Und nochmal was zur Sache mit der Gewalt

Nico —  7.01.2014

Hach, jetzt weiss ich wieder, warum ich eigentlich nichts zur aktuellen Gewalt gegen den Staat in Hamburg schreiben wollte. Es ist die unsägliche Art der Diskussionskultur vieler Beteiligter, die sich sehr schwer damit tun, unterschiedliche Standpunkte zu tolerieren und hyperventilierend Änderungen an meinem Text fordern, sobald ein neuer Artikel irgendwo im Netz steht, der ihre Meinung bestärkt. Wer linke Gewalt kritisiert, sticht in ein Wespennest, das hätte ich mir denken können und es war auch mal wieder eine neue Erfahrung für mich. Interessant sind auch die sog. Nonmentions auf Twitter, wenn man also kritisiert wird, davon aber nichts mitbekommen soll, dem liegt auch ein interessantes Konzept des politischen Diskurses zu Grunde, da bin ich mir sicher. Beleidigungen sind übrigens ebenso fehl am Platz wie Hinweise auf eine vermeintliche Nähe zu Schill oder anderen Rechtsauslegern, nur weil ich einen anderen Standpunkt formuliere als einige es gerne hätten.

Jungs, Mädels, mal nur die Ruhe. Ich habe hier am Sonntag meinen Standpunkt formuliert. Der Standpunkt lautet: ich toleriere keine Gewalt gegen den Staat. Ich habe weiterhin gleich ganz oben im Text, damit auch ja alle das lesen, geschrieben: „Ich fände es auch besser, es gäbe keine Anschläge auf Polizeireviere und es gäbe kein Gefahrengebiet, aber wir müssen uns auch mal darüber unterhalten, was in Hamburg gerade passiert.“ Mir also zu unterstellen, ich sei nach Rechts abgedriftet oder es gehe mir um das Kadavergehorsam der SPD, der irrt hier. Zumal ich einen Satz vorher auch schildere, wie wenig Neumann, Scholz und Lumma innenpolitisch auf einen Nenner zu bringen sind.

Mir ist auch völlig egal bei der Diskussion, wer bei der letzten Demo angefangen hat und warum. Wir sind hier nicht im Kindergarten. Ich erinnere mich noch an die Gewalt-Exzesse an der Hafenstrasse und trotz damaliger Sympathien für die Hausbesetzer ging mir das zu weit. Wer nicht die Absicht hat, friedlich zu demonstrieren, soll sich bitte nicht darüber aufregen, dass die Polizei darauf vorbereitet ist. Um das noch mal klar auszusprechen: ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Menschen für oder gegen etwas demonstrieren, aber ich habe etwas dagegen, wenn immer wieder von denselben Gruppierungen Gewalt ausgeht.

Ich habe mal in den 90ern ein Jahr an der University of California in Berkeley studiert. Eine Uni, die mittlerweile stolz ist auf das Free Speech Movement, das Mitte der 60er Jahre den Anfang einer weltweiten Welle von Studentenprotesten markiert hat. Dort gab es 64/65 in der Tat einen Ausnahmezustand, ausgerufen durch Gouverneur Ronald Reagan als Reaktion auf die Studentenproteste. Dort standen auf den Dächern der Telegraph Avenue, einer der Hauptstrassen zum Campus hin, Truppen des National Guard bewaffnet auf den Dächern, so wie man es von der Kavallerie aus Westernfilmen kennt. Dort wurde Tränengas aus Helikoptern versprüht. Das war ein Ausnahmezustand gegen friedliche Demonstranten. Und so etwas ist nicht hinnehmbar in einer Demokratie.

Kersten Augustin schreibt auf zeit.de:

Hamburg befindet sich im Ausnahmezustand. Seit Samstagmorgen kontrollieren 200 Bereitschaftspolizisten große Teile der Innenstadt.

