Was ich 2014 im Netz lesen will

Nico —  4.01.2014

2014 alle so yeah! Nachdem ich kürzlich in einem Artikel durchaus pointiert zum Ausdruck gebracht habe, was ich 2014 im Netz nicht mehr lesen will, gab es einige Kritik, dass derartige Listen zwar kurzweilig zu lesen seien, aber es viel interessanter wäre, zu erfahren, was denn in 2014 meiner Meinung nach lesenswert wäre. Nun denn, darüber musste ich in der Tat ein paar Minuten länger nachdenken und die Liste ist eigentlich fast endlos, aber hier kommen die Top 10 Artikel, die ich im Netz nicht nur lesen, sondern auch diskutiert sehen will. Idealerweise aber eben nicht nur im Netz, sondern von mir aus auch mal in anderen Medien, damit mehr und andere Leute anfangen, darüber nachzudenken und sich in die Diskussion einzumischen. Ob ihr es glaubt oder nicht, aber als Leserinnen und Leser dieses bescheidenen Blogs gehört ihr durchaus zur Avantgarde in Deutschland und beschäftigt Euch mit Themen, die die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung noch nicht interessiert und ich weiss gar nicht, ob das Wörtchen „noch“ in diesem Kontext überhaupt verwendet werden kann.

Hier ist meine Top 10 Liste der Artikel, die ich 2014 lesen will:

1. Leben trotz permanenter Überwachung
Letztes Jahr haben wir festgestellt, dass unsere wildesten dystopischen Vorstellungen einer permanenten Überwachung schon weitestgehend umgesetzt wurden, nicht von Schurkenstaaten, sondern von westlichen Demokratien. Das war kein plötzliches Umlegen eines Schalters, sondern ein schleichender Prozess, bei dem immer wieder eigentliche heilige Kühe geschlachtet wurden. So haben wir mittlerweile an jeder Ecke Überwachungskameras, wir ziehen eine digitale Spur hinter uns her, wir praktizieren ungeschützten bargeldlosen Zahlungsverkehr und die Online-Kommunikation wird auch munter überwacht. All das, obwohl wir nichts zu verbergen haben. Ich glaube, dass durch diese Art der Überwachung viele Grenz- und Graubereiche in unserem Leben schwieriger darstellbar sein werden und das wird negative Auswirkungen auf unsere westlichen Gesellschaften haben.

2. Digitaler politischer Meinungsbildungsprozess und der öffentliche Raum
Wir sind ganz am Anfang davon, zu verstehen, wie sich der politische Meinungsbildungsprozess gerade verändert. Natürlich gibt es weiterhin die unterschiedlichsten Akteure wie Parteien, Verbände, Vereine, Initiativen, es gibt Stammtische und in den Kaffeepausen werden die BILD-Schlagzeilen diskutiert, aber je digitaler die Gesellschaft wird, desto mehr verändert sich auch der politische Meinungsbildungsprozess in diese Richtung. Gleichzeitig verlagern sich dann aber Diskussionen in Bereiche, die von Wirtschaftsunternehmen zur Verfügung gestellt werden und nicht mehr den Bürgern gehören wie der klassische Marktplatz.

3. Das Knirschen der Aufmerksamkeitsspirale
Konkurrenz belebt das Geschäft und anders als früher, als meine Tageszeitung noch im Abonnement bezogen wurde und morgens vor meiner Tür lag, sehen wir online den permanenten Wettstreit um die Gunst der Leserinnen und Leser. Jede Schlagzeile versucht, aufmerksamkeitsstärker als die nächste zu sein, jeder Artikel muss Traffic ziehen, jedes Video muss funktionieren, immer schneller müssen die Inhalte produziert werden, immer mehr sollen alle clicken. Die Kontemplation hat es zunehmend schwer, wenn wir Leserinnen und Leser erzogen werden sollen, dass nur noch Aufregung und Schnelligkeit, vor allem aber Clicks zählen. Clickvieh will eigentlich niemand sein, aber wir amüsieren uns in der Advertorialwelt von Buzzfeed zu Tode, während die Langfassungen von Texten hinter Paywalls verschwinden und somit wenig zur Diskussion beitragen.

