen hat sich in der aktuellen Form massivst überlebt und die finanziellen Polster werden immer dünner werden. Wer sich jetzt nicht bewegt, hat verloren, und bei dieser Entwicklung sind wir erst am Anfang.

Aber, was weiss ich schon, ich bin nur irgendein Leser mit Flausen im Kopp.

12 responses to Die Zeitung und das Digitale an sich

  1. “Ich würde für Folgendes bezahlen: Kickass lokalen Journalismus”

    I second that. Dafür würden viele bezahlen, denke ich.

  2. Danke für deinen Artikel. Ich bin mit der WAZ gross geworden, habe mich im Studium durch diverse Probeabos gelesen und lese heute nahezu ausschliesslich online, meist auf dem iPad, Nachrichten aus unterschiedlichen Quellen. Meist mit Reeder, selten mit Flipboard. Daher Frage an dich: wie hältst du es mit Flipboard? Was liest du dort, was im Reeder oder Google Reader? Deine Tipps?

  3. Danke! Sehe es sehr ähnlich. Für mich noch entscheidend sind die Geräte/Oberflächen, die wir zum Lesen nutzen. Nutze auch ein iPad, aber meistens lese ich nur am Rechner oder aufm iPhone.

    Oh, und was die Zeitungen auch noch lernen müssen: wir haben doch alle keine Zeit! Dieses von Dir angesprochene punktuelle Lesen hier und dort, genau das ist es doch. Die ZEIT legt uns eine dicke Papierausgabe auf den Tisch, die einen schon beim Anblick die Lust verlieren lässt. Dabei ließt man doch gerne. Nur eben nicht in dieser konzentrierten Fülle und gewiss nicht alles am Stück. Bei meiner Mutter stapeln sich die Zeitungsausgaben “will ich alles noch lesen”, dabei hätte sie alle Zeit der Welt, wenn sie wollte. Wenn also alleine schon die Generation unserer Eltern müde abnickt, was sollen wir dann erst sagen?

    Das wirklich ärgerlichste Argument bei diesen Diskussionen ist auch immer das Bezahlmodel. Seit wann haben wir das Internet und Werbung im Internet? Und das ist alles immer noch gefühlt so wie in 2004. Blablabla Kostenloskultur, my ass.

    Ich würde auch für lokale Inhalte zahlen. Nur eben nicht als Papierzeitung, sondern als App auf meinen Geräten. Am Ende werden dann wohl nur die kostenlosen Werbezeitungen mit den Nachrichten vom Schützenfest überleben – eben weil sie am wenigsten Konkurrenz (online) haben.

  4. Vielen Dank für dieses “auf den Punkt bringen”.

    Die Tageszeitung hat in der Tat ausgedient; zum Glück reihst du dich nicht in die Reihe derer ein, die nur die Gründe des Scheiterns aufzählen. Stattdessen bietest du Ansatzpunkt für die Redaktionen, diesem Niedergang zu trotzen.

    Es wäre fein, wenn der eine oder andere Print-Journalist diese Hinweise aufgreifen würde.

  5. Doch, das geht, das mit dem Finanzieren journalistischer Inhalte. Schon heute sind Angebote wie Spon oder RP Online profitabel.

    Ein Grundproblem aber ist: Sie werden intern arm gerechnet: http://www.indiskretionehrensache.de/2009/11/wie-verlage-im-internet-geld-verdienen/

    Und auf Basis dieser falschen Profit-Center-Rechnung werden dann Investitionsentscheidungen getroffen.

    Auch ich würde für exzellente, lokale Inhalte zahlen. Doch wenn es die nicht mal im alten Finanzierungsmodell “Zeitung” gibt – wo sollen sie von Verlagsseite her herkommen? Wie das mit der Finanzierung ginge, demonstrierte die “Rheinische Post” mit ihrer iPad-App. Tolle Idee – komplett falsche Umsetzung: http://www.indiskretionehrensache.de/2011/01/rp-plus-ipad-app/

    Eine Bezahlung von Verbreitung oder konsequenter Hyperlink-Nutzung wird allerdings schwierig. Wenn die Verlage weiter von Online-Werbung profitieren wollen, müssen sie das ohnehin tun.

  6. Hier in meiner Mittelstadt gibt es eine Kauf-Tageszeitung, ein Anzeigenblatt aus dem Verlag der Kaufzeitung und ein unabhängiges Anzeigenblatt.

    Im meinem Bekanntenkreis sinkt die Anzahl der Zeitungs-Abos ständig, die unter 40jährigen haben keine Papierzeitung mehr abonniert, die anderen abonnieren die Tageszeitung aus der nicht weit entfernten Großstadt.

    Dafür mausert sich das unabhängige Anzeigenblatt und bringt immer mehr ernsthafte Berichte aus der Kommunalpolitik. Die Redakteure sind auch in allen Sitzungen präsent. Mehr als für zwei Ausgaben in der Woche, die das Anzeigenblatt hat, gibt es auch nicht zu berichten. Und die Anzeigenblätter werden gelesen!

    Meine Prognose: Die Lokalzeitungen werden langfristig als Anzeigenblätter weiterleben. So “tagesaktuell” sind die Nachrichten dort nicht, als das sie unbedingt am nächsten Tag auf dem Tisch liegen müssen.

    Dann wird es noch 2-3 überregionale Zeitungen geben (FAZ und ?), die im Internet Ihre Inhalte hinter einer Paywall verstecken (werden), aber durch die Qualität Ihrer Berichte ein (zahlungswilliges) Publikum finden werden.

