Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt.

Nico —  31.10.2013

Ich bin mir nur nicht sicher, welche.

Wenn man sich die Entwicklung der Digitalisierung in Deutschland und der Welt in den letzten 10 Jahren angeguckt hat, dann muss man leider feststellen, dass die handelnden Personen sowohl in der Wirtschaft, aber auch in der Politik nicht wirklich in der Lage waren, die richtigen Fragen auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen. Daher waren die Antworten oftmals bestenfalls irreführend. Die deutschen Intellektuellen sind beim Thema Digitalisierung eher ein Totalausfall, da sind in den letzten 10 Jahren kaum Impulse gekommen.

Nach dem Niedergang der New Economy in Deutschland wurde die Digitalisierung reduziert auf die Fragestellung, wie sich Medien verändern und welche Auswirkung die Digitalisierung auf das Urheberrecht und die damit verbundenen Geschäftsmodelle hat. Die Diskussion, wie sie zur Hochzeit der New Economy geführt wurde und bei der es immer um die mannigfaltigen Umwälzungen ging, die das Internet auf allen Ebenen bringen würde, wurde mit einem gewissen Aufatmen gestoppt und man hatte das Gefühl, dass viele Entscheidungsträger froh waren, dass sich die digitale Entwicklung nach dem Zusammenbruch der New Economy erst einmal verlangsamte.

Nun allerdings stehen wir da und reiben uns kollektiv die Augen, denn um uns herum hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, den die handelnden Akteure hierzulande nicht wirklich wahrhaben wollen. Beispiele gibt es zuhauf. Ich kenne dieses Phänomen aus der Werbebranche, wo in Deutschland der Wandel der Agenturen viel zu lange überhaupt nicht stattgefunden hat und sich nun viele große Agenturen wundern, warum sie auf einmal immer unattraktiver für junge Mitarbeiter werden, aber auch immer mehr Konkurrenz bekommen von Agenturen, die digitale Themen besetzen und damit bei den Kunden offene Türen einrennen. Oder nehmen wir doch mal die Diskussion um die NSA und deren systematische Überwachung des Internets als ein Beispiel. So wurde bereits im Dezember 2001 in der amerikanischen Wired über „The Future of War“ geschrieben und aufgezeigt, wie stark die Privatsphäre des Einzelnen in Gefahr ist. 12 Jahre später hat Deutschland zwar ein Cyber-Abwehrzentrum, aber der Verfassungsschutz ist nicht in der Lage, herauszufinden, dass Spitzenpolitiker vom amerikanischen Geheimdienst überwacht wird. Warum? Weil es einfach niemanden interessiert hat. Während in anderen Ländern das Digitale wichtig ist und in dem Bereich geforscht und investiert wird, sind die deutschen Eliten bestenfalls indifferent demgegenüber. Wir sind ein reiches Land, das sich auf seinen Lorbeeren ausruht, anstatt Anstrengungen zu unternehmen, dass die Vorteile der Digitalisierung konsequent genutzt werden. Wir leisten uns auch den Luxus, über Themen in einer Dauerschleife zu diskutieren, anstatt einen Konsens zu erzielen und dann damit auch zu leben, dafür ist die Energiewende das beste Beispiel.

Aber nun ist es immer ein Leichtes, zu sagen, dass die anderen Schuld haben, also die Generation der aktuell über 50-jährigen und an Ihnen das Versagen festzumachen. Vielmehr stellt sich mir die Frage, inwieweit meine Generation ein Anteil daran hat, dass die ältere Generation an dem Thema der Digitalisierung meilenweit vorbeigeschlittert ist. Wieso haben wir es eigentlich nicht hinbekommen, bereits vor 10 Jahren darauf hinzuweisen, dass man sich auf den unterschiedlichsten Ebenen auf den digitalen Wandel einstellen muss? Oder wieso hat man uns nicht verstanden oder verstehen wollen? Ich habe mir seit 1995 immer wieder den Mund fusselig geredet und bekomme heute teilweise noch dieselben Antworten wie vor 15 Jahren. Und das, obwohl sich meine Argumente seitdem durchaus geändert haben. Ich bin ja bei weitem nicht der Einzige, der versucht, das Thema Digitalisierung auf die Agenda zu setzen, aber ich kann nicht behaupten, dass wir da in den letzten Jahren sonderlich erfolgreich waren, von einigen Ausnahmen natürlich mal abgesehen. Ich würde nur gerne verstehen, woran es liegt. Ist es ein gewisser Tunnelblick, wie Peter Tauber suggeriert und mir attestiert, oder ist es Ignoranz auf beiden Seiten, ist es der jeweile Habitus und Gestus der möglichen Diskussionspartner, der zu Reaktanzen führt? Es kann auch an den Disruptionen liegen, die die eine Seite in Kauf nimmt und die der anderen Seite das Leben eventuell erschwert.

Jedenfalls stehen wir 2013 an einer Stelle der Diskussion, bei der die einen entnervt sagen „jaahaaa, darüber reden wir doch seit 10 Jahren!“ und die anderen sagen „hmm, dass das alles so kommen würde, hätte uns ja echt mal jemand sagen können!“ – für mich stellt sich allerdings die Frage, wie wir jetzt weitermachen. Einen großen Anteil daran haben natürlich auch unsere Massenmedien, die ebenfalls versucht haben, möglichst wenig Impulse in Richtung digitale Gesellschaft zu geben und auch nicht für den nötigen Druck gesorgt haben, damit sich mal mehr Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Andererseits haben digitale Vordenker es leider auch nicht aus eigener Kraft geschafft, das Thema auf die Agenda zu setzen.

Wir haben in Deutschland viel zu viel Zeit damit verbracht, kollektiv abzuwarten, ob man noch mal aus dieser Digitalisierungsnummer wieder rauskommen könnte. Der Zug ist abgefahren, seit mindestens 15 Jahren bereits. Es kommt jetzt darauf an, dass die beiden Generationen zusammen den Transformationsprozess der Gesellschaft begleiten, damit wir gestärkt aus der Digitalisierung hervorgehen.

50 responses to Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt.

