Die Sache mit der Hölle, den Kindern und der Karriere

Nico —  3.02.2014

Auf zeit.de kann man gerade nachlesen, wie wenig Kinder und Karriere vereinbar sind. Geht alles gar nicht, behaupten die beiden Autoren und berichten von ihrem Alltag und den Herausforderungen. „Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle.“ schreiben sie.

Ich habe mir den Artikel jetzt mehrfach durchgelesen. Ich schwanke immer noch zwischen Nicken und Kopfschütteln. Wir haben selber drei Kinder und mir ist durchaus bewusst, wie anstrengend das (Großstadt-)Leben mit Kindern sein kann. Das tägliche Wegbringen und Abholen will koordiniert sein, ebenso wie alle anderen Aufgaben, die eine Familie so mit sich bringt. Das ist anstengend, egal ob beide Elternteile berufstätig sind, ob Karriere gemacht werden soll, oder nicht. Als Eltern steckt man erst einmal zurück, Wolfgang hat das gut beschrieben. Gleichzeitig frage ich mich durchaus, welche Anspruchshaltung die Autoren für ihr Dasein als Väter haben und was andere Väter dazu sagen würden. Der Artikel ist dann irgendwie doch ein Klagen auf hohem Niveau, denn so anstrengend das Leben als Journalist auch sein mag, ein Vater, der Sonntag abends in den Kleinbus steigt, um quer durch die Republik zu fahren, damit er die Woche über auf Montage arbeiten kann und erst Freitag spät abends zurückkehrt, hat sicherlich viel weniger Möglichkeiten, den Kindern als Vater präsent zu sein.

2012-10-13 17.29.43Dennoch, ich kenne das Gefühl gut, dass alle an einem zerren und man immer meint, irgendwem nicht gerecht zu werden. Der Partnerin, den Kindern, der Arbeit, dem eigenen Körper, der eigenen Psyche. Es zerreisst einen teilweise, weil man wieder einen Kompromiss finden musste, den man nicht finden wollte und dann doch nur halb bei der Sache ist. Andererseits gibt es auch so Momente, bei denen ich gar nicht wirklich bei der Sache sein will, obwohl ich treu-sorgender Vater bin. Fußballtraining ist so eine Sache. Seit einiger Zeit nehme ich mir den Freitag nachmittag frei, um unseren Sohn zum Fußball-Training zu bringen. Das ist ihm wichtig. Mir auch. Aber mal ehrlich, ich kann nicht eine Stunde lang dabei fasziniert zugucken, wie eine Horde Jungs mehr oder weniger talentiert dem Ball hinterherläuft. Ich war immer froh, dass ich unsere Tochter beim Chor und beim Tanzen in der Musikschule immer nur abliefern und abholen sollte, nicht aber den Proben beiwohnen musste. Natürlich lese und schreibe ich in der Zeit Emails, natürlich telefoniere ich in der Zeit, warum auch nicht? Der Sohn soll sich auf das Training konzentrieren, nicht auf seinen Vater, der am Spielfeldrand rumsitzt. Ich bin früher immer alleine beim Training gewesen und daher verspüre ich auch wenig Drang, meine Kinder in jeder Sekunde ihrer Freizeit begleiten zu müssen. Quality Time sollte es geben, klar, und dabei scheitere ich oft genug daran, das Smartphone mal wirklich weg zu legen, aber ich bin eben auch ein ziemlicher Gesellschaftsspielehasser und kann mich zudem nur schwer zurückhalten, brutalstmöglich zu gewinnen, wenn sich mir die Chance bietet, quasi als Rache für die ertragenden Qualen. Sicher, ich würde auch liebend gerne den ganzen Tag lang die coolsten Bauwerke aus LEGO bauen mit meinen Kindern, aber man muss ja nicht gleich die Überhöhung der Werbung für sein eigenes Leben als gesetzt annehmen.

