Die Sache mit dem Frühaufstehen

Nico —  18.04.2014

Seit einiger Zeit versuche ich, idealerweise um 5 Uhr aufzustehen. Das hat wenig mit seniler Bettflucht zu tun, sondern eher mit dem Versuch, meinen Tag sinnvoller zu strukturieren und mehr Dinge zügig erledigt zu bekommen, für die ich sonst den halben Tag benötige.

Ich komme mir dabei ein wenig vor wie mein Vater, der Zeit seines Lebens immer früh aufgestanden ist. Ich führte das immer darauf zurück, dass er als Landarbeiterkind auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und wirklich diese vielzitierten 20 km bei Wind und Wetter zur Schule zurücklegen musste. Wenn ich morgens aufstand, saß er schon lange am Schreibtisch und erledigte etwas. Selbst im Urlaub war er immer früh morgens wach und hielt das Hotelpersonal auf Trab, weil er stets der Erste war, der frühstücken wollte. Wenn wir im Sommer an die Ostsee gefahren sind, dann sind wir spätestens um 7:30 Uhr losgefahren und haben dann eine Stunde später den gesamten Strand für uns alleine gehabt. Als Student habe ich seine Anrufe morgens um 7 Uhr auch wenig zu schätzen gewusst, weil mein Tagesablauf damals ein klein wenig anders aussah als seiner.

Mittlerweile stehe ich selber früh auf und das hat vor allem damit zu tun, dass ich meine Familie, meine Selbständigkeit, mein politisches Engagement und vor allem mein Geschreibe unter einen Hut bekommen möchte. In der Zeit bis zum Wecken der Kinder um 7 Uhr bekomme ich erstaunlich viel erledigt, was in der Theorie dazu führt, dass ich Nachmittags mehr Zeit für die Kinder habe. Ich geniesse es wirklich, wenn morgens noch alles still ist, mir der Hund zu Füßen liegt und ich an einem Text arbeiten kann. Das ist, abgesehen vom frühen Aufstehen, sehr entspannend.

Man kann ja an jeder Ecke lesen, dass erfolgreiche Menschen früh aufstehen und mit wenig Schlaf auskommen, auch wenn kürzlich im SZ-Magazin zu lesen stand, dass zu viel Schlafentzug zu einem Zustand des Besoffenseins führen kann. Ich finde allerdings, dass am Frühaufstehen etwas dran ist. Es gibt nicht nur keine Anrufe und Emails, sondern auch eine gewisse Grundentspanntheit, weil noch eine generelle Ruhe herrscht. Natürlich bin ich auch manchmal müde und quäle mich aus dem Bett, weil ich nämlich zu den Leuten gehöre, die gerne lange wach sind und früh aufstehen, was dann eher zu kurzen Nächten fühlt. Ich komme damit aber eigentlich recht gut zurecht, allerdings holt sich mein Körper dann in Ruhephasen auch den fehlenden Schlaf zurück. Wenn es eine Sache gibt, die ich beim Absolvieren des Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr gelernt habe, dann ist es die Fähigkeit, quasi auf Kommando einschlafen zu können, was vermutlich auch eine gewisse Müdigkeit vorraussetzt.

Morgens um 5 Uhr geniesse ich die Grundentspanntheit und habe genug Muße, in Ruhe über Dinge nachdenken zu können, längere Texte zu schreiben, Produkte für Neueszeugs zu finden, oder einfach nur Emails abzuarbeiten. Ich erledige in den 2 Stunden morgens mehr als sonst in der doppelten Zeit, weil die Konzentration stärer vorhanden ist und es keine Unterbrechungen gibt. Diese störungsfreie Zeit ist für mich trotz der frühen Uhrzeit wirklich entspannend, denn in einer Familie mit drei Kindern und Hund ist immer irgendwie Rämmidämmi.

Das Frühaufstehen geht übrigens ganz einfach. Man stellt sich den Wecker auf 5 Uhr, steht auf, macht sich einen Kaffee und setzt sich dann hin, um das zu tun, was man gerade vorhat. Natürlich hat das eine Steigerung der Produktivität zur Folge, wie es in The Ultimate Guide To Waking Up Early – How to Start Your Day at the Crack of Dawn and Transform Your Life und unzähligen anderen Ratgebern beschrieben ist. Wichtig ist nur, dass man versucht, in eine Routine hineinzukommen und immer früh aufsteht. Ich gebe mir am Wochenende etwas mehr Schlaf, was aber durch Hund und Kinder durchaus begrenzt ist. Erstaunlicherweise stehen Kinder ja an freien Tagen immer früher auf als unter der Woche, was die Vorteile des eigenen Frühaufstehens auch direkt konterkariert.