Hmm. 5 Ubahnstationen von der Gefahrenzone entfernt merke ich keinen Ausnahmezustand. Ich merke eher, dass hier reisserisch formuliert wird, damit das mit der Aufmerksamkeit im Web auch gut klappt.

und Heribert Prantl schreibt auf sueddeutsche.de:

Während in Hamburg der SPD-Innensenator ohne jeden Verdacht auf jeden Bürger zugreift, will in Berlin der SPD-Bundesjustizminister just dieses verhindern. Der SPD-Politiker Neumann propagiert verdachtsunabhängige Kontrollen und lässt diese in Hamburg umfassend exekutieren; der SPD-Politiker Maas dagegen versucht, die Einführung der verdachtsunabhängigen Speicherung von Daten auf Vorrat abzuwenden.

So weit ich informiert bin, erstreckt sich die Gefahrenzone nicht nur auf einen Teil Hamburgs, sondern wurde nicht einfach so eingerichtet, sondern nach einem konkreten Anlass, nämlich den Gewaltexzessen um den 21. Dezember herum und zur Prävention weiterer Gewalt in einem Teil von Hamburg. Wir haben es also mit Polizeikontrollen zu tun, die in einem begrenzten Bereich erfolgen und nicht auf jeden Bürger zugreifen, nicht mit Schusswaffengebrauch, Stürmen von Wohnungen, oder anderen unverhältnismäßigen Mitteln, sondern es werden zur Prävention Ausweise kontrolliert und es werden Platzverweise ausgesprochen bzw. Leute bei Verdachtsmomenten festgesetzt. Wir sind weit entfernt von einem Ausnahmezustand in Hamburg und der Vergleich zwischen den Polizeikontrollen in einem Teil Hamburgs und der anlasslosen Überwachung jeglicher Online-Kommunikation aller Bürger bei der Vorratsdatenspeicherung hinkt gewaltig, um es mal freundlich auszudrücken, auch wenn dies hier der sakrosankte Prantl schreibt.

Wie gesagt, ich finde das alles nicht toll und bejubel in keinster Weise die Einrichtung einer Gefahrenzone und die Erhöhung der Polizeipräsenz. Aber ich frage mich auch, was die Alternative wäre. Um die Rote Flora kann es ja nicht gehen, dort besteht Konsens, dass der Kasten so bleiben soll, wie er ist. Die Alternative kann nicht sein, dass man einfach akzeptiert, dass immer wieder Leute Demonstrationen dafür nutzen, Sachbeschädigungen zu verüben und dabei das Verletzen von Personen in Kauf nehmen.

Ich wurde gefragt, bzw. mir wurde unterstellt, dass ich jetzt einfach nur die SPD bejubeln will, und ob ich nicht einen CDU-Senat massiv angegriffen und Rücktritte gefordert hätte. Klar, die CDU kritisiere ich noch lieber als meine Partei, aber ich bin mir in diesem Fall nicht so sicher. Ich bin nämlich schon lange davon genervt, dass Menschen meinen, weil sie anderer Auffassung sind und eine Minderheitsposition einnehmen, ihre eigene Intoleranz gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung durch Gewalt ausleben zu können. Wenn Menschen aus Furcht vor Gewalt durch Randalierer nicht mehr in die Innenstadt fahren wollen kurz vor Weihnachten, dann finde ich das eine unzumutbare Einschränkung, gerade unter dem Aspekt „Recht auf Stadt“ – das muss dann nämlich für alle gelten.

Lasst uns mal ein Gedankenexperiment machen und schreit nicht gleich alle „wie kann der das nur wagen!“, sondern überlegt mal, wie es wäre, wenn alle zwei Wochen eine marodierende Truppe von gewaltbereiten Menschen durch einen Stadtteil ziehen würde, um sich zu prügeln und Dinge kaputt zu machen (Mitte der 80er gab es diese Hooligan-Exzesse am Hans-Albers-Platz. Schlimm, und dann noch in den Farben meines Vereins.) Wie soll der Staat auf derartige Gewalt reagieren? Wir nehmen jetzt mal jegliche politische Färbung weg und stellen nur fest: da sind Menschen, die die Konfrontation mit dem Staat suchen und dabei Sachbeschädigung und das Verletzen von Personen in Kauf nehmen. Und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder, gerne auch zu festen Terminen. Was wäre Euer Ratschlag an die Stadt Hamburg, damit umzugehen?