Ich habe mal vor einigen Jahren meinen Gastvater aus Iowa gefragt, wie er es denn geschafft hat, mit 4 Kindern Karriere zu machen. Ich habe ihm von meiner Zerrissenheit erzählt, von den täglichen Herausforderungen und der Unzufriedenheit, es vermeintlich niemandem Recht machen zu können. Ich hoffte natürlich auf deinen Kniff, der mein Leben einfacher gestalten würde. Nix da. Ich solle mich damit abfinden, dass in der Lebensphase, in der ich am Produktivsten sei, in der ich Karriere machen würde, gleichzeitig auch die Familie die größten Anforderungen stellen würde. Ich solle mich auf Jahre des Verzichts und des wenigen Schlafs einstellen. Danke, das half zwar nur bedingt weiter, zeigte mir aber auf, dass die Problemlage, in der ich mich befand, nicht komplett einzigartig war. Ich versuche also weiterhin, mit zu vielen Bällen zu jonglieren und immer, wenn einer runterfällt, arbeite ich daran, die Komplexität zu reduzieren. Das klappt natürlich auch nur ansatzweise, aber ich würde den Zustand nicht als Hölle bezeichnen, sondern eher als Herausforderung, die man als Elternteil anzunehmen hat. Dabei sollte man sich durchaus darüber im Klaren sein, dass man extrem privilegiert ist, wenn man die Zeit hat, derartige Gedanken zu formulieren, also doch irgendwie noch Muße zu finden scheint. Vielen berufstätigen Eltern geht es noch viel schlechter, die haben jeden Tag viel existentiellere Herausforderungen und wären froh, unsere Probleme zu haben. Wer Karriere machen will, muss eben die Zähne zusammenbeissen und da durch. Wenn es einfach wäre, würde es ja jeder machen.

15 responses to Die Sache mit der Hölle, den Kindern und der Karriere

  1. Ich kenne Deine Situation aus eigener Erfahrung, mit dem Unterschied, dass ich nicht (mehr) das Bedürfnis habe, Karriere zu machen. Das macht es wahnsinnig einfach. Das Leben ist schön und ich bin sehr privilegiert. Keine Ironie.

  2. Mir geht es genauso! Wichtig aus meiner Sicht ist es, das Smartphone wirklich konsequent wegzulegen.

  3. Ist es nicht gerade so, dass einem die Kinder die Kraft gebe Karriere zu machen. Wozu unterwirft man sich denn sonst diesem Stress in der Firma?

  4. Das ist nun mal unser Schicksal! Entweder beißt man die Zähne zusammen und durch oder man muss sich für eine Sache entscheiden.

  5. Ich sage dazu jetzt nichts.

  6. Spätestens ab 40 sollte man die Prioritäten ändern: Entschleunigung, Handy/Smartphone nach Feierabend/Wochende konsequent ausschalten. Das Nichstun einmal auch wirklich einmal tun. Die Zwänge schaffen wir Menschen uns immer wieder selbst. Und Nein sagen ist auch sehr wichtig. Lernt man spätestens alles nach dem 1. Burnout. Das Leben ist einfach einmalig und zu kostbar, um in diesem modernen digitalen Irrenhaus weiterhin als Bitmuster dahinzuvegitieren.

    • Ach wie war. Ich wollte und konnte es nie glauben, als ich das doch des Öfteren gehört habe. Bis es mich selbst erwischt hat. Die biologische Uhr tickt und zwingt einen in die Knie. Wie ich es geschafft habe meine beiden Kinder großzuziehen ist mir imm noch ein Rätsel. Deswegen rate ich allen jungen Leuten: Kinder bereits in jungen Jahren zu bekommen hat auch Vorteile.