  1. „Ich habe mir seit 1995 immer wieder den Mund fusselig geredet und bekomme heute teilweise noch dieselben Antworten wie vor 15 Jahren.“ (Nico)

    Ja, genau meine Erfahrung. Das beste aus dieser langen Zeit war als ich im Jahr 2000 in Paris über meinen Beruf sprach und ich zur Antwort bekam: „Wir sind Franzosen – wir brauchen kein Internet !“

    Auch heute noch habe ich das Gefühl, die meisten warten darauf, dass das Internet „einfach wieder aufhört“ … dann hätte man endlich wieder seine Ruhe.

    Zur NSA PRoblematik hörte ich in der letzten Woche – im vollen Ernst – die Regierung solle doch wieder mehr über Papier kommunizieren, das wäre sicherer. (sic)

  2. Der Artikel geht leider von einer m.M. kolossal falschen Ausgangsthese aus. Nämlich dass Deutschland eine digital rückschrittliche oder gar gescheiterte Nation wäre. Halte ich für eine vollkommene Übertreibung eines, wie mir scheint, digitalen Wichtigtuers. Die Medien schwappen nur so über von „digital“ und Internet, das mobil gewordene Internet beherrscht und organisiert den Alltag vieler Menschen, sowie Wirtschaft und Behörden, die politische Sphäre ist mittlerweile voll vernetzt, Berlin ist europäisches Internet-Startup-Zentrum, selbst meine Mutter im Rentenalter ist mittlerweile ziemlich firm in Internet. Wie kann man da von schwächelnder Digitalisierung reden? Dass in einer Revolution wie der digitalen nicht alles perfekt läuft, liegt in der chaotischen Natur von Revolutionen und ist kein Grund alles schwarzzumalen.

    • ich verstehe nicht, wieso Du Deine Argumentation anreichern musst mit einem persönlichen Angriff. Hilft es Dir, dass Du mich Wichtigtuer nennst? Bringt es die Argumentation voran? Sorgt das für einen besseren Diskurs?

      • Ja, hilft mir – nicht nur mir, sondern auch der weiteren Besprechung und Einordnung des Artikels. Ich halte die in der sogenannten Netzgemeinde ja weit verbreitete Netzmoserei nämlich für das Meckern einer etwas abgehobenen Netz-Spezialbranche und -Klientel, die sich von der alltäglichen Netzrealität der Gesellschaft weit entfernt hat und sich deshalb meiner Meinung zu Unrecht für eine medientechnische Avantgarde hält. Hinzu kommt, dass eine gesellschaftliche Medienumwälzung wie die jetzige nicht von heut auf morgen passiert, sondern weitere mehrere Jahrzehnte dauern wird und sich trotzdem rasant vollzieht. Da wie David Grasekamp Aussagen von vor 13 Jahren zu zitieren ist angesichts des Tempos dieser Umwälzung selbst schon anachronistisch.

    • Mich würde interessieren, ob deine „Mutter im Rentenalter“ repräsentativ ist. Dann müsste ich mir um meinem Umgebung Gedanken machen, in der Rentner noch dem Klischee entsprechen und Digitalisierung meiden. Das ich da nicht ganz allein wäre, dafür spricht auch die fortgeschriebene repräsentative Statistik über alle Netznutzer. Aber möglicherweise irre ich mich ja, möglicherweise aber bin ich ja der Wichtigtuer.

  3. Danke für diesen Artikel Nico…dem ist kein einziges Wort hinzuzufügen!

  4. Auch ich kann jedem Wort nur zustimmen. Kein Wunder, dass die negativen Auswirkungen des digitalen Wandels an der deutschen Politik vorbeigegangen sind – die Innovationskraft ist es ja auch.

    Als digitaler Werber bin ich auch 2013 maximal eine nerdige Randerscheinung, dem die Wirtschaft bei seiner Arbeit zuschaut wie einem Zauberer auf der Bühne: Unterhaltsam, Überraschend aber bestimmt nicht echt. Wenn dann wieder amerikanische Erfolgskampagnen die Runde machen heisst es wieder, „Warum machen wir sowas nicht?“.

    Die digitale Ignoranz steckt auch tief in der deutschen Wirtschaft.

  5. Ich schreibe an einem Buch über die Generation »Social Media«, also die Generation, die Beziehungen schon immer digital gepflegt hat. Sie scheint mir in diesen Überlegungen zu fehlen. Natürlich hat bisher deine und meine Generation sowie die ältere die digitale und politische Welt strukturiert. Aber die Verantwortung für die Lösung der Probleme sollten vielleicht denen abtreten, die sich nicht ständig in analoge Gefilde zurückziehen können.

    • Phillipe: ich pflege meine Beziehungen weltweit seit 1987 digital (kuckt Du Google Gruppen, vulgo Usenet). Was willst Du da für Generationen rausholen, wenn Du über alte Säcke wie mich schreiben willst?

      • Du pflegst seit 1987 alle deine Beziehungen digital – oder halt nur die mit den Menschen, die ebenso funktionieren wie du? Wie viele deiner ehemalige Klassenkameraden oder Familienangehörigen waren denn mit dir zusammen 1987 im Usenet? // Denke nicht, dass hier eine Generationengrenze so falsch ist.

        • Ja, ja. Es gibt auch Menschen, die keine Bücher lesen. Deshalb sollte man die Verantwortung für Bücher an jüngere abtreten, die mit Büchern aufgewachsen sind. Deine Logik passt nicht für Leute, die 1987 online waren. Deine Logik passt nicht für Schwiegereltern, die mit 70 erstmals einen Mac bekommen haben. Deine Logik konstruiert Social Media als Filterblase, die realitätsfremd ist. Mit der falschen Logik sind dann auch die Schlussfolgerungen falsch. Wie sagte man schon 1988: Garbage in, garbage out. Deine Logik erklärt nicht im Geringsten, warum eine junge Frau wie Doro Bär die Totalüberwachung der Bürger im Internet forderte a) mit verfassungswidriger Vorratsdatenspeicherung, b) mit Überwachung aller Webzugriffe aller Deutschen mit dem Zugangserschwerungsgesetz. Du konstruierst einen Hoax, der uns politisch nur zurückwerfen würde. Nach dem D21 Nonliner-Atlas sind 63,7% der Deutschen zwischen 60 und 69 Jahren Alter online. Was willst Du denn da noch groß künstlich an der Realität vorbei ausgrenzen? Das hört sich irrational wie der Jugendkult aus der Waschmittelwerbung an :-)
          http://www.initiatived21.de/portfolio/nonliner-atlas/
          Modern nennt man so was Altersrassismus :-)

  6. Ich glaube, Nico, Du greifst zu kurz, wenn Du einen Generationenkonflikt konstruieren willst. Daher ein paar Beispiele:

    1.) Als ich 1988 half eine große Berliner Hochschule ans Internet zu bringen, schallte uns aus dem BMBF Ärger entgegen. Anstatt kostenlos TCP/IP zu nutzen, was in den damaligen Unix-Workstations dabei war, wollten die Europäer in der Tradition der Telekom-Gesellschaften OSI vom Staat aus machen. Ging nicht, funktionierte nicht, aber die Forschungsadministration war nicht bereit, aus Fehlern zu lernen. Manche Mitstreiter (Protagonisten) von damals sind nicht nur in Rente, sondern auch schon tot.