4. Visionen zur Entwicklung der Stadt und der Regionen
Wir bewahren um des Bewahrens willen und Veränderungen in Städten und Regionen werden immer schwieriger, weil sie immer unbequemer werden. Wir wollen es bequem, wir wollen das Cocooning nicht nur in den eigenen Vier Wänden, sondern generell. Wutbürger protestieren gegen Großprojekte, Planer entwickeln Großprojekte, deren Nutzen fragwürdig ist, gleichzeitig schützen wir baufällige Häuser aus der Nachkriegszeit, weil sie exemplarisch für eine Epoche sind. Das war nicht immer so, was natürlich mit den Folgen des 2. Weltkriegs zu tun hat. Ich habe zu Weihnachten das Buch Hamburgs dunkle Welten geschenkt bekommen, in dem unglaubliche Bilder von aufgerissenen Straßen zu sehen sind, weil Ubahn-Tunnel gebaut werden. Die Vorstellung, eine Hauptverkehrsader einer größeren Stadt für länger als 5 Minuten stillzulegen, führt zu den irrationalsten Auseinandersetzungen, die es sehr schwer machen, eine gestalterische Stadtentwicklung auch nur zu diskutieren. Gleichzeitig verändern sich die Mobilitätskonzepte der Menschen, Regionen fallen zurück und sollen lebenswert bleiben oder gar werden, aber es fehlt an Infrastruktur, an Geld für den Betrieb von maroden Schwimmbädern aus den 70ern, an Einkaufsmöglichkeiten, ganz zu schweigen von Kneipen, Cafés und Restaurants. Wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben und wo?

5. Herausforderungen der Skalierung von Social Media
Noch vor wenigen Jahren wurde aufgeregt postuliert, dass sich durch Social Media die Unternehmen in ihrem Kern verändern zu haben, dass eine Ausrichtung auf den Kunden erfolgt, dass dadurch die Produkte besser werden und die Unternehmen fröhlich vor sich hin prosperieren, während sie den Dialog auf Augenhöhe auf Facebook, Twitter und dem Unternehmensblog führen. Anstatt bloggender Unternehmenslenker beim öffentlichen Nachdenken im Diskurs mit den Kunden zu sehen, hat das Call-Center die Facebook Fanpage übernommen und die Kollegen des Direktmarketing kümmern sich um plakative Anzeigen im Aufmerksamkeitsbereich der Nutzer, während verheissungsvoll „Gewinne, Gewinne, Gewinne!“ an jeder Ecke gebrüllt wird, damit Nutzer den Weg zur Fanpage noch finden, denn eigentlich wollen die Nutzer lieber mit ihren Freunden plaudern oder witzige Links verteilen. Ist das wirklich alles, was man mit Social Media erreichen kann?

6. Zukunft der Arbeit
Ein Klassiker. Aber es lohnt sich, dieses Thema grundsätzlich und immer wieder zu diskutieren, denn für die meisten von uns bedeutet Arbeit, dass wir mindestens 8 Stunden werktäglich damit verbringen und auch für die, die keiner bezahlten Arbeit nachgehen, ist die Zukunft der Arbeit durchaus relevant. Wie gehen wir damit um, dass immer mehr Automatisierung erfolgt und immer mehr gering-qualifizierte Arbeitnehmer keine Jobs finden, während gleichzeitig die Gesellschaft immer älter wird, aber die herkömmliche Erwerbsbiographie mit nur wenigen unterschiedlichen Arbeitsstellen immer mehr einem Flickenteppich der Beschäftigungen mit all seinen Flexibilisierungen und Unsicherheiten weicht? Der Begriff Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wird eine Renaissance erleben, wie wir ihn seit den Wahlkämpfen in der Amtzeit von Helmut Kohl nicht mehr erlebt haben.