    In der Großstadt wird das Thema “Tageszeitung” sicher noch einige Zeit funktionieren, aber in ferner Zukunft…

  7. Eckhard Barth 19.11.2012 at 12:38

    Schon seit Jahrzehnten hören wir: Print – und damit sind in erster Linie die Zeitungen in ihrer Gesamtheit (überregionale, regionale, Kauf-, Wochen- oder Sonntags-Zeitungen gemeint – ist tot. Insgesamt verkauften die deutschen Zeitungsverlage im dritten Quratal 22,8 Mio Exemplare. Die Tageszeitzungen kamen auf 18.02 Mio. Exemplare. Der deutsche Zeitungsmarkt ist der größte in Europa. So schnell tritt der Tod dieses Mediums nicht ein. Es gibt in der Mediengeschichte kein Beispiel, dass die Entwicklung eines neuen Mediums dazu führte, dass ein etabliertes Medium vom Markt verschwindet. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass in den 50er Jahren, als das Fernsehen immer mehr in die Wohnstuben kam, dem Radio, heute sagen wir Funk, keinen Pfifferling mehr gaben. Mitleidig wurde vom alten Dampfradio gesprochen, das nun – aufgrund des Fernsehens – keine Zukunft mehr hätte. Wie steht der Funk heute da. Er hat sich journalistisch und somit inhaltlich gewandelt. Er ist zu einem schnellen Nachrichten- und Service-Medium geworden und die Anzahl der Funksender – vor allen Dingen der privaten – ist gestiegen.

    Die Tageszeitung wird sich auch ändern. Sinkenden Printauflagen stehen steigende e-paper-Auflagen gegenüber. Das Internet ist nicht Wettbewerber. Beide Mediagattungen ergänzen sich. Das Internet als “Suchmedium”, die Tageszeitung als glaubwürdiges und regionales Kompetenz-Medium.

    Konzentrationen im Presse-Markt hat es schon immer gegeben. Große Verlagshäuser haben kleinere Regionaltitel aufgekauft (bevor diese Insovlvenz angemeldet hatten). Das neue ist die Insolvenz der Frankfurter Rundschau. Hier muss man sehen, dass dieser Titel lange Zeit nicht wußte, wie er sich positionieren sollte. Als überregionale Tageszeitung im Vergleich zur FAZ, Süddeutsche Zeitung und die Welt. Diese finanzielle Positionierung wollten die alten SPD-Verleger nicht realisieren. DuMont-Schauberg, seit einigen Jahren Mehrheitsgesellschafter, versuchte, die Frankfurter Rundschau regional wieder stärker zu positionieren. Sichtbares Element war die Formatveränderung. Gescheitert sind diese Versuche letztlich am harten Wettbewerb des Werbekuchens, den sich die regionalen und lokalen Tageszeitungen ausgesetzt sehen. Die Positionierung “überregionale Tageszeitung” und somit Markenwerbung in der Frankfurter Rundschau war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu realisieren.

    Die Entwicklung der Branche bleibt spannend. Die Totenglocke braucht allerdings nicht eingeläutet werden.

    Eckhard B. Barth

  8. Womit soll die – regionale – Tageszeitung punkten, wenn nicht mit gutem lokalen Journalismus. Wobei ich die Betonung auf gut lege. Was ist guter Lokaljournalismus? Jedenfalls nicht das, was landauf-landab auf den Lokalseiten steht. Wir Lokalredakteure müssen viel genauer hinschauen, was hinter Jubelarien und Standardterminen steckt und sie auch mal sausen lassen, um der einordnenden und aufklärenden Berichterstattung willen. Das bedeutet aber auch, sich mit den sogenannten üblichen Verdächtigen anzulegen. Warum nicht? Und diesen frischen Lokaljournalismus müssen wir dann auf allen Kanälen anbieten, nur so wird das etwas. Ich fürchte aber, bis dahin ist es noch ein langer Weg.

  9. Susanne II 19.11.2012 at 21:01

    Kostenloskultur ist wohl ein Problem: Der Feedreader kann nur proppenvoll sein, weil die hart erarbeiteten Nachrichten kostenlos verbreitet werden. Wer sich mit Spon gut informiert fühlt, sollte evtl. tatsächlich mal die Berichte in einer Qualitätszeitung nachlesen. Spon nimmt häufig Agenturmeldungen und peppt sie sprachlich auf – was im Teaser steht, ist vom nachfolgenden Artikel längst nicht gedeckt.

Trackbacks and Pingbacks:

  1. Fotografie + Social Media | Lieber Qualitätsjournalismus! - 20.11.2012

    [...] Artikel von Nico Lumma: Wie sich sein Nachrichtenkonsum verändert hat und wofür er bezahlen würde [...]

  2. Ein Brief an meinen guten Freund: Die Tageszeitung | Netzpiloten.de - 21.11.2012

    [...] viel intensiver. Wir kämen uns dadurch mit Sicherheit noch viel näher! Und was, wenn mich gar nicht alles an dir interessiert, sondern nur einzelne [...]

  3. Lieber Qualitätsjournalismus… ‹ Fotografie + Social Media - 18.02.2013

    [...] Artikel von Nico Lumma: Wie sich sein Nachrichtenkonsum verändert hat und wofür er bezahlen würde [...]

Los, kommentier das mal!