    2.) Microsoft hat sich bis 1996 geweigert, das Internet zu unterstützten, bis es dann auf Basis von Open Source den Internet-Explorer dabei gab. GE-Vorstand Jack Welsh fing erst 1998 an: „We are late!“ war die Einführung seiner E-Business-Aktivität.

    3.) Uns brachte das Signaturgesetz 1997 auf Abwege. Die Informatiker aus dem Rheinland versprachen Sicherheit wie bei Papier und mehr und die SPD fiel drauf rein. Heerscharen von Juristen warne glücklich, umstädnlichen Mist mit qualifizierten Signaturen machen zu dürfen, anstatt wie in USA Problem im juristischen Raum statt im technischen zu lösen: Amis und Engländer sagen einfach: wenn Du Mist machst, gehst Du in den Bau. Damit konnte Clinton schon in den 90ern Steuererklärungen für Bund und Staaten online stellen (auf zwei Webseiten (Seiten, nicht Sites)). Wir haben eine ausufernde Steuergesetzgebung und konnten lange Elster nicht online machen. Zypries hat dann die Rheinlandinformatiker beglückt und sowohl im Privatrecht als auch im Öffentlichen Recht die qual. Signatur eingeführt. Ohne jeden Erfolg. Aber auch hier trauen wir uns nicht, aus Fehlern zu lernen. Statt dessen satteln wir mit nPA, DE-Mail usw. drauf und basteln ein eGovernmentgesetz, wo gestern rumkam, dass nur 25% der Stakeholder der Meinung sind, dass sie es schaffen bis 2020 ihre Aktenführung elektronisch zu machen.

    4.) 1998 beim Start von Rot-Grün sollte Jost Stollmann Wirtschaftsminister werden. Weil er dynamisch war. Das erst, was Lafontaine, damals SPD machte, war das BMWi zu kastrieren, was Stollmann abschreckt und er nicht den Sozigrüßkapser geben wollte.

    5.) Die Gesche war nett als Wahlkampfgag, aber nun sehen wir, dass Zypries die VDS mit der CDU verhandelt. Dieselbe VDS, die von der letzten Großen Koalition als verfassungswidrig beschlossen wurde.

    6.) Mein Lieblingsthema: Das Zugangserschwerungsgesetz. Wenn Frau von der Leyen mit dem BKA-Chef für Journalisten Kinderpornografievorführungen veranstaltet, dann lässt sich die große Koalition dazu hinreissen zu beschliessen, dass jeder Webzugriff jeden Deutschen gegen eine geheime Liste verglichen werden soll, wobei nicht Richter Recht sprechen sollen, sondern die Polizei: das BKA sollte für sich beschliessen, was Kinderpornografie ist und das wird dann geheim gehalten und rechtliches Gehör wie in einer Diktatur abgeschafft. Als dann 140.000 Bürger sagten, dass das Gesetz Scheisse sei, haben die selben Figuren das Gegenteil im Bundestag beschlossen. Völlig unabhängig vom Alter. Doro Bär gehörte auch zu den Wendehälsen und auch zu verfassungsfeindlichen VDS-Berfürwortern. Und so alt, wie Du hier tust ist die nun mal nicht. Und den Tauss, dem die Behauptungen vom BKA verdächtig erschien, den haben wir über den Besitz von Kipo stolpern lassen, während BKA-Chef und UvdL unbehelligt für Journalisten Kipo-Happenings veranstalten lassen konnten. Als Tauss sich dann auch noch weigerte, der Verschärfung des BKA-Gesetzes zuzustimmen, hat Kriegstreiber Struck in weg geekelt.

    7.) Zypries hat das Urheberrecht zuungunsten der Verbraucher verschärft, statt es der Neuzeit anzupassen. Die Kultusministerkonferenz war so dreist, dass sie Trojaner in Schulen installieren wollten (rechtswidrig wie das BKA), um Lehrer und Schüler heimlich zu überwachen, ob sie „Raubkopien“ haben, ansatt den Winzig Markt von Schulbüchern (245 Mio €/a), die überwiegend von öffentlich Bediensteten in Nebenarbeit erstellt werden und von Behörden genehmigt werden müssen, einfach urheberrechtsfrei nach §5 UrhG als amtliche Werke zu stellen.

    Wir haben kein Altersproblem, sondern ein Demokratieproblem. Die Parlamente und Regierungen lösen sich beschleunigt vom Souverän (altersunabhängig, siehe Doro Bär). Der Souverän hat keinen Zugriff mehr und weniger Schmiergeld als die Industrie (siehe CO2 mit BMW-Spende, aber auch Hannelore Kraft, die mit Altmaier gerade die Abschaffung der Energiewende verabredet).

    Wir machen viele Fheler, aber wir haben keine Kultur, damit umzugehen. Stat deessen verhärten wir udn wollen mit dem Kopf durch die Wand. Das die „intellektuellen“ ausgestiegen sind, hängt viel damit zusammen, das wir für die noch kein Geschäftsmodell gefunden haben. Bei Zeitungen ist es dasselbe (die natürliche gegen das Netz schreiben,m wenn sie von Papier leben). Selbst bei Geheimdiensten ist es das fehlende Geschäftsmodell: seit dem Wegfall des Kalten Krieges sind die Arbeitslos. Für Terrorbekämpfungen taugen die nichts, also machen die sich pseudowichtig und sammeln was die in die Finger kriegen könne. Und nehmen die Politiker in Geiselhaft, weil ja alles so wahnsinnig geheim ist. Die Demokratie wird ausgehebelt. Unabhängig vom Alter. Snowdon hat das ja auch lange unter 30 mitgemacht bei zauberhaftem Gehalt.

