Die Sache mit German Angst essen Zukunft auf

Nico —  23.04.2014

Ach, der deutsche Michel mal wieder. Die bekannte Karikatur mit der Schlafmütze auf dem Kopf kommt mir unweigerlich in den Sinn, wenn ich die aktuelle Debatte um die wirtschaftliche Entwicklung der Digitalisierung betrachte. Angeführt von Mathias Döpfner wird derzeit beklagt, dass Google in nur etwas mehr als 10 Jahren eine derartig marktbeherrschende Rolle eingenommen hat, dass das alle nicht mehr witzig finden in Deutschland. Was natürlich etwas ganz anderes ist, als wenn Springer eine marktbeherrschende Rolle eingenommen hätte, wie beim geplanten Kauf von Pro7.

Aber generell ist an der Klage etwas dran. Die deutsche Wirtschaft spielt in der digitalen Industrie keine Rolle. Tja, das kommt davon, wenn man kollektiv ein Jahrzehnt lang den Kopf in den Sand steckt und danach den Sand in den Kopf. Ich kann dem derzeitigen Mimimi nichts abgewinnen. Die großen deutschen Firmen haben das Consumer Internet mit Ansage verpennt, weil sie es zu lange negiert haben. Und nun stehen sie doof da und müssen mitansehen, wie sich Machtgefüge verschieben und neue Abhängigkeiten entstehen. Das ist ärgerlich, aber es ist vor allem das Resultat eines kollektiven Versagens der deutschen Wirtschaft, die durch ihre langanhaltene Zurückhaltung nun überall zu spät zur Party kommt und sich wundert, dass das Bier alle ist. Wer bei immer schneller und kürzer werdenden Zyklen der Entwicklung zu lange abwartet, steht danach vor der Herausforderung, verlorene Marktanteile zurückholen zu müssen.

Deswegen finde ich es schon amüsant, dass jetzt wieder mit latentem Anti-Amerikanismus kokettiert wird und das Kartellrecht bemüht werden soll. Dem Schlachtruf „Zerschlagt Google!“ sollte allerdings ein „wir haben es verpennt!“ unbedingt folgen! Innovation ist kein Selbstzweck, aber bei der Suche nach den Geschäftsmodellen der Zukunft muss eben auch beträchtlicher Aufwand im Bereich Forschung & Entwicklung betrieben werden, damit Ideen für die Zukunft entwickelt und umgesetzt werden können.

Die Abhängigkeit von Google und Facebook bei den Nutzerströmen lässt aus vielen Medienhäusern eine Art Zulieferbetrieb werden mit einer ähnlichen Abhängigkeit, wie es viele Firmen in Bezug auf Aldi, Lidl und andere kennen. Hinzu kommen neue Geschäftsmodelle wie die der Huffington Post oder Buzzfeed, die zu dem Abhängigkeitsverhältnis noch eine Bedrohung des ursprünglichen Geschäftsmodells hinzukommen lassen.

Ich wünsche mir etwas mehr Ehrlichkeit in der Debatte. Vor allem wünsche ich mir, dass aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt wird. Die Überheblichkeit der Großen der deutschen Wirtschaft führte dazu, dass in der globalen digitalen Wirtschaft Deutschland keine Rolle spielt, wenn man vom eCommerce-Exportmodell der Samwers und der Beharrlichkeit, mit der Otto seine Marktanteile sichert, absieht. Wir sehen die Auswirkungen immer zu erst bei den Medien selber, erst nach und nach sind dann andere Bereiche betroffen.

Dass eine Entwicklung auch anders gehen kann, sehen wir im Bereich alternative Energien. Dort wurde bereits seit den 80ern investiert, obwohl natürlich anfangs kein Markt da war. Als der Markt dann aber reif genug war, gab es genügend deutsche Firmen, die in der Lage waren, zu liefern und mit dem Weltmarkt mitzuhalten. Natürlich wurde im Laufe der Jahrzehnte viel Geld für Innovation ausgegeben und auch so mancher Fehler gemacht. Insgesamt hat aber die Branche davon profitiert. Allerdings hatte die Politik hier schon frühzeitig ein Interesse und hat entsprechende Fördermittel locker gemacht.