Diesen Text habe ich natürlich frühmorgens geschrieben. Und mittlerweile verstehe ich meinen Vater besser.

23 responses to Die Sache mit dem Frühaufstehen

  1. Lieber Nico, prima, dass es Dir mit dem Frühaufstehen gut geht. Ich bin allerdings sicher, es liegt, wie bei so vielen Dingen im Leben keine Willensentscheidung zugrunde. Vielmehr führen Deine Begeisterung für das Positive am frühen Aufstehen in Kombination mit Deinem Chronotyp zur Erkenntnis und zum Durchhalten. Wer sich mit spät Aufstehen auch nicht glücklich fühlt, sollte es ausprobieren. Such mal nach Dr. Peter Spork, übrigens auch Hamburger und nebenbei Journalist. Der kann das sogar aus der Sicht der Epigenetik beurteilen. Er hat sich mit beidem beschäftigt.

    Übrigens am Dienstag denke ich an Dich. Ich dann wieder um 3:50 (klappt ganz gut) :)

  2. Da kann ich hundertprozentig zustimmen. Ich stehe seit Ewigkeiten morgens 2,5 Stunden „zu früh“ auf, weil das die einzigen Stunden des Tages sind, die wirklich nur mir gehören. Der Hund schnarcht zu Füßen oder neben mir, der Partner schläft noch und so muss ich nicht quatschen, sondern kann mich auf genau das konzentrieren, was ICH machen will. Und ich bin da erheblich produktiv und kann Artikel vorschreiben. Ab dem Moment, an dem ich kurz vor 7 Uhr morgens das Haus verlasse, bin ich zeitlich fremdgesteuert. Ergo: Meine Zeit, meine Produktivität, meine Entscheidung, was ich mit der Zeit anfange. Es funktioniert bestens und das seit Jahren.

  3. Ja, das Geheimnis, gut aus dem Bett zu kommen (egal zu welcher Zeit), ist: Steh‘ sofort auf, wenn der Wecker klingelt. Sofort.

  4. Der Trick ist ja nicht, früh aufzustehen, sondern Zeit zu finden (oder Orte), die andere nicht nutzen. Ständen alle so früh auf, wäre der Nutzen nämlich schnell dahin. Morgens um fünf ist unter den denkbaren Zeiten dann vielleicht die am wenigsten unangenehme. ;)
    Aber ich gebe dir Recht: Mit einer gewissen Regelmäßigkeit (bei mir „erst“ um halb sechs, wenn möglich aber zzgl. 1h Mittagsruhe) funktioniert das, wenn man für sich den richtigen Wach-Punkt gefunden hat, ganz wunderbar.

  5. Sehr guter Artikel wieder! Dickes Lob! Mittlerweile lese ich den „Lumma“ wirklich gerne. Irgendwas hat da bei deiner Schreibe „Klick“ gemacht. Ich mag den Lumma-Style jetzt sehr, was nicht heißt, dass ich den früher nicht gut fand. Aber jetzt ist da irgendwie ein „Flow“ drin. Kommt vielleicht auch vom Frühaufstehen, der Ruhe und der Schreibroutine. Finde ich jedenfalls super!

    Ich kann das mit dem Frühaufstehen nur bestätigen. Ich stehe, seit die Kinder da sind regelmäßig früher auf, um Dinge geregelt zu bekommen. Früher war das 5:00 Uhr, manchmal auch 4:30 Uhr, eine Zeit lang 4:00 Uhr. Für mich ist das auch „Me Time“, also Zeit für mich, in der ich entweder schon einmal die wichtigsten Sachen wegarbeite oder vorbereite oder mir Gedanken darüber machen kann, wie meine Kanzlei in einem Jahr, in zwei Jahren oder in 5 Jahren aufgestellt ist und vor allem, was ich so machen möchte, was meine Ziele sind, wie ich sie erreiche usw. Und es war auch Zeit zum „Durchatmen“. Die Zeit mit zwei sehr kleinen Kids war doch teilweise etwas anstrengend ;-)