    Wenn wir jetzt eine GroKo bekommen, dann sind halt die nächsten 4 Jahre politisch verloren. Ich wette, die schaffen es nicht mal, einen Mindestlohn für alle zu backen, was in USA seit Jahrzehnten normal ist. Weil man zu feige ist, mit RRG mal was neues zu gestalten und schon in jungen Jahren am alten klebt.

  7. Nach Merkel ist das Internet ja sowiso noch Neuland.
    Daran merkt man auch das unsere Politik dem ganzen noch nicht so wirklich gewachsen ist.
    Allein der Arbeitsmarkt den das Internet aufweist ist enorm !
    Aber wie wird es in der Zukunft weiter gehen ? Also ich seh da Schwarz

    Grüße Helge

  8. Nach meinem Verständnis hat es in der Geschichte der Menschheit noch keinen bewußt gestalteten Fortschritt gegeben. Technische und soziale Entwicklungen gleichen in ihrer Wirkung eher Naturereignissen, mit denen die davon betroffenen Menschen dann fertig werden müssen.
    Schon Homer hat vor mehr als 2500 Jahren mit seiner Figur der Cassandra beschrieben, dass vorausschauenden Menschen nun einmal nicht geglaubt wird. (Wobei sich ja auch nur die wenigsten Vorhersagen später als richtig herausstellen, selbst wenn sie gut begründet sind.)
    In diesem reaktiven Grundmuster gibt es auch keinen Unterschied zwischen einzelnen Ländern, die gesamte Menschheit steht den Problemen und Herausforderungen des digitalen Zeitalters ziemlich hilflos gegenüber. Der Erfolg des Homo sapiens beruht nun mal auf seiner Anpassungsfähigkeit, nicht auf vorausschauendem handeln.

  9. Zum kleinen Scharmützel zwischen Nico Lumma und dem User Petterson: Lumma einen „digitalen Wichtigtuer“ zu nennen, ist unkonstruktiv, aber im Kern ist der damit verbundene Vorwurf nicht so abwegig, dass man ihn einfach wegwischen könnte. Der Vorwurf „Eine Generation hat versagt“ liest sich für mich so, als wenn in Deutschland das Internet kurz vor der Abschaltung stünde. Statt dessen ist die .de-Domain nach .cn die zweitmeistgefragte Länder-TLD der Welt – lange war sie die beliebteste, Deutschland liegt beim E-Commerce deutlich vor vielen anderen EU-Staaten, Zalando mischt gerade die Welt auf, Hoster wie 1&1 und Strato sind europaweit und auch in der Welt unterwegs, die Telekom ebenso. Die digitale Wirtschaft hat in Berlin (einer der größten Tourismusmetropolen Europas) den Sektor Tourismus überholt, bundesweit setzt die digitale Wirtschaft angeblich mehr Geld um als die Landwirtschaft. Das Internet ist derzeit noch in einer geradezu abenteuerlichen Weise USA-zentriert, was unter anderem auch viel zur starken Rolle Englands in E-Commerce und Onlinemarketing beiträgt: Die Amis machen halt lieber Geschäfte mit Leuten, die ihre Sprache sprechen. In Deutschland werden genausoviele Smartphones und Tablets gebaut wie in den USA, nämlich gar keine. Und von den 20 größten Internet-Companies der Welt sind zwar keine aus Deutschland, aber auch keine aus dem Rest der Welt, aus Japan, Indien, aus der EU etc. sondern nur aus den USA. Das Internet gehört den USA und dabei wird es auch bleiben. Das ist aber nichts, was die Deutschen jemals hätten ändern können. Versuche der Deutschen, ein eigenes Internet zu entwickeln, sind vor rund 20 Jahren endgültig gescheitert, aber das gilt auch für die Versuche aller anderen Staaten, dies zu tun.

    Wo genau haben wir 50-Jährigen also versagt?

    • Das die .de häufigst registrierte ccTLD ist widerspricht nicht der These, das eine oder mehrere Generationen versagt hat. Auch da bemühe ich mal die Statistik, die der Denic um genau zu sein als auch eine unbekannter Quelle: Die Denic behauptet, die die Domaininhaber regional festmachen zu können. Und kommt auf die denkbaren Schwerpunkte wie Berlin und München – der ländliche Raum kommt da nicht vor, auch nicht verhältnismäßig. Und eine andere Statistik besagt: Es gibt eine massive Häufung bei einzelnen, vulgo: Grabber. So 90er, aber immer noch aktuell.

  10. Hallo Herr Lumma,
    vielleicht interessiert Sie in diesem Zusammenhang meine psychologische These einer „Dritten Transformation“ in der Arbeitswelt: das Phänomen der digitalisierten, vernetzten Arbeitswelt und wie sie den menschlichen Geist und die Neurophysiologie des Gehirns verändert: http://www.amazon.de/Cooldown-Die-Zukunft-Arbeit-meistern

    P.S.
    Versuchen Sie mal, einen Bürgermeister auf dem Land vom Glasfaserausbau zu überzeugen. Da prallen einfach unterschiedliche Lebenswelten aufeinander. Das hat IMHO wenig mit Versagen zu tun.

  11. Wer wie der Kommentator @Frank den „Erfolg“ des Internet in Deutschland an registrierten .de-Domains, und ähnlichem gesellschaftlich uninteressanten „Ecommerce“-Facts misst, wird nicht verstehen, worum es selbst Nico geht: Es geht darum, dass ein anderes Miteinander durch das Web möglich ist und dieses andere Miteinander gesellschaftliche und wirtschaftliche Machtstrukturen in Frage stellt.

    Es ist durchaus so, dass die „alten Strukturen“ verstanden haben, dass sie „das Internet“ nicht mehr wegbekommen und es dementsprechend so regulieren müssen, damit ihre Macht erhalten bleibt bzw. digital erneuert wird.

    Was Nico als einen Generationenkonflikt wahrnimmt ist de facto ein Kampf um eine sich verändernde Weltsicht. Die wohlgefällige neoliberal durchseuchte Babyboomer-Generation, die auch jenseits des Web auf Kosten der Vergangenheit und der Zukunft gelebt haben stehen einer Kohorte gegenüber, die spürt, dass eine andere Welt möglich ist. Das Internet ist ein Werkzeug für diesen Wandel. Aber wie Wu es mit „The Master Switch“ beschrieben und Snowden es uns nun exemplarisch geleakt hat – das gleiche Werkzeug kann auch anti-aufklärerisch und zum Erhalten der Machthierachien eingesetzt werden.