Für mich ist Gewalt gegen den Staat untragbar. Egal ob linke Gewalt, rechte Gewalt oder apolitische Gewalt. Ich finde keine Gewalt viel besser und ich glaube auch, dass man viel eher Unterstützer für sein Thema findet, wenn man gewaltfrei demonstriert und sich von Gewalt distanziert. Ich finde auch Deeskalationskonzepte sinnvoll, aber ich glaube nicht, dass diese einfach so greifen, sondern sie erfordern eine Dialogbereitschaft auf beiden Seiten, die ich derzeit bei den gewaltbereiten Randalierern nicht sehe, jedenfalls wenn man so die einschlägigen Foren querliest.

Ach, und weil Jens Best erst wieder ruhig schlafen kann, wenn ich dies auch mal auf meinem Blog für die Nachwelt festgehalten habe: Ich bin sehr dafür, das Vorgehen der Polizei und die dahinterliegende Strategie der Polizeiführung zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen. Dafür gibt es verschiedene mögliche Instrumente, u.a. einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Wenn es stimmt, dass ein Angriff auf die Davidwache so nicht stattgefunden hat, wie die Medien berichteten, dann muss man nicht nur die Verantwortlichen in der Polizei disziplinarisch belangen, sondern auch kritisch die Rolle der Medien in dieser Auseinandersetzung diskutieren.

So, abschliessend würde ich aber gerne alle mal einladen, hier in den Kommentaren sachlich zu diskutieren, wie denn der Staat auf eine derartige Gewalt zu reagieren hat. Soll er das einfach so hinnehmen? Soll er vehement zurückschlagen? Soll er Kontrollen erhöhen und damit mehr Druck auf die gewaltbereiten Randalierer ausüben? Also, mal völlig losgelöst von der Frage, wer wann was wie gemacht hat, sondern einfach nur mit Blick auf die Situation, dass es Menschen gibt, die meinen ihre Gewaltbereitschaft ausleben zu müssen und immer wieder die Konfrontation mit dem Staat, also der Polizei suchen wollen. Der Hinweis „sachlich“ war ernst gemeint.

18 responses to Und nochmal was zur Sache mit der Gewalt

  1. Sachlich kommentieren ist nicht so trivial, wenn ich eine Menge der Positionen nicht teile, die du voraussetzt. Beispielsweise, dass Angriffe auf Exekutivorgane des Staates ein Angriff auf die Staatsbürger seien. Halte ich für nicht zutreffend. Oder, dass Gewalt an sich und immer und grundsätzlich abzulehnen sei. Sehe ich nicht so. Eines der Probleme und eine der von der Polizeiführung und der postdemokratisch orientierten Teile der Regierung (Marker dafür: „alternativlos“, „Sachzwang“ etc) verfolgten Derailingstrategien sind ja gerade die Forderung, Gewalt an sich und ungefragt und vorauseilend zu verurteilen. Das finde ich übrigens unsachlich (nur mal so eingeworfen, weil du um sachliche Kommentare bittest, aber m.E. unsachlich ansetzt). Selbstverständlich soll und darf sich das Exekutivorgan des Staates wehren. Und mein konkreter Vorwurf an die Adresse derer, die vielleicht konkret Gewalt ausgeübt haben am 28.12. (und das ist ja der Auslöser der polizeistaatsähnlichen Forderungen und Maßnahmen), wenn es denn stimmt, dass es ein gezielter Angriff auf die Polizeiwar, was ja inzwischen von der Polizei nicht mehr behauptet wird sondern nur noch von den Innenpolitikern und dem Abendblatt. Äh, also, mein Vorwurf ist da eher, dass sie entweder bewusst versuchen, den Staat in das Verhalten eines Polizeistaates zu treiben (dann finde ich das politisch zynisch) oder nicht gerafft haben, dass das die Folge sein wird (dann finde ich das politisch dumm).

  2. Leider gibt es kein „sachlich“ mehr in dieser Diskussion. Das Blog „mittendrin“ hatte die Sachlage Gefahrenzone innerhalb der letzten 10 Jahre sehr schön sachlich aufgedröselt. Da gibt es kaum Kommentare. http://hh-mittendrin.de/2014/01/hamburg-alles-zu-zehn-jahren-gefahrengebieten/
    Ich bemerke aber immer mehr, dass die eine linksgerichtete politische Ausrichtung nicht immer allen linksgerichteten poltischen Ausrichtungen entspricht.