7. Bildung im 21. Jahrhundert
Wir versuchen derzeit mit den Strukturen des Bildungsbetriebes des 19. Jahrhunderts die Kinder und Jugendlichen auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten, ohne auf liebgewonne Schrulligkeiten zu verzichten bei gleichzeitiger Straffung der Lehrpläne hin zu einem schmalspurigerem Studium, damit junge Erwachsene schneller auf dem Arbeitsmarkt ankommen. Gleichzeitig bleibt das System undurchlässig und Akademikerkinder im Vorteil, wir manifestieren somit die Probleme auf dem Arbeitsmarkt, anstatt sie gerade in Hinblick auf die Veränderungen der Arbeitswelt bereits frühzeitig zu lösen.

8. Freiheit
Ein Begriff, der als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird und aus der Mode gekommen ist, aber auch im Zeitalter der omnipräsenten sozialen Sicherungssysteme munter diskutiert werden sollte. Was bedeutet Freiheit im 21. Jahrhundert? Was macht sie aus? Wie tangiert die Freiheit des Einzelnen die anderen in der Gesellschaft, wie ist das Zusammenspiel mit der Solidarität in der Gesellschaft? Wir dürfen Freiheit nicht einfach nur so als Begriff wahrnehmen, der irgendwie da ist, sondern wir müssen ihn auch mit Leben füllen. Freiheit ist kein Selbstzweck, zumal die persönliche Freiheit durch ausufernde Überwachungsphantasien der demokratisch legitimierter Staaten immer weiter beschränkt wird.

9. Technologie als Triebfeder für eine neue Gründerwelle
Während der Diskussion um die Auswirkungen der Enthüllungen des Edward Snowden wird immer wieder von der Politik formuliert, dass Deutschland den Datenschutz deutscher Prägung zum Exportschlager innovativer deutscher Firmen machen sollte. Eine Generation junger WHU-Absolventen hat aber nun mal gelernt, wie eCommerce funktioniert und wie Exit-Strategien aussehen. Gleichzeitig haben wir schlaue Köpfe in technischen Studiengängen an Universitäten. Mir fehlt eine Diskussion über Ideen, über neue Technologien und die daraus resultierenden Geschäftsmodelle. Wir sind eine Export-Nation, nur bleiben wir bei digitalen Geschäftsmodellen, von einigen Ausnahmen abgesehen, lieber unter uns.

10. Digitalisierung und Teilhabe
Die Gesellschaft wird in immer mehr Bereichen digitalisiert, mit allen daraus resultierenden Vor- und Nachteilen. Digitalisierung an sich macht die Gesellschaft noch nicht besser, aber auch nicht schlechter, daher sollten wir tunlichst versuchen, die positiven Aspekte zu stärken. Für mich ist die Teilhabe das A&O der Digitalisierung, darüber wurde in den 90er Jahren viel diskutiert, aber diese Diskussion ist leider verebbt, obwohl das Thema jetzt viel drängender ist als damals.

So, das sind jetzt meine Top 10 Artikel, die ich gerne 2014 im Netz lesen und diskutieren möchte. Wenn ihr sie nicht schreibt, schreibe ich sie irgendwann selber.

9 responses to Was ich 2014 im Netz lesen will

  1. Was mir fehlt: Die Energiewende. Ich weiß, die ist kein eigentlich digitales Thema, aber wenn wir, die wir ja die Avantgarde sind, über Zukunftsszenarien und Disruptionen nachdenken, dürfen wir m.E. dieses Feld nicht weiter links liegen lassen, zumal auch hier Technologie eine zentrale Rolle spielt.

  2. Die Punkte 6 und 7 finde ich besonders interessant.

    Ich glaube hier haben wir noch viel vor uns.

    Wie sieh Arbeit in 20 Jahren aus? Wie können wir eine gerechte Gesellschaft formen (Stichwort Grundeinkommen).

    Und bei der Bildung ist der Handlungsbedarf viel akuter. Vor allem die schulische Bildung ist einer Katastrophe, die weder Neugierde weckt, noch fit für die Informationsgesellschaft macht; eigentlich ist sie nur dafür da die jugendlichen einnzusperren, damit die Erwachsenen in Ruhe arbeiten gehen könne.