    Es wird sicherlich Zeit, dass deutsche Netzengagierte, wie auch Nico einer ist, verstehen, dass ihr Engagement nicht wegen und durch eines technologischen Wandels begründet ist, sondern weil diese Technologie für diese Epoche der Schlüssel für eine Weiterentwicklung darstellt, die von den Kräften der Beharrlichkeit wenn nicht mehr wegignoriert, dann eben kleingemacht, kastriert und pervertiert werden.

    Niemand hat versagt, irgendjemandem was zu erklären. Die Ignoranz ist nicht gegen Technologie, die Ignoranz ist gegen den tatsächlichen Wandel, den tatsächlichen Fortschritt.

  12. Sascha Stoltenow 1.11.2013 at 8:20

    Die Behauptung, eine Generation habe versagt, behauptet unter anderem auch, dass a) eine Generation in der Lage gewesen wäre, nicht zu versagen, also eine Entwicklung fundamental anders verlaufen zu lassen und b) dass es bereits mindestens eine Generation gegeben habe, der das gelungen ist. Das ist nahe am Gottesbeweis, geht aber zumindest davon aus, dass es ein für alle anzustrebendes Ziel gebe. Dieser Teleologie kann ich mich leider nicht anschließen, denn Wirklichkeit ist immer kontingent, also jeweils auch anders möglich. Vor diesem Hintergrund kann ich nach wie vor gesellschaftliche Entwicklungen kritisieren, aber nicht quasi-religiös behaupten, es gebe einen von allen anzustrebenden Zustand. Etwas mehr Demut ist hier angebracht, gerade weil die Erfindung des Computers – und das ist der Ursprung dessen, was wir heute erleben – nun auch schon einige Jahrzehnte zurückliegt und also viele „versagende Generationen“ für den heutigen Zustand mitverantwortlich sind. Den wiederum finde ich gar nicht so schlecht, denn, wie Jens sagt, der bietet uns unglaublich viele Chancen, die dominanten Diskurse zu beeinflussen. Dass dabei gleichermaßen viel Dummes wie Kluges gesagt wird und wir zu Recht mit Entwicklungen umzufrieden sind, liegt in der Natur der Sache. Versagen ist aber die falsche Kategorie, um das zu beschreiben. Vielmehr zeigt uns die Digitalisierung unsere Kulturprogramme, zeigt, wie wir die narzistische Kränkung durch den Computer verarbeiten, und eröffnet uns, ähnlich wie in der Zeit nach der Verbreitung des Buchdruckes in Europa, die Chance, Dinge zu reformieren. Das wiederum aber ist ein Prozess, der über so viele Generationen verläuft, der jede dieser Generationen fordert, die Behauptung aber, eine dieser habe versagt, geht am Kern der vor uns liegenden Aufgaben vorbei und vermittelt eine falsche Illusion von der tatsächlichen Selbstwirksamkeit. Kurzum: Wir erleben eine Krise, die wir nicht beherrschen können. VDS ist scheiße, denn sie dient einzig dazu, die Kontrollphantasien einiger zu bedienen und richtet mehr Schaden an, als sie nutzt, wobei sie rhetorisch aus der gleichen Denkschule kommt, wie diejenigen, die einer Generation Versagen vorwerfen. Die VDS-Propagandisten sind die „evil twins“ der selbsternanten digitalen Elite.

  13. Der Beitrag strotzt von der Überschrift angefangen vor Übertreibungen und man kann sich fragen, wie so eine Tonalität entsteht. Als wenn es je eine Generation gegeben hätte, die nicht mindestens partiell versagt hätte oder gescheitert wäre. C’est normale. Ich vermute, es hat zum einen mit der immanenten Gier des Netzes nach Aufregung und beschleunigtem Herzschlag zu tun (in dieser Hinsicht hat ja überhaupt keine Generation versagt, sondern auch die älteren Kohorten schwadronieren ja inzwischen im Netz drauflos, was das Zeug hält; zum Zweiten aber auch mit der für Consultants und Experten aller Branchen typischen Propagandisierung des je eigenen Themas. Wenn ich Social Media Berater wäre, wo würde ich wohl laufend Missstände entdecken?! Da hat der oben gefallene Begriff „Wichtigtuer“, zieht man das Invektive ab, doch seine doppelsinnige Berechtigung, nämlich als Wichtig-Macher von Dingen, deren Wichtigkeit manchmal gar nicht so hoch ist, wie sie der Wichtigmacher selbst einschätzt.
    Am Ende heißt es – ich finde das beinahe komisch -, wir sollten nun alle miteinander „den Transformationsprozess der Gesellschaft begleiten, damit wir gestärkt aus der Digitalisierung hervorgehen.“ Genau bei solchem ministerialen Sprachmurks landet man, wenn man einen ganzen Beitrag lang im Unspezifischen badet. Es fehlt dem Fisch die Butter. Wo exakt liegen die verpassten Chancen? Was exakt hätte längst erreicht werden sollen? Wo exakt liegen Schwächen, die dringend überwunden werden sollen? Dazu müsste man auch die bestehenden Stärken bilanzieren. Wenn z.B. die Wirtschaft insgesamt so netz-abstinent funktionieren würde, wie hier suggeriert wird, warum ist dann die Wirtschaft kaum eines anderen Landes international so stark vernetzt? Tipp: Das Social-Gedöns einmal nicht für den Nabel allen Weltgeschehens zu halten, ist vielleicht auch eine erhellende Perspektive.

  14. Nach dem Niedergang der New Economy (…)

    Da hast Du ein zentral wichtiges Stichwort genannt, ohne es freilich angemessen in einen Kausalzusammenhang einzubetten, der (besser als irgendwelches pauschales Versagensgejammer) erklären könnte, warum es ist wie es ist.