  7. Ich glaube, wir reflektieren uns eines Tages zu Tode. Jedenfalls der akademische Teil von uns ;-) … Egal, was wir tun (Kind und Kegel, Beruf und Karriere) – irgendwie steht am Ende immer diese merkwürdige (psychologisierende Bauchnabel-Selbsterfahrungsgruppen-)Frage: „Und wie geht es mir damit?“ Dabei geht zweierlei verloren: a) die Fähigkeit, auch mal Dinge anzunehmen (im Sinne von: geht jetzt nicht anders, Augen und A.backen zu und durch) und b) das Bewusstsein, dass das Ganze so schlecht doch gar nicht ist, ganz banal auch Dankbarkeit genannt. Kinder sind was Feines, ein gut bezahlter Job ist was Feines, ein Lebensstandard, von dem die Mehrheit der Weltbevölkerung träumt, ebenso. Alles andere ist doch – ehrlich gesagt – Finetuning.
    (mir geht es nicht um Entpolitisierung des Themas, sondern vor allem um den oben zitierten Artikel)

  8. Cooler Artikel :-)

    Sehr interessant und lesenswert, hier findet sich der eine oder andere bestimmt wieder…

    Danke für die Mühe

    Gruß
    Timo

  9. Ich bin so froh, dass meine Kinder mich und meine Frau aus der Karrierejobwelt herausgeholt haben und uns ein zweites, im direkten Vergleich auch reicheres Leben gezeigt und geschenkt haben.
    Das liest sich zwar sehr merkwürdig … aber anders lässt sich das gar nicht auf den Punkt bringen.

    Sicher war es kein Spaziergang. Der Weg zu erkennen was da passiert war kein einfacher und die Entscheidungen und Umwälzungen für unser bisheriges Leben gingen an die Substanz.

    Aber heute jetten wir nicht mehr richtig-wichtig durch die Weltgeschichte, denn das haben wir ja bereits getan, erlebt und das kann uns keiner mehr nehmen. Heute arbeiten wir ganz bewusst Freiberuflich und teilen uns untereinander die Familie auf. Insgesamt wird weniger gearbeitet und auch nur für Firmen, die erkannt und umgesetzt haben was für ein riesiger Wettbewerbsvorteil die Rücksichtnahme auf Familie bei der Beschäftigung von erfahrenen Personal tatsächlich ist.

    Wenn man mal wieder an eine Firma kommt, die einem das Märchen von „Alles oder nichts“/ „Hier wird nicht gearbeitet sondern selbstverwirklicht“ auftischt: Lächeln, freundlich bleiben und argumentativ hart in der Sache bleiben. Zur Not auch mal das Verhalten mitschneiden und diese Gebaren publik machen. Geht mittlerweile alles. Der Druck und Wettbewerb um gute Leute ist für jede Firma höher als allgemein zugegeben wird. Und das wird zukünftig eher schlimmer. Höchste Zeit also für alle zum umdenken.

    Kurz: Das Leben startet mit Familie ein zweites Mal durch und die Arbeitswelt verändert sich auch gerade in die richtige Richtung. Und der Zeit Artikel hatte absolut Unterhaltungswert. Insbesondere auch, weil anstatt von inhaltlich interessanter Arbeit & Familie immer von Karriere & Familie geschrieben wurde. Hier besteht meiner Meinung nach ein fundamentaler Unterschied, der in diesem Artikel keine Berücksichtigung findet.

  10. Das tägliche Hin und Her zwischen dem Empfinden von Glück und Überforderung, Stress und Zufriedenheit gehört wohl zum Eltern sein dazu. Ganz egal, ob beide Elternteile arbeiten oder nicht.

    Was viele Väter und Mütter aus meiner Sicht noch viel zu wenig nutzen, um weniger gestresst zu sein, sind Entspannungstechniken (z.B. Autogenes Training, One-Moment Meditation, Achtsamkeitsübungen (MBSR), Yoga). Hört sich erst einmal „esoterisch“ an, ist aber vor allem: Hilfreich.

  11. Wie gut, dass niemand gezwungen wird, Kinder zu bekommen.

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  1. Vater werden ist nicht schwer ... | pop64.de - 3.02.2014

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  2. Umleitung: Armutslücke, Klassenjustiz, Kesselflicker, Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, Lanz, Nellius und mehr. | zoom - 7.02.2014

    […] Die Sache mit der Hölle, den Kindern und der Karriere: Auf zeit.de kann man gerade nachlesen, wie wenig Kinder und Karriere vereinbar sind. Geht alles gar nicht, behaupten die beiden Autoren und berichten von ihrem Alltag und den Herausforderungen … lumma […]