  3. Zu Punkt 6:
    Thema Arbeit in meiner Praxis (Psychiatrie, München): 5% kommen, weil sie darunter leiden, keine Arbeit zu haben. 95% kommen, weil sie Arbeit haben, aber darunter leiden (Stress, Konlikte, Überlastung etc.pp.). Zahlen grob geschätzt.
    Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? So, dass wir nicht durch die Arbeit krank werden.

  4. Also zu Punkt 1:

    Warum könne oder wollen viele sich in diese Diskussion gar nicht einmischen?

    Natürlich ist Überwachung nichts gutes und erst recht nicht, wenn Sie von so genannten Demokratischen Staaten in aller Breite ohne eine Begründung, die einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte tatsächlich rechtfertigen, durchgeführt werden.

    Aber die meisten Menschen erleiden doch aktuell keinen spürbaren Nachteil dadurch. Spürbar wäre es für die meisten eben dann, wenn sie wirkliche Nachteile bei der Berufswahl, im Privatleben oder in anderen Bereichen hätten. Spürbar wird es vor allem dann, wenn das eigene Geld in Gefahr ist. Die Debatte würde also meiner Meinung nach am besten ins Rollen kommen, wenn für jeden gespeicherten Datensatz der Besitzer der Daten einen gewissen Betrag zahlen müsste. Also quasi eine Entschädigungspauschale dafür, dass man überwacht wird.

    Zu Punkt 5:
    Es ist wie mit jeder Technik. Zuerst kommt der Vertrieb und lotet aus, welche neuen Möglichkeiten für bessere Verkaufsergebnisse möglich sind. Erst viel später wird durch die Unternehmen überprüft, welche weiteren Themen sich mit einer neuen breit verfügbaren Technologie machen lassen. Bestes Beispiel dafür ist die Entwicklung der Call-Center Landschaft.

    Die ersten Call-Center wurden alle mit dem Ziel der Vertriebsförderung gegründet. Erst viel später sind die Unternehmen auch dazu übergegangen, dass Service-Center zu entwickeln, in das sich der Kunde auch wenden kann, wenn er Fragen und Probleme hat.

    Und das die CCs die Arbeit in den sozialen Netzwerken übernommen haben sehe ich als vollkommen unwichtig an. Ist es nicht vollkommen egal, wer die Anfragen beantwortet solange die Antworten dem Anfragenden helfen?

  5. zu Punkt 3: Konkurrenz belebt zwar das Geschäft aber es kann einen auch ruinieren. Eine zu starke Konkurrenz kann einen zwingen Schritte zu gehen die man nicht gehen will. Es ist immer besser wenn die Konkurrenz nur so groß ist das sie ungefähr die Hälfte von einem ist. So kann man zum einen schnell reagieren und muss sich nicht fürchten das es zu große Auswirkungen auf das gesammte Konzept hat.

    zu Punkt 9: Neue Technologien bringen auch neue Gefahren mit sich. Man weiss nie ob diese sich auch langfristig halten können. Was heute auf einer sicheren Schiene fährt kann morgen schon wieder am Ende sein. Auch das Thema zum Datenschutz wird nie enden. Eine Möglichkeit ist sich in der Mitte zu treffen aber das wird auch niemand gefallen wollen. Dieses Problem wird mit einer besseren Technologie noch ansteigen. So stehen noch viele Debatten im Raume.

  6. Lieber Herr Lumma,

    weil es wie die Faust aufs Auge passt (sowohl thematisch wie auch zeitlich), erlaube ich mir zu Ihrem Punkt 6, „Zukunft der Arbeit“, auf mein aktuelles Buch hinzuweisen:

    „Cooldown. Die Zukunft der Arbeit und wie wir sie meistern“
    http://www.amazon.de/Cooldown-Die-Zukunft-Arbeit-meistern/dp/3869365145

    Es diskutiert die von Ihnen genannten Punkte und macht Lösungsvorschläge.

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