  3. André Kaudel 7.01.2014 at 12:10

    Hallo Nico,
    ich komme aus NRW und habe von den Geschehnissen in Hamburg erst durch deinen Blog erfahren. Deinem voran gegangenen Statement zu den Krawallen in Hamburg kann ich nur zustimmen. Ich habe mich hiernach in verschiedenen Medien informiert und komme zu einer ähnlichen Meinung. Wenn dies so in meiner Heimat geschehen wäre, wäre ich froh, wenn diese Menschen in ihre Schranken gewiesen werden. Ich habe selbst schon an Demos teil genommen und war und bin immer davon überzeugt, das das nur was bringt, wenn man friedlich bleibt. Andernfalls wird man sowiese nicht ernst genommen (siehe die ständigen Neonaziaufmärsche, wer nimmt die denn noch ernst? Wer nahm die jemals ernst?). Da finde ich solche Demos von Avaaz.com oder Campact.com viel sinnvoller und vor allem Effektiver! Wenn mir jemand die Polizeiwache in meiner Heimat auf den Kopf stellt bin ich keineswegs glücklich darüber, dann wird nämlich der Grundgedanke der Demo in den Hintergrund gestellt und nur noch die Gewalt in den Mittelpunkt gestellt. Ich bin der Überzeugung, das unser Volk eigentlich aus diesem Prähistorischen Zeitalter raus ist… Aber Ausnahmen bestätigen hier leider wohl die Regel. Genauso schlimm finde ich es, wenn linke Stromkästen und Straßenlaternen beschmieren um die darüber befindlichen rechten Schmierereien zu deffamieren. Warum muss man eine solche Kampagne überhaupt nachamen??? Ich halte das Vorgehen jedenfalls für Richtig und hoffe, dass die agressiven Spinner zur Besinnung kommen.

    Gruß André

    • Es wurde keine „Polizeiwache auf den Kopf gestellt“. Ihre Sachbehauptungen sind also falsch. Sie fallen an dieser Stelle auf die Falschinformationen der Polizei herein, die sie gerade selbst zurücknehmen mussten. Es macht also Sinn sich auch außerhalb von Nicos Blog über die sachlichen Realitäten zu informieren.

      • André Kaudel 7.01.2014 at 14:22

        Ohne Ihnen unterstellen zu wollen, meinen Beitrag nicht in Gänze gelesen zu haben, habe ich erwähnt, dass ich mich auch außerhalb des Blogs informiert habe. Das ich mich durch einseitige Berichterstattung nicht beeinflussen lasse muss ich für mich persönlich hervorrufen. Meine Meinung gleicht eben der von Nico. Das ich mit „Polizeiwache auf den Kopf gestellt“ eine Verharmlosung gewählt habe, war retorisch vielleicht kein guter Griff, ändert dennoch nichts an meiner persönlichen Meinung. Das ich auschließlich ein Meinungsbild aus Sachbehauptungen habe, wäre bei meiner eigenen Meinung auch nicht anzunehmen oder? Somit auch nicht FALSCH oder richtig…

        gruß andré

  4. Ich bin jetzt nicht sicher ob dir der Gedanke „sachlich“ genug ist (ich bin mir bewusst, dass er zumindest utopisch und latent am Thema vorbei ist), aber ich habe schon sehr oft darueber nachgedacht, was wohl passieren wuerde, wenn zu so einer Demonstration einfach mal keine Polizei auftreten wuerde.
    Wuerden die gewaltbereiten Demonstranten dann anfangen die Stadt auseinanderzunehmen, oder sich eventuell gegen andere Demonstranten wenden? Ich hab absolut keine Vorstellung was passieren wuerde, faend es aber sehr interessant.

    Ob Gewalt gegen den Staat gerechtfertigt ist oder nicht, haengt wohl von den Motiven ab. Revolutionen kamen selten ohne aus, waren aber auf jeden Fall nicht immer schlecht fuer die Menschen und ohne Gewalt oft sicher auch nicht durchfuehrbar.