    Mir scheint, innerhalb der digitalen Evangelisten-Zirkel hat man nicht so recht eine Vorstellung davon, was für Schockwellen die platzende Dotcom-Blase bei all jenen ausgelöst hat, die sich nicht so im Detail mit der Digitalisierung befasst haben, aber im Vertrauen darauf, dass jetzt tatsächlich das Zeitalter einer völlig neuen Wirtschaftsordnung anbricht, ihr Erspartes am Neuen Markt versenkt haben. Was wurde nicht in den späten 90ern schon alles erzählt, „in naher Zukunft werden wir alle nur noch übers Internet…“, und als die gleichen Visionen dann Jahre später nochmal im Zuge von Web 2.0 aufgetischt wurden, dürften viele abgewunken haben mit dem Hinweis darauf, jaja, kennen wir schon, ich lass mich vielleicht einmal verarschen, aber nicht zwei Mal.

    Mit anderen Worten, es liegt nicht daran, dass zu wenig gepredigt wurde, wie toll (und notwendig sowieso) das mit der Digitalisierung wird, sondern nicht zuletzt daran, dass mit diesen Versprechungen schon mal Fantastilliarden an Börsenwerten aufgeblasen und dann – pppffffffffffffffffffffffffft – wieder vernichtet wurden.

  15. Vielen Dank für die vielen Kommentare. Ich gehe da mal gesammelt drauf ein.

    Ich glaube nicht, dass sich die Digitalisierung der Gesellschaft an der Anzahl der .de TLD oder dem Umsatz von Zalando festmachen lässt. Wohl aber daran, wie selbstverständlich das Digitale Einzug in die unterschiedlichsten Lebensbereiche gefunden hat. Und da sind wir leider immer noch meilenweit hinter dem, was möglich wäre. Aber nicht nur fehlt die Anwendung von Open Data, Open Access, Open Educational Resources, etc., sondern es findet noch nicht einmal ein Dialog darüber statt, warum man so etwas haben sollte oder wollte. Jetzt beklagen sich alle über Spionage, aber warum Linux in Behörden Standard sein sollte, das wurde nie diskutiert. Es rächt sich, dass wir weder Hard- noch Software für den Massenmarkt herstellen in Deutschland und somit abhängig sind von anderen Ländern. Es rächt sich aber vor allem, dass es keinen Diskurs darüber gibt, was wir als Land benötigen, um die Digitalisierung zu meistern.

    • Mit den Domänen sehe ich auch so. Schlechter Indikator. Mit den Open Data Anwendungen sehe ich auch so (ich habe ja länglich geblockt, was möglich wäre). An der Stelle fehlt a) die Sicht auf den Nutzen. Es gib Behörden, die mit absurden Lizenzmodellen auch dort dne nationalen Alleingang wollen, es gibt ehrenamtliche Hacker, es gibt Leute, die sich freuen, wenn sie Github installieren können. Aber es gibt in Deutschland keine Leute, die Regierungsgeld investieren wie in England, um Nutzen für Bürger mit Open Data zu heben, den die Wirtschaft liefern soll. Das Open Data Institut fiert heute internationalen Zulauf, während ich mich als Deutscher schämen muss und in London Leute Fragen, wo sind eigentlich Frankreich und Deutschland.
      Bei Linux und Spionage aber muss ich widersprechen. Die haben nichts miteinadner zu tun. Das ist so, als wenn man über Atombomben spricht und statt Abrüstung Bunker fordert. Absurd.
      Die brasilianische Ministerpräsidentin hat (altersrassistisch weise ich darauf hin, dass sie 65 ist) den richtigen Weg gezeigt: diese Frage müssen wir bei der UN lösen (wie Genfer Konventionen, WIPO, und WTO). Regionale oder nationale Lösungen sind einem globalen Medium absurd. Ich kriege immer die Krätze, wenn Gesche oder die Grünen fordern wir sollen das Internet in 200 Provinzen zerhacken,.wo wir möglichst vielen Parlamentariern Arbeit gegen sollen, ihr provinzielles Süppchen zu kochen für ein inkompatibles globales Patchwork wie in Deutschland im 19. Jahrhundert (anfangs, vor der SPD).
      “ Es rächt sich, dass wir weder Hard- noch Software für den Massenmarkt herstellen in Deutschland und somit abhängig sind von anderen Ländern.“
      Du sprichst wie Hannelore Kraft oder Johannes Rau, die die dreckige Kohle verbrennen wollen, Hamburg absaufen lassen wollen, um bloss nicht vom Öl der Araber abhängig zu sein oder etwa unsere Kriegsgebiete in Afrika opfern müssten, bloss weil wir diplomatische Gespräche mit der Bevölkerung aufnehmen müssten, wenn wir Sonnenenergie in der Sahara gewinnen wollten. Wir müssten ja darauf verzichten, Afrika, Arabien, Afghanistan mit Bombenteppichen zu pflastern und hundertausende Zivilisten zu ermorden, weil wir ja nach Peter Struck für die große gute Sache kämpfen (von Rheinmetall und anderen Mordwaffenlieferanten, die Mutti so mag).
      Was zum Teufel soll uns den treiben, die Globalisierung zu verdammen, auf weltweite Arbeitsteilung zu verzichten, jeder macht das, was er gut kann.Was sollen diese rückwärtsgewandten Rufe nach Autarkie in einer arbeitsteiligen Welt?

      Wir müssen unsere globale Spionage neu sortieren: Staatsüberfälle sollen ausspioniert werden dürfen, bei Terror versagen die Geheimdienste, bei Wirtschaftsspionage und Totalüberwachung müssen wir sie kriminalisieren. Global. Und global vor Gericht bringen. Gnadenlos. Und wer nicht mitmacht: Boykott. Wie bei Iran. Wir können unsere globalen Probleme diplomatisch lösen: Putin hat es in Russland gezeigt. Ein kalter Krieg auf technischer Basis gegen globale kriminelle Spione ist schon verloren, wenn wir ihn anfangen. Weil wir die Verbrecher damit legitimieren.

      Mach dein Herz auf für Frieden, Freiheit und internationale Solidarität.Wie können wir unseren amerikanischen, spanischen, brasilianischen Freunden helfen, nicht von den Geheimdiensten dieser Welt kriminell ausspioniert zu werden. Das Motto der SPD heisst „Vorwärts!“ nicht zurück in die Provinz des 19. Jahrhunderts.

    • Ich wäre da weniger pessimistisch. Das hier ist doch auch Diskurs. Und die Reformation hat sich auch erst durchgesetzt, als Luther schon lange tot war ;-)

  16. Also, ich bin nicht immer der Meinung des Blogbetreibers … das ist aber auch nicht notwendig, denn sonst gäbe es ja keine Diskussionen mehr, oder!?