Mit der Digitalisierung wird aber vor allem klar, dass tradierte Methoden nicht funktionieren. Entwicklungen verlaufen so schnell, neue Märkte entstehen innerhalb weniger Monate, dass Innovationsförderprogramme schon fast wieder obsolet sind, sobald sie endlich eingerichtet wurden. Die Anforderungen sind anders und sie kollidieren mit dem Tempo von Politik und Verwaltung.

Muss aufgrund des kollektiven Versagens der deutschen Wirtschaft bei der Entstehung einer neuen Industrie nun Google zerschlagen werden? Oder Facebook? Oder Amazon? Oder Apple? Ich denke, dass es fürs Erste schon reichen würde, wenn diese Firmen auch in Europa ordentlich Steuern zahlen würden und sich an dieselben Standards halten müssten wie deutsche Firmen auch. Damit wäre schon viel geholfen, denn gleiche Rahmenbedingungen für alle sollten als Grundsatz gelten. Dann sollte man mal eine Diskussion führen, inweit die Verschränkung von Diensten kartellrechtlich relevant ist oder ob die Convenience für die Nutzer auch durch das Bereitstellen offener Schnittstellen erreicht werden kann. Die Dominanz von Google, Facebook und anderen kommt ja nicht von ungefähr, sondern weil die Nutzer diese Dienste nutzen. Die Nutzer sind da eher eigensinnig und auf den eigenen vermeintlichen Vorteil bedacht und denken nicht in der Kategorie „was würde der deutschen Wirtschaft und vor allem Springer helfen?“ – wenn wir über das Consumer Internet reden, dann sollten wir den Nutzer im Fokus haben und seine Position stärken.

Ich würde die Lehren aus dem Debakel der deutschen Wirtschaft beim Consumer Internet dahingehend ziehen, dass Innovationen im Bereich Industrie 4.0 / Machine-to-Machine Communications nun mit einer deutlich spürbaren Vehemenz vorangetrieben werden sollten, denn ansonsten wird auch der vielgepriesene deutsche Mittelstand in zunehmend schwieriges Fahrwasser geraten. Mit Angst oder Zweifel kommen wir da allerdings nicht weiter, sondern mit zügigem Handeln. Ansonsten machen das andere.

6 responses to Die Sache mit German Angst essen Zukunft auf

  1. Ich frage mich – wen wundert das? Der deutsche Michel war über das letzte Jahrzehnt, also das bislang wirklich digitale Jahrzehnt, damit beschäftigt, sich mit juristischen Spitzfindigkeiten rund um die Impressumspflicht auseinanderzusetzen oder abmahnsichere Disclaimer und Haftungsausschlüsse zu verfassen, die vom Wortvolumen her den Inhalt mancher Seiten um Längen übertreffen.
    Und da frage ich mich wieder, woher soll dieser deutsche Michel, der im zweiten Schritt zwischen Betriebseröffnungsbögen, Zwangsmitgliedsschaften in diversen dubiosen Vereinigungen und einer latent gefühlten Störer- der Mitstörerhaftung hin und her gebeutelt wird, auch noch Zeit für Innovationen finden?
    Das deutsche Versagen an einem vermeintlichen Wettbewerbsvorteil durch geringere Steuerlasten der ausländischen Spieler festzumachen ist ein wenig flach. Der Deutsche tendiert im ersten Schritt bei Innovationen sich selbst im Weg zu stehen. Im zweiten Schritt will er dann alles regulieren und im dritten Schritt holt man die Juristen und BWLer mit ins Boot und dann ist der Zug abgefahren. Und da glaube ich nicht, dass der Deutsche da noch irgendwie lernfähig ist, denn: Die Politik sollte es ja vorleben. Doch dort tut man genau das Gegenteil und schafft ein Klima der Überregulierung, bis am Ende alles still steht und gar nix mehr geht.