    Fuer mich jedoch ist das, was in Hamburg passiert, absolut nicht gerechtfertigt. Die eigentlichen Ziele des Aufbegehrens (Essohaeuser, Flora, Fluechtlinge) sind absolut in Vergessenheit geraten. MIttlerweile geht es scheinbar nur noch um Machtausuebung.

    • Sie sind offenbar nicht aus Hamburg, denn es ist falsch, dass die „Ziele des Aufbegehrens (Essohaeuser, Flora, Fluechtlinge)“ in Vergessenheit geraten sind. Wenn sie natürlich nur die Medien lesen, in denen die Falschinformationen über die angeblich umfangreiche Gewalt verbreitet werden, könnte man ihren Eindruck bekommen. Meine Empfehlung: Verändern sie ihren Medienkonsum, dann wissen sie auch besser, was tatsächlich vor Ort geschieht.

      • Ja, korrekt, ich komme nicht aus Hamburg. Zu der Einschaetzung komme ich, weil ich eben viel mehr Blog-/Zeitungs/…-Artikel ueber die Gewalt vor Ort lese, als ueber die eigentlichen Ziele; und das nicht nur in den Mainstreammedien. Fast nie werden die Exzesse mit den eigentlichen Zielen in Verbindung gebracht.

        Fuer Link-Tipps bin ich immer offen :-)

  5. Ich finde es äußerst schräg, wenn ausgerechnet der hier Sachlichkeit einfordert, der gestern vor allem durch Clownerie aufgefallen ist. Clownerie als Reaktion auf diejenigen, die nicht etwa (linke) Gewalt verteidigt haben, sondern vielmehr die Fragen stellten, die Du auch im heutigen Beitrag über 15 lange Absätze lang umschiffst: Nämlich, ob es der freiheitlichen Demokratie gut tun kann, dass sie Exekutivorganen zugesteht, Demonstrationen zu unterbinden – und nicht etwa Gewaltexzesse, denn das ist am 21. ja nun wirklich nicht gelungen – und für mindestens 100.000 Hamburger die Grundrechte einzuschränken.

  6. Ausweiskontrollen helfen vielleicht gar nicht gegen Steinewerfer. Wer weiß.

    Noch immer wird das eigentliche Problem nicht angegangen. Daher frage ich nochmal direkt hier: Nico, siehst Du die Gefahr einer fortschreitenden Auflösung des Rechtsstaates zugunsten einer Transformation in einer Sicherheitsstaat?

    Zweitens:

    Politisch motivierte Gewalt ist – unabhängig davon, dass sie zu verurteilen ist – eine Form politischer Kommunikation. Was sagen also die ausschreitenden Proteste, was sagen die Steinewerfer, die Prügelnden?

    Eine Nachricht hat mehrere Aspekte.

    Was sagen die Gewalttäter über sich?
    Was sagen sie über uns?
    Über den Kontext, in dem diese Gewalt auftritt?
    Was sagt unsere Reaktion (bishin zur Errichtung eines Gefahrengebietes) über uns?

    All diese Fragen nach den Gewalttätern führen doch direkt zurück in unsere Gesellschaftsform und in die soziale Ordnung!

    Unter diesem Aspekt, lieber Nico, erscheinen mir beide Deine Artikel zu dieser Frage als Ausdruck dessen, was Du selbst bemängelst: politische Folklore, in Deinem Fall: konservative Law-and-Order Folklore, ohne nach den Ursachen zu fragen.

    Und wenn wir dann doch nach den Ursachen (und den Wirkungen) fragen,
    müssen wir dies radikal, als an die Wurzel des Problems gehend, tun.

    Alles andere ist nur ein weiteres Tänzchen am wärmenden Feuerchen der eigenen Ressentiments, vorgetragen mit den wohlig geröteten Bäckchen der Empörung.