    Ich würde allerdings nie so weit gehen, ihn zu beschimpfen, eben wegen einer anderen Meinung. Jeder Mensch hat andere Erfahrungen gesammelt und wird deshalb nie in allen Punkten auch die gleichen Schlüsse ziehen, wie jemand anderes.

    Aus meiner Sicht heraus geht die Entwicklung der Technik und des Internet nun in eine sehr explosionsartige Phase über. Alles beschleunigt sich und lässt nun alle diejenigen Unternehmer zurück, die sich bisher keine Gedanken gemacht hatten, wie sie das Internet in ihr Unternehmen mit einbinden können oder die gedacht hatten, dass Marktänderungen schleichend voran schreiten … so, wie sie das gewohnt waren.

    Wenn man zurück denkt, dann hat es so etwas Umwälzendes schon einmal gegeben – die Erfindung des Automobils hatte auf die damalige Weltbevölkerung wohl die selben erschreckenden Auswirkungen gehabt. Nun sehen wir aber in unserer Zeit das Internet nicht mit additiven Fortschritten voran schreiten sondern alles potenziert sich. Alles was auf digitaler Ebene passiert, Pixelanzahl der Kamerafotos, Rechnerleistungen, Chips … alles wächst im Quadrat. Dem kommt der Mensch nicht mehr nach!

    Ich kann hier auch meine Erfahrung bzgl. der in Deutschland gerne vollzogenen Endlosschleifen-Diskussionen darlegen. Mir werden in Kundengesprächen heute noch die selben Fragen zu Social Media und Webseitenaufbau etc. gestellt, wie seinerzeit 206-2008. „Seinerzeit“ liegt gerade mal 5-6 Jahre zurück … in der beschriebenen Entwicklung entspricht das aber zwei Jahrzehnten oder mehr von früheren Entwicklungen.

    Google sagte 1998, sie wollen das Internet komplett speichern und analysieren etc. – alle haben gelacht! Heute schimpfen alle über die Daten-Krake, haben aber nicht die E… in der Hose, dann auch parallel auf die Suchfunktionen auf der Jagd nach den Schnäppchen des Alltags zu verzichten.

    Ich will nicht pauschalisieren, aber durch das ständige „sich aus politischen Diskussionen schön heraus halten“, „ja nicht auffallen und anecken“ sind wir Deutschen ins Hintertreffen geraten. Man kann nicht wirklich alles Gut heissen, was z. Bsp. bzgl. Datensicherheit und Spionage etc. gerade passiert, aber als „zurück gelassenes Opfer“ lässt es sich leicht rum mosern. Andere Länder sind in der Technik und der Nutzung des Internet meilenweit voraus geprescht! Wir haben hierzulande den Anschluss verpasst – nicht nur in der Technik, sondern zu allererst in den Köpfen.

    Massig Unternehmer und Marketing-Verantwortliche winden sich seit Jahren um klare Entscheidungen. In der Hoffnung, noch den Hintern in den Ruhestand zu bekommen. Sehenden Auges, dass die Umsätze nahezu überall rückläufig sind seit 10 Jahren und mehr … und „alle“ Umsätze nahezu 1:1 in denOnline-Bereich abwandern. Wo findet man zweistellige Zuwachsraten? Bei allen Unternehmen, die auf das Internet und damit verbundene Dienstleistungen, Produkte etc. gesetzt haben.

    Nirgends kann man eine so hohe Wirkung durch Automation erreichen, genau dort läuft Vieles ohne Personaleinsatz ab. Da wird keiner krank, da fällt keiner aus, da will keiner Urlaub … das sind alles unschlagbare Dinge, die sich rechnen … das ist eine Entwicklung, die unsere Weltordnung umwerfen wird. Die Probleme von heute sind erst der kleinste Teil dessen, was noch kommen wird, da bin ich mir sicher!

    to be continued – der Stoff wird uns nicht ausgehen, ganz bestimmt nicht!

    Michael Marheine

    Autor Michael Marheine bloggt auf diversen eigenen Plattformen zu den Themen Social Media und Online-Marketing sowie E-Mail-, Video-, Affiliate- und Mobile Marketing etc., durchlebte alle Stufen vom Angestellten. Startup, Selbständigen, erfolgreichen Unternehmer bis hin zum Unabhängigen (Unternehmer)

  17. „(…) meilenweit hinter dem, was möglich wäre“, das ist so pauschal und unkonkret, dass sich daraus schwerlich eine realistische Standortbestimmung ableiten lässt. Technisch möglich wäre es schon längst, dass wir alle mit RFID-Chips unter der Haut rumrennen oder jeder einen Avatar bei Second Life rumfliegen lässt, aber ist es das, womit wir die Digitalisierung wirklich gemeistert hätten? Oder dieses ganze Open-Irgendwas-Gedöns (sorry, wenn das jetzt etwas borniert und despektierlich rüberkommt), das ist doch überspitzt gesagt eine obskure Orchideendisziplin von irgendwelchen Fürbittenvorlesern der Netzgemeinde. Beim Versuch, meiner Mutter zu erklären, wofür wir das unbedingt brauchen, käme ich wahrscheinlich ziemlich ins Schwitzen. Die einheimische Herstellung von Hard- und Software (oder deren Fehlanzeige) taugt als Indikator für die Digitalisierungsleistung hierzulande auch nur bedingt, von daher wüßte ich jetzt wirklich mal gern genauer, über welche Problemstellung wir hier eigentlich reden, wo der dringendste Handlungsbedarf gesehen wird undsoweiter.

    • Gut gebrüllt, Löwe. Vor allem stellt sich die Frage, welche Länder uns bei der Nutzung von „Open Gedöns“ weit voraus sind und welche kulturellen und volkswirtschaftlichen Effekte das tatsächlich hat.

      Und längst nicht alles, was sich irgendwie hip anhört, ist es auch. Beispiel: Jeder von uns hat bestimmt über die tollen Poster-Kioske gelesen, die es in Südkorea angeblich an jedem U-Bahnhof gibt: Poster, auf denen ganz viele Produkte des täglichen bedarfs abgebildet sind, daneben ein QR-Code, und der Südkoreaner kann so auf dem Weg nach hause mit dem Smartphone seinen Einkauf machen. Bloß: Eine Kollegin war in Seoul und sagt: Die Dinger nutzt kein Mensch, weil es überall in der Stadt Läden gibt, die rund um die Uhr auf haben. Und statt mit ihren Händys rumzufuddeln, gehen die Leute einfach in den Laden und kaufen ein.

