Die Sache mit Max und Bob Dylan

Mein Thanksgiving im Jahr 1989 war irgendwie anders und das lag an Max und auch an Bob Dylan. Meine Gasteltern luden mich und meine vier Gastgeschwister in den Minivan und wir fuhren nach Kansas, um mit zwei befreundeten Familien Thanksgiving zu feiern. Thanksgiving war zwar irgendwie traditionell, also mit Turkey, Pumpkin Pie, Honey glazed Ham, American Football, irgendeiner Parade im Fernsehen und so weiter, aber für uns war das Besondere, dass wir alle ein T-Shirt trugen mit der Aufschrift „Camp Max – no pain, wrong camp.“ – die Erwachsenen hatten sich das ausgedacht, um den Gastgeber Max ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Max war ein interessanter Kerl. Er hatte jedes verfügbare Album von Bob Dylan in seiner Sammlung und verehrte ihn sehr. Max war ein ehemaliger Hippie, der natürlich in Woodstock war und danach nach Kanada geflohen war, um dem Draft zu entgehen und nicht nach Vietnam zu müssen. Mein Gastvater konnte auf die Frage „Was hast Du während Woodstock gemacht?“ nur antworten „ich war auf dem Weg, um mich nach Vietnam einschiffen zu lassen, aber dann wurde ich anders verwendet und musste nicht aktiv am Krieg teilnehmen“, das war zwar ehrlich, aber nicht so cool wie die Teilnahme am Woodstock Konzert. Meine Eltern konnten mit dem Wort Woodstock nichts anfangen, was mich in meiner musikalischen Findungsphase als Jugendlicher immer total erstaunt hat. Sie waren zwar progressiv gewesen, aber ihr popkultureller Erfahrungsschatz war dann doch eher limitiert. Nicht so bei Max, er hatte die für mich großartigsten Bands der Epoche live gesehen und hatte noch dazu mit seiner Kriegsdienstverweigerung durch Ausreise nach Kanada ein enorm starkes Zeichen gesetzt. Ich war tief beeindruckt. Aber Max war irgendwie kaum nahbar, ein totaler Zyniker, der von uns 11 Kindern an Thanksgiving mehr als genervt war und das auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit deutlich machte. Naja, das Motto „no pain, wrong camp“ war dann irgendwie passend und ich war vor allem enttäuscht, dass Max nicht mit mir über Bob Dylan, Woodstock, die Counterculture der Sixties, LSD und so weiter diskutieren wollte. Er blieb unnahbar. Max war Anwalt und arbeitete als Pflichtverteidiger, ich vermutete, dass ihn das hat zynisch werden lassen.

Ein Jahr nach meiner Rückkehr nach Deutschland verbrachte ich meinen Sommer erneut bei meinen Gasteltern und wir besuchten Max und seine Familie. Während eines Ausflugs nach Kansas City fuhr Max und saß mit meinem Gastvater vorne, während ich mich hinten mit meiner damaligen Freundin unterhielt. Nach einer Weile drehte sich Max um und blaffte uns an, dass wir aufhören sollten, uns auf deutsch zu unterhalten, er könne es nicht ertragen. Er erzählte uns, dass er drei Jahre nach dem Krieg in einem Armeelager in Bayern geboren wurde und dass seine Eltern polnische Juden waren, mit denen er dann in die USA ausgewandert war. Und dass er die deutsche Sprache nur schwer ertragen könne, nach all den Erzählungen seiner Eltern. Wir schwiegen, denn nach Reden war uns auch nicht mehr zumute.

Tja, das hätte mir auch mal jemand vorher sagen können, ich kannte ja nur die Hippie-Geschichten aus den 60ern und auch die Camp-Anspielung machte dann, mehr als zwei Jahre später, endlich Sinn, wenn es auch eher zynisch war, was Max vermutlich gefiel. Max ist vor 20 Jahren gestorben, nach einer unendlich beschissenen und langen Leidensphase. Aber immer wenn ich an Bob Dylan denke, dann kommt mir Max in den Sinn und mir wird immer wieder bewusst, wie weit die Schuld meiner Großeltern-Generation doch reicht.

5 Antworten auf „Die Sache mit Max und Bob Dylan“

  1. Netter, fast zeitloser Bericht an einem Montag morgen.

    Nur: was will uns der Autor mit dem letzten Satz „mir wird immer wieder bewusst, wie weit die Schuld meiner Großeltern-Generation doch reicht“ eigentlich sagen? Wie weit reicht sie denn? Was machen wir daraus?

    Der Kniefall von Willy Brandt in Warschau war sicher für Deutschland und für das Nobelkomittee beeindruckend. Aber die nette Anekdote von Nico Lumma macht deutlich, daß er für viele Menschen – zu recht – so gut wie gar nichts bedeutet hat.

  2. Die Schuld, die unser Volk auf sich geladen hat wird noch Jahrzehnte verschlingen, ehe man uns Deutsche nicht mehr mit den Verbrechen unserer Vergangenheit gleich setzt. Zu recht dürfen wir nicht erwarten, dass man uns verzeiht. Viel mehr sollten wir auch heute noch um Vergebung bitten für die Verbrechen unseren Volkes.

    Sprüche von Menschen die besagen, „Was haben wir denn damit noch zu tun?“ oder „Da können wir doch nix dafür…!“ gehen mir tierisch auf die nerven. Wir tragen als Gesamtheit unseren Volkes diese Schuld und nur weil wir die Generation sind, die nicht direkt in dieser Verbrechenszeit lebte, können wir uns nicht des Schuldbewusstseins entziehen. Die Folgegenerationen der verfolgten ertragen noch heute das Leid und die Trauer. Letzteres wird meiner Meinung nach weiter vererbt, Schuldbewusstsein leider nicht.

    1. Menschen, die sagen „Da können wir doch nix dafür“ werden manchmal sogar zum Bundeskanzler gewählt, und bleiben das dann 16 Jahre lang (1982 bis 1998), weil die Deutschen sie immer wieder wählen. Das zeigt, daß es ziemlich viele Deutsche gibt, die mit diesem Schuldbewusstsein überhaupt nicht umgehen können, und froh sind, wenn sie Führer wählen können, die das genauso sehen wie sie selbst.

  3. Ich habe mit Sicherheit Jahrgang 1960 keine Mitschuld am 2. Weltkrieg. Mein Vater wurde noch mit Jahrgang 1928 zum Kriegsdienst eingezogen. Wäre er der Aufforderung nicht gefolgt, wäre er vermutlich erschossen worden? Bleibt nur zu hoffen dass ein einzelner Mensch nicht mehr soviel Macht entfalten kann und ein ganzes Volk in den Ruin treibt. In Filmen und Dokumentationen werden wir immer wieder auf diese Greultaten hingewiesen. Der Mensch kann aus der Vergangenheit lernen, der Makel bleibt.

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