Goodreads und die böse Seite der Macht

Nico —  30.03.2013 — 14 Comments

Gestern wurde bekannt gegeben, dass Goodreads an Amazon verkauft wurde. Goodreads ist eine Plattform für Menschen, die gerne lesen und sich über Bücher austauschen wollen. Man ist auf Goodreads mit anderen Leuten verknüpft, idealerweise natürlich mit seinen Facebook-Freunden, und kann dann sehen, was diese Freunde lesen oder lesen wollen. Ich bin vor ein paar Monaten auf Goodreads gestossen, allerdings nur, weil ich immer mehr Freundes-Anfragen bekommen habe und mir das dann selber mal angucken wollte.

wanttoreadGoodreads ist sehr mächtig, nicht nur weil mittlerweile 16 Millionen Nutzer dort sind, sondern weil sehr einfach Lesetipps verbreitet werden, die sich dann doch von dem unterscheiden, was man in Buchhandlungen so findet oder was Amazon vorschlägt. Eigentlich ist Goodreads auch ganz einfach, man sagt einfach, was man gerade liest und wenn man damit durch ist, verteilt man ein paar Sternchen und sagt, wie einem das Buch gefallen hat. Man kann auch angeben, was man gerne lesen will. Goodreads verfügt auch über eine mobile App, die es ermöglicht, mal eben den Barcode zu scannen und dann zu sehen, was andere Leute so zu diesem Buch schreiben. Die Community bei Goodreads ist dann doch anders als bei Amazon selber, denn bei Goodreads kann ich erkennen, was meine Freunde zu Büchern sagen, was natürlich bei der eigenen Kaufentscheidung eine entscheidene Rolle spielt.

Bislang war Goodreads unabhängig, aber nun wird es zu Amazon gehören, was laut einem Blogpost der Gründer natürlich nur positive Effekte haben wird:

1. With the reach and resources of Amazon, Goodreads can introduce more readers to our vibrant community of book lovers and create an even better experience for our members.
2. Our members have been asking us to bring the Goodreads experience to an e-reader for a long time. Now we’re looking forward to bringing Goodreads to the most popular e-reader in the world, Kindle, and further reinventing what reading can be.
3. Amazon supports us continuing to grow our vision as an independent entity, under the Goodreads brand and with our unique culture.

Ja, das hört sich doch klasse an für Leute wie mich, die Goodreads vielleicht mal etwas mehr nutzen könnten und die einen Kindle besitzen, auf dem sie vielleicht auch noch mehr lesen könnten. Natürlich macht es Sinn, mir auf dem Kindle direkt anzuzeigen, was in meinem Umfeld gerade so gelesen wird, denn ich kann dort auch gleich den Impulskauf tätigen. So kann ich noch mehr lesen, natürlich auf meinem Kindle. Und mehr Geld ausgeben für Bücher bei Amazon.

Amazon zeigt mit der Übernahme von Goodreads, dass sie verdammt clever sind. Das ist keine Übernahme, die dazu führen wird, dass Goodreads schlechter wird für die Nutzer, sondern da die Kindle eReader eh schon weit verbreitet sind, wird es für die Nutzer mit Kindle einfach noch besser werden, und zwar für andere Lese-Communities unerreichbar besser. Amazon bekommt dafür den Zugriff auf die Database of Intentions im Bereich Bücher, denn bei Goodreads erfährt man nicht nur, was andere lesen, sondern auch, was sie lesen wollen. Das ist natürlich ein wichtiges Asset für Amazon, es wird ihnen helfen, noch mehr Bücher zu verkaufen und die Kunden noch besser zu binden. Sicherlich können wir auch jetzt schon im Buchladen den Barcode scannen und direkt bei Amazon das eBook bestellen, aber über Goodreads können wir sehen, was unsere Freunde zu dem Buch sagen und dann den Kauf tätigen, basierend auf den Empfehlungen unserer Peergroup. Das geht noch mehr zu Lasten des lokalen Buchhandels, das geht noch mehr zu Lasten anderer Plattformen und anderer eReader, aber wenn man, so wie ich, bereits Kindle Nutzer ist, dann wird es künftig noch einfacher sein, gute Bücher zu finden.

Amazon ist nicht erst seit gestern mächtig und weiss viel über uns Nutzer, aber diese Position wurde durch die Übernahme von Goodreads noch weiter ausgebaut und verfestigt. Das macht Sinn für Amazon, das ist toll für Kindle-Nutzer, aber es ist großer Mist für Verlage und Buchhändler. So langsam sollte man beginnen darüber nachzudenken, ob regulatorische Eingriffe notwendig werden, um weiterhin eine Vielfalt auf dem Buchmarkt zu gewährleisten.