  7. Ich habe echt Probleme nachzuvollziehen, wie Du diesen Winkelzug schaffst mit den 5 U-Bahn-Stationen. Ich laufe zwar in akute Godwin-Gefahr, aber: 5 U-Bahnstation von der Mauer war in Berlin vom Polizeistaat auch nichts zu spüren.
    Das Recht zur anlasslosen Kontrolle ist die Aufhebung des Rechtsstaats für tausende Einwohner. In einem Rechtsstaat setzt eine Ermittlung einen hinreichenden Verdacht voraus und eine Kontrolle mit InPol-Aktuell Rückfrage ist eine Ermittlung. Diese Voraussetzung gilt nun von Altona bis Hauptbahnhof nicht mehr und es ist ja eben gerade nicht so, dass die Gefahrenzone ihre Wirksamkeit jemals bewiesen hätte. Somit stellt sich auch Deine Frage nach einer Alternative nicht.
    Wenn ich das aktuelle Geeiere um die „Anschläge auf die Davidswache“ mit dieser Entwicklung in Zusammenhang bringe, wandelt Neumann eher auf Noskes Spuren indem er der unter Schill eingesetzten Polizeiführung freie Hand gibt und die sich nach dem sich nun verdichtendem Nachrichtenbild aufführt wie ein Freikorp.

  8. @BOB Ich finde das Gedankenexperiment, was eigentlich passieren würde, wenn die Polizei bei einer Demo einfach einmal nicht erschiene, sehr interessant – aber auch sehr riskant. Denn als Innenminister/Senator sitzt man ja immer zwischen den Stühlen: Entweder gilt man als zu autoritär, weil man durch repressive Maßnahmen, die Freiheit Andersdenkender unterdrückt, oder man gilt als überfordert, wenn doch etwas passiert ist. Man kann in dem Zusammenhang aber statt „Demonstranten“ auch „Fußballfans“ nehmen, ist dasselbe in grün. Was die Auswirkungen der „Gefahrenzone“ angeht, so bestehen die meines Wissens darin, dass die Polizei in einem bestimmten Gebiet verdachtsunabhängig Personalien kontrollieren, die Inhalte von Taschen kontrollieren und Platzverweise aussprechen darf. Bei den Taschen bin ich nicht sicher, aber der Rest findet täglich am Münchner Hauptbahnhof statt – und sicher nicht nur dort.

    • Es gab schon mehr als genug Schanzenfeste, bei denen sich die Polizei zunächst nicht blicken lassen hat (i.e. nur am Rande des Stadtteils für die Demonstranten in Bereitschaft platziert war). Was dann passiert? Die Leute zünden so lange Mülltonnen, Barrikaden, etc auf der Straße an, bis die Polizei doch eingreifen muss, weil es die Sicherheit der Häuser / Demonstranten selbst gefährdet. „Interessant“? Naja.

  9. Als Berliner erinnert mich das stark an die Diskussionen zum 1. Mai. Dort gab es auch nie einen wirklichen Konsens. Mittlerweile meide ich an diesem Tag bestimmte Teile der Innenstadt, stelle dort nicht mein Auto ab und drücke die Daumen, das möglichst wenig Menschen verletzt werden oder ihre Existenzgrundlage gefährdet wird (das hatten wir damals in der Schönhauser nach der Wende mit den kleinen Ladenbesitzern, die nicht wussten, was der 1. Mai für ein Geschäft bedeuten kann). Interessant war über die Jahre zu beobachten, dass den unterschiedlichen Polizeiführungen jedes Mal entweder vorgeworfen wurde, zu wenig eingeschritten zu sein oder zu viel. Manchmal auch Beides. (Besser wurde es erst, als die Anwohner gesagt haben, ihnen wird das Ganze zu blöd und ihr eigenes friedliches Straßenfest organisiert haben). Mit der Gefahrenzone habe ich so meine Probleme. Ich denke, es ist berechtigt, da nachzufragen, ob es das Ei des Kolumus ist oder man das rechtlich sauberer lösen kann. Mir kann vielleicht noch mal jemand überzeugend erklären, warum Gewalt, die nicht gezielt ausgeübt wird, okay zu sein scheint. Ich sehe, ähnlich wie Nico, für Gewalt keinerlei Raum.

  10. Hmm. Ganz sachlich? Offenbar geht in Hamburg unfassbar viel schief, wenn sich die Spirale der Gewalt hochdreht.

    Wie kann es da richtig sein, dass sich die Polizei dann noch mehr Freitäume für zusätzliche eigene Gewaltanwendung schaffen darf?