  2. „und sich an dieselben Standards halten müssten wie deutsche Firmen auch“.

    Das ist des Pudels Kern. Wieso sind denn solche deutschen Versuche wie StudiVZ, Werkenntwen und letztlich auch XING so kläglich gescheitert? Wegen der deutschen Standards, insbesondere beim Datenschutz.

    Facebook und Google zur Einhaltung deutscher Datenschutzstandards zu zwingen, ist illusorisch. Genauso wie die Forderung, daß die in Deutschland in nennenswertem Umfang Steuern zahlen.

    Es wäre stattdessen zu überlegen, ob der überzogene deutsche Datenschutz nicht im internationalen Wettbewerb ein ernstzunehmender Klotz am Bein ist, der weg muß.

  3. Ich kann angesichts des jüngsten offenen Briefes von Herrn Döpfner auch nur den Kopf schütteln. Aber er entlarvt uns auch ein wenig. Er ruft darin nach dem Staat als letztem Rettungsanker, frei nach dem Motto “ Wenn wir es unternehmerisch nicht in den Griff bekommen, dann muss die Politik uns retten.“ Wie bei den Banken. Auf der anderen Seite zeigt das von Herrn Lumma angeführte Beispiel der Energieindustrie, dass Investitionen in wahrhaftig innovative Entwicklungen offenbar nur dann getätigt werden, wenn sie vom Staat subventioniert werden. Der Vorsprung der deutschen Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Industrien ist weg, Solarworld pleite und der Markt wurde mal wieder anderen überlassen. Google und Facebook wurden weder von großen und etablierten Unternehmen gegründet, noch durch staatliche Subventionen gefördert. Das amerikanische Modell funktioniert eben ganz anders – da wird etwas gewagt, auch auf die Gefahr hin, das es mal nicht funktionieren kann. Und das häufig ohne Netz und doppelten Boden. In Deutschland gibt es eine derartige Mentalität nicht, so dass es auch solche Erfolgsmodelle nur selten geben kann. Und das ist viel entscheidender als die eine oder andere gefühlte Benachteiligung durch Gesetze und Regularien.

  4. Tja was soll man sagen, es gibt schon noch deutsche die Inovation haben können, aber leider, es wurde ja schon geschrieben, das muss man Rechtswissenschaft studiert haben, um ja auch nichts falsch zu machen. Denn es könnte gleich eine Abmahnung wegen Urherberecht, Patentamt und wie es alles heißt ins Haus flattern. Wer will da also noch was entwickeln wenn man später nur Stress bekommt.
    Interessant dürfte in diesen Falle mal die Auswanderstatistik sein, vor allen der hoch qualifizierten :)

    wie Eberhard auch schon schreibt, Thema Datenschutz, gut und schön, nur wenn sich nur die deutschen dran halten sollen.
    Noch besser ist das mit der Umweltzone, grüne Plakette, in die Stadt darfst du nicht rein fahren, aber die Autobahn die 100m an der Stadt vorbei läuft ist kein Problem, so als wenn da unsichtbare Wände verbaut sind und der Wind nichts in die Stadt weht, das sind doch mal durchdachte Gesetzte Jungs :)

Trackbacks and Pingbacks:

  1. Speisekarten-Blog - 23.04.2014

    Links 2014-05

    iv class=“curated-link“>

  2. Der Riese taumelt | René Schneider - 27.06.2014

    […] Google zu wettern oder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Schuld am Niedergang zuzusprechen. „Angst essen Zukunft auf“, hat Blogger Nico Lumma deshalb schon einmal zurecht analysiert. Doch wann kommt nun endlich der […]