    Seit ein Kind zur Schule und die Frau wieder mehr Arbeiten geht, ist das mit Frühaufstehen allerdings blöder bzw. schwieriger geworden. Denn der Rest der Familie kommt auch schon ab 5:50 Uhr in Schwung. Habe gemerkt, dass ich dann, wenn ich um 5:00 Uhr aufstehe, einfach häufig nicht richtig in den Tritt komme, und diese morgendliche Ruhe einfach zu kurz ist. Habe das dann mit früherem Aufstehen probiert, habe dann aber regelmäßig zu wenig geschlafen. Und als ich mich dann vor einiger Zeit mit dem Thema Schlafdefizit auseinander gesetzt habe, habe ich entschieden, dann doch lieber länger zu schlafen, also bis 5:30 Uhr ;-)

    Habe jetzt aber auch wieder vor, mehr zu bloggen („fachlich“, also für die Kanzlei) und werde jetzt mal probieren, ob ich es schaffe, einen Artikel pro Tag bzw. zumindest alle zwei Tage einen „gehaltvollen“ fertigzustellen, in dem ich jeden Tag wieder um 5:00 Uhr aufstehe und dann 30-40 Minuten fokussiert schreiben kann. Mal sehen, ob das dann so klappt.

    Ich habe ansonsten einen Teil meiner Arbeitszeit jetzt einfach in mein Lieblingscafé verlegt, wenn ich nicht unterwegs bin. Komischerweise komme ich da auch häufiger in den „Flow“ als im Büro. Und da freue ich mich jedes Mal darüber, dass ich a) selbstständig bin und b) es das Internet gibt, das mir diesen Lebens- und Arbeitsstil ermöglicht.

  6. Jetzt würde mich noch interessieren, wann Du dann abends einschläfst, dass das mit 5 funktioniert?

  7. Lieber Nico,

    da Frank Stratmann mich so schön ins Rennen geschickt hat (Danke), hier ein kleiner Kommentar aus Sicht des Wissenschaftsautors,der Bücher unter anderem zu Chronobiologie, Schlafforschung und Epigenetik geschrieben hat: Sie sind offenichtlich eine Lerche, also ein sogenannter früher Chronotyp. Dass für Sie die Morgenstund also in Abwandlung des Sprichworts „Gold in der Blogger-Tastatur hat“, verdanken Sie weniger ihrer Disziplin als bestimmten Genen, die Sie von Ihren Eltern geerbt haben – und ein Stück weit Ihrem Alter, denn mit zunehmendem Alter werden wir immer lerchenhafter. (Also doch senile Bettflucht?).

    Ich gönne Ihnen das, finde Ihren Beitrag auch sehr gelungen, nur sollten Sie vorsichtig sein, aus Ihrer persönlichen Erfahrung ein Rezept für die Allgemeinheit ableiten zu wollen. Die Mehrheit der Deutschen tickt deutlich später als Sie. Diese Mehrheit gehört zu den durchschnittlichen oder späten Chronotypen (Eulen) und erreicht ihre Leistungshochs deutlich später am Tag als Sie. Ich persönlich schreibe zum Beispiel am liebsten abends. Dabei mache ich dann ganz ähnliche Erfahrungen wie Sie am frühen Morgen. Fünf Uhr ist für mich dagegen mitten in der Nacht, dann ist meine Körpertemperatur einen Grad niedriger als tagsüber und mein Gehirn ist so träge und mit der Konsolidierung der tags zuvor aufgenommenen Dinge beschäftigt, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann.

    Regelmäßiges Aufstehen um fünf funktioniert nach einer großen Umfrage zum Chronotyp (mehr als 150.000 Teilnehmer) nur bei deutlich weniger als einem Sechstel der Bevölkerung. Die Empfehlung darf also nicht lauten: „Steht früher auf, Leute!“ sondern: „Lebt wieder mehr in eurem persönlichen Rhythmus!“

    Dass Lerchen – also Frühaufsteher – in unserer Gesellschaft im Mittel erfolgreicher sind als andere, ist übrigens kein Effekt des frühen Aufstehens. Es ist genau umgekehrt: Die Gesellschaft bevorzugt mit ihren frühen Arbeits- und Schulzeiten die Lerchen. So bekommen Lerchen bessere Abiturnoten, weil sie morgens um acht, wenn die Arbeiten geschrieben werden, schon viel wacher und leistungsfähiger sind als Eulen. Wenn jemand, der aufgrund seiner weitgehend angeborenen inneren Zeitmessung intuitiv jeden Morgen mindestens bis neun Uhr schläft, versucht, regelmäßig um fünf oder sechs aufzustehen, wird er garantiert nicht mehr Erfolg haben, sondern ein chronisches Schlafdefizit entwickeln, dick und krank werden und im Job womöglich „abstürzen“.