    Was kann richtig sein, dass BewohnerInnen kompletter Stadtteile Angst vor polizeilicher Willkür haben müssen?

    Und wie kann es richtig sein, weitere Gewaltszenarien herauf zu beschwören, um einen Ausnahmezustand zu rechtfertigen?

    Wie kann es richtig sein, dass die Polizei diesen Ausnahmezustand unbefristet einrichten kann?

    Wie kann es richtig sein, wenn du zur Argumentation tatsächlich auch selbst schlimmere Situationen aus anderen Städten heranziehst, um den Zustand in Hamburg als relativ harmlos darzustellen? Und was ist daran sachlich?

    Und warum kann man sich nicht das Kreuzberger Myfest als Vorbild für Deeskalationsarbeit nehmen?

    Tut mir leid Nico, aber auf die Fragen hätte ich gern sachliche Antworten.

    Gruß aus Berlin – JST

  11. Lieber Nico,

    ich hoffe ja wohl inständig, dass Du mit „…unsägliche Art der Diskussionskultur vieler Beteiligter, die sich sehr schwer damit tun, unterschiedliche Standpunkte zu tolerieren…“ nicht meinen Kommentar zu Deinem vorangegangenen Beitrag hier im Blog meinst. Ich habe auch nicht „hyperventilierend Änderungen“ an Deinem Text gefordert. Du kannst hier von mir aus auf Deiner Seite posten, was Du möchtest.

    Allerdings gibt es hier auch eine freigeschaltete Kommentarfunktion, und es wäre sehr naiv zu erwarten, das alle Leser Deines Blogs ausschließlich „Super, Nico!“ und „Ganz Deiner Meinung“ schreiben würden.

    Des weiteren hoffe ich ja wohl, dass ich in meinem Kommentar zum vorangegangenen Beitrag SEHR KLAR herausgestellt habe, dass gewaltbereite Krawallos auf’s schärfste zu verurteilen sind.

    Du forderst mehr Sachlichkeit ein? Gehe bitte mit guten Beispiel voran! Bei Dir ist das ja leider schon komplett schief gegangen, als Du im Beitrag mit dem Titel „Die Sache mit der Gewalt gegen den Staat“ alle, die das Verhalten und die Strategie der Polizei, sowie die Einrichtung einer Gefahrenzone, kritisieren, pauschal als (Zitat) „Sympathisanten von Krawallos“ diskreditiert hast.

    In diesem Beitrag schreibst Du nun (Zitat): „Für mich ist Gewalt gegen den Staat untragbar. Egal ob linke Gewalt, rechte Gewalt oder apolitische Gewalt.“

    Grundsätzlich richtig, aber in diesem Zusammenhang würde mich doch mal interessieren, wie Du zu Gewalt stehst, die VOM Staat ausgeht. Polizeibrigaden sind ja auch keine homogenen Massen, sondern bestehen aus Individuen, und es dürfte wohl unstrittig sein, dass da auch einige darunter sein dürften, die z.B. auf Demos mal so richtig die Sau rauslassen wollen.

    Daher: wie stehst Du eigentlich zu den Protesten in der Türkei (Taksim-Platz und Gezi-Park), die ja vom Gewaltpotenzial her das, was das in Hamburg passiert ist, um ein Vielfaches übertrifft? Ist diese Gewalt für Dich auch untragbar, oder sind hier die Demonstranten auf der guten Seite?

  12. Lieber Nico,

    ich schreib mal jetzt nur zu einem Satz etwas, nämlich deine Einleitung zur Diskussionskultur. Prinzipiell stimmt das wohl auch, was aber auch u.a. an Twitter liegt, wenn man dort nur mit 140 Zeichen was sagen kann, das erlaubt halt keine elaborierten Antworten. Dann aber auf jede, wirklich jede (zumindest die, die ich mitbekommen habe) Kritik erstmal mit der Unterstellung „du findest Gewalt gegen den Staat also gut“ zu antworten, ist auch von deiner Seite aus reichlich daneben, und einer guten Diskussion nicht unbedingt förderlich.

    Also, bevor man Reaktionen anderer kritisiert, auch mal selbst in den Spiegel schauen.