  18. Mit der Elterngeneration mache ich die Erfahrung, dass sie sich teilweise regelrecht bedroht fühlen. Die Kinder bewegen sich in einer Sphäre, in der sie keine Vorerfahrungen haben. Bestenfalls versuchen sie einfach das Thema mehr oder weniger zu ignorieren. Im schlimmsten Fall denken Eltern bei Internet einfach nur an Facebook-Privatsphäre-Einstellungen. Wir haben als Humanist Lab zig Leute und Institutionen angesprochen, weil wir Eltern und Lehren (kostenlos!) etwas darüber erzählen wollten, wie sich die Zukunft ihrer Kinder durch die Digitalisierung verändert. Nichts! Nur taube Ohren. Vielleicht denken sie auch einfach: „Das müssten wir doch merken, wenn da wirklich was dran wäre!“ Wer aber seine Gewohnheiten nicht verändert und den Rechner nur mit dem Arbeitsplatz assoziiert, merkt gar nichts.
    Die ganz Jungen allerdings sind auch nicht viel weiter. Ja, sie bewegen sich ganz selbstverständlich im Netz, aber sie verstehen die Mechanismen dahinter überhaupt nicht. Sie hinterfragen weder ihre spezifische Internetnutzung (die ganz anders ist als die von uns Internet People), noch sehen sie die größeren politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge. Ich machen ihnen keinen Vorwurf. Aber ich glaube, wir haben zu lange gedacht, dass sich die Digitalignoranz mit der nachfolgenden Generation auswächst. Das tut sie aber irgendwie nicht. Dass sie z.B. mit ihrem Laptop ein veritables Produktionsmittel in der Hand haben, sehen sie nicht. Prosumenten – okay, aber mehr auch nicht.

Trackbacks and Pingbacks:

  1. NSA, SPD UND CDU. #VDS | Ringfahndung Magazin - 31.10.2013

    […] Wer nach diesen eindeutigen Hinweisen auf die Prinzipienlosigkeit der SPD noch in ihr bleibt, @Nico, @Cem, der macht sich diese Haltung auch irgendwann zu eigen. Ich hoffe auf klare Statements von […]

  2. Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt [Kommentar] » t3n - 31.10.2013

    […] Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf lumma.de – der Autor hat uns den Beitrag freundlicherweise zur Zweitverwertung überlassen. […]

  3. Das Internet ist krank. - 31.10.2013

    […] Lumma: “Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt“ (auch […]

  4. Mit Verlaub, Herr Lumma! | Lumières dans la nuit - 31.10.2013

    […] habe mit im Verlaufe des Lesens anschwellender Unlust ihr heutiges Blogposting “Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt” gelesen, und diese durchgreifende Unlust führte zu einem immer größeren Verlangen, der […]

  5. Hirnfick 2.0 » Operiert, verstimmt und pleite. - 31.10.2013

    […] dem Internet umgehen kann, sülzte heute selbiges Internet damit voll, dass wir die Digitalisierung verschlafen hätten. Nico Lumma von der Vorratsdatenspeicherungs-SPD. Der Nachtwächter hat dazu mal was […]

  6. Ein Miniklon in 3D und #autumnisok - 31.10.2013

    […] der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt Nico Lumma fragt sich in seinem Blog Lummaland welche Generation versagt hat. Haben sich zwei Fronten zwischen denen die wollen und denen die […]

  7. Speisekarten-Blog - 1.11.2013

    Information ist ein Produktionsfaktor

    Nico Lumma spricht ein Thema an und aus, dem ich unbewusst auch schon eine Weile nachsinne:

  8. Blogrundschau – neue Links | Netzfischer - 2.11.2013

    […] Lumma schreibt, dass eine Generation bei der Digitalisierung der Gesellschaft versagt hat. Er ist sich nur nicht sicher, […]

  9. Dilemma: Technologie und Gesellschaft | cdv! - 2.11.2013

    […] Lummainnerhalb von zwei aufeinanderfolgenden Blogposts ein Dilemma. Während er auf der einen Seite ganzen Generationen ein Versagen im Umgang mit der Technologie vorwirft, nimmt er im nächsten Post quasi alles zurück und verteidigt die Strukturen der alten […]

  10. Die Dublin #websummit im Metro Herald. Oder: #neuland-Index Gratiszeitung » Websummit, Gratiszeitung, Seite, Deutschland, Hashtag, Dublin » hofrat.ch - 3.11.2013

    […] die Zeichen der Zeit – nach nun immerhin 15 Jahren – erkannt zu haben: “Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt.” Und die wichtigste Erkenntnis: “Ich bin mir nur nicht sicher, welche.” (die […]

  11. Industrielle Informationsökonomie gegen vernetzte Informationsökonomie - 4.11.2013

    […] Nico Lumma: […]

  12. Fundraisingwoche vom 28.10.-03.11.2013 | sozialmarketing.de - wir lieben Fundraising - 4.11.2013

    […] jetzt vernünftige URL und so war das CommunityCamp. Drosseln geht erst mal nicht und wir haben alle versagt. Hier ist nix vielseitig und bunt, aber die Bitkom hat Zahlen. Und, Skateboarding is not a crime. […]

  13. Digitaler Bullshit › meiersworld.de - 4.11.2013

    […] Lumma hat in seinem Beitrag über die Digitale Gesellschaft […]

  14. Digitale Revolution - Digitaler Ernst - Markus Dreesen - Aufschrei - 7.11.2013

    […] Artikel ist sehr pointiert geschrieben und enthält Inspirationen von Lumma.de und vom PR […]

  15. Die Dublin #websummit im Metro Herald. Oder: #neuland-Index Gratiszeitung | hofrat.ch - 31.10.2014

    […] die Zeichen der Zeit – nach nun immerhin 15 Jahren – erkannt zu haben: “Digitalisierung der Gesellschaft: Eine Generation hat versagt.” Und die wichtigste Erkenntnis: “Ich bin mir nur nicht sicher, welche.” (die […]