    Ich würde also nicht behaupten: „Das Spätzubettgehen und abends lange Arbeiten geht übrigens ganz einfach. Essen Sie was leckeres zu Abend, schenken Sie sich ein Gläschen Rotwein ein, trinken Sie einen doppelten Espresso und setzen sich dann hin, um das zu tun, was Sie gerade vorhaben. Natürlich hat das eine Steigerung der Produktivität zur Folge.“ Ich würde immer ein „für mich und Menschen ähnlichen Chronotyps“ einfügen.

    Ausgeschlafene Grüße
    Ihr Peter Spork

  8. Fünf Uhr Morgens? Wow .. ab und an bin ich da *noch* wach, nicht *schon* …
    Ich bin definitiv der Eulen-Typ, Morgens sechs Uhr ist mir ein Graus – dank Kindern muss es aber auch hier um die Zeit laufen. Ich bekomme meinen Rhythmus auch nicht umgestellt … meist verschwinde ich zwangsläufig gegen 00 bis 01 Uhr im Bett, obwohl da nach einer Phase von 14-18 Uhr, eigentlich meine produktive Phase ist …
    Ich lebe scheinbar in der falschen Zeitzone ;)

  9. Wow, das ist schon nicht schlecht!
    Mein Wecker klingelt i.d.R. um 8 Uhr morgens und ich brauche dann noch mindestens 30min um überhaupt hochzukommen.
    Allerdings kenne ich das „Überdenken des Tagesrhythmus‘ um herauszufinden wo noch Kapazitäten sind“, denn ich versuche gerade meinen neuen Vollzeitjob und mein Blog zeitlich unter einen Hut zu bekommen.
    Allerdings liegt bei mir – als Eule – wohl eher das Potenzial in den Stunden von 19 bis 23 Uhr. Nur kann man da die Familie nicht „abschalten“, das stimmt wohl :o(
    Viele Grüße, Katharina

  10. Ich selbst kann mich dazu meist nur am Wochenende durchringen – wenn nicht beruflich etwas ansteht. Dann schläft meine Familie noch (Langschläfer) und ich habe Zeit für mich selbst und kann z. B. Joggen gehen oder die Zeitung lesen. Danach nimmt mich die Familie in Beschlag :-)

  11. Kaninchenstall 5.05.2014 at 12:59

    Sobald man Kinder hat, kann man eh nicht mehr ausschlafen. :) Da ist um 7 oder 8 Uhr morgens die Nacht zu Ende. Entweder man legt sich dann auch mittags hin, wenn die Kinder schlafen oder man geht eher ins Bett :)

  12. 7 oder 8 Uhr aufstehene wenn man Kinder hat ? Dann schlafen deine Kinder aber lange ;)

  13. Ich kann das ganz gut nachvollziehen. Ich stehe seit gut einem Jahr auch jeden morgen um 04:45 auf. Leider bedingt durch die Fahrtzeiten zum Büro. Dort treffe ich erst gegen 07:00 ein. Dennoch sind die zwei Stunden zwischen Aufstehen und Büro, wovon ein Großteil in der Deutschen Bahn stattfindet, sehr angenehm und produktiv.

    Ich genieße die Ruhe, lese oder blogge in der Bahn. Denn man mag es kaum glauben, aber um die Zeit ist es selbst in einem vollbesetzten Bahnwaggon ziemlich ruhig.

  14. Wäre wirklich mal interessant den Tagesablauf von Managern und Familienvätern bzw. Müttern zu vergleichen. Manager trainieren es sich ja auch an, mit nur wenigen Stunden Schlaf auszukommen. Der Tagesablauf sollte auch nicht minder stressig sein. Vielleicht würden dadurch sogar die Vorbehalte gegenüber der Quote verschwinden.

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