14 responses to Goodreads und die böse Seite der Macht

  1. Angesichts der Tatsache, dass Amazon bereits Shelfari gehört und diese Seite seit Ewigkeiten nicht verbessert, aktualisiert oder mit einer API oder irgendeiner Kindle-Integration ausgestattet wurde, bin ich bei der Nachricht eher skeptisch. Ich hoffe die Goodreads-Leute haben sich ihr Mitspracherecht für Weiterentwicklungen gesichert und die zitierten Ideen sind nicht nur heiße Luft.

  2. regulatorische Eingriffe, seriously? Ein “Leistungsschutzrecht” gegen Amazon? Das ist ein verfrühter Aprilscherz, oder? Weil also die Verlagswelt verschlafen hat Angebote wie Goodreads auf die Beine zu stellen (oder sich Goodreads anzueignen), muss der Gesetzgeber eingreifen? Davon abgesehen ist – wenn du von Vielfalt sprichst – es gerade Amazon, die mir die größte Vielfalt an Büchern bereitstellen, während sich die großen Buchhandlungen lieber auf Geschenkartikel und Schnelldreher mit Verlags-Regalmeterzuschuß konzentriret haben, statt Sortimentspflege zu betreiben. Dafür sollen wir sie jetzt also belohnen?

    Davon abgesehen: ich lese sehr sehr viel, wenn auch derzeit nicht (mehr) auf dem Kindle, analog wie digital, und obwohl ich schon seit langem einen Goodreads-Account habe, ist mir das viel zu mühselig, da zu pflegen was ich lese und lesen will – und meine To-Read-Liste ist auch jetzt sehr viel länger als ich in den nächsten drei Leben abarbeiten könnte.

    Das was für mich den “Impulskauf” am Kindle auslösen kann sind die Leseproben. Und auch das ist ein Markt den die Verlage schlicht verpennt haben, es wäre nämlich gar kein Problem, auch auf Buchpromo- und Verlagsseiten brauchbares Material zum Anlesen bereit zu stellen.

    • Ich denke eher über möglichkeiten nach, die die kunden in die lage versetzen, ihre bücher mitzunehmen

  3. Was auch klasse an Goodreads ist: die sehr erweiterten Funktionen für Autoren. Besonderes Profil, eigenes Blog usw. Ich habe so ein Profil… http://www.goodreads.com/author/show/4379948.Dirk_Baranek

    Wenn man sich jetzt vorstellt, dass Amazon für diese Autoren vereinfachte Möglichkeiten bietet, eBooks bei Amazon einzuspeisen und anzubieten, das wäre sehr interessant …

  4. Die Alternative zu GoodReads heisst LibraryThing und Gründer Tim Spalding hat sich in eimem ausführlichen Kommentar im LibraryThing Forum dazu geäussert, wie er die Lage nach dem Kauf seines grössten Konkurrenten sieht.
    http://www.librarything.com/topic/152033
    Tim sieht diesen Schachzug auch als Chance, da sich die Amazon Konkurrenz jetzt was einfallen lassen muss.

    Und btw: Da es sich um einen online Service handelt, der von allen Menschen dieser Welt benutzt werden kann, ist das mit nationaler Regulation nicht wirklich zeitgemäss. Mit dieser veralteten Denkweise sind auch schon andere angesichts der Realität ziemlich kläglich gescheitert.

    • Ach so. Weil etwas multinational ist, hören wir einfach auf, darüber nachzudenken, ob und wie man die kundenrechte stärken könnte?

      • Angi Illenseer 23.04.2013 at 12:39

        Ich möchte das alles eigentlich gar nicht kommentieren, sondern nur erfahren wie man denn auf seinem smartphone ebooks von goodreads lesen kann. Wäre super wenn Sie mir antworten könnten :-)
        LG

    • Librarything.. wenn sich die website in den vergangenen 5 Jahren ja mal ein brauchbares Redesign oder benutzbare Funktionalitäten angeeignet hätte. Leider ist es immer noch so chaotisch wie früher. Insofern hat Tim Spalding recht; Leute wie er müssen sich mal was einfallen lassen und es umsetzen

  5. Wenn ich mir ein Buch kaufen oder Ebooks bestellen will, tue ich das meist nicht mehr über den lokalen Buchladen. Ich finde die Übernahme gut. Belebt den Online Ebook Markt noch einmal deutlich. Vielleicht schafft Amazon den Schritt zur papierfreien Welt

  6. Regulatorische Eingriffe??? Mal was von Ayn Rand lesen!

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