Die Sache mit der Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Die Null-Grenzkosten GesellschaftIch habe in den letzten Tagen das neue Buch von Jeremy Rifkin, The Zero Marginal Cost Society: The Internet of Things, the Collaborative Commons, and the Eclipse of Capitalism, mit viel Freude gelesen. In dem Titel ist wirklich alles enthalten, was mich derzeit so interessiert und was in der Tat aktuell für wichtige Veränderungen sorgt, weshalb die deutsche Ausgabe des Buches dann auch direkt Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus heisst. Eigentlich müsste man das Buch gar nicht mehr lesen, um zu wissen, wie die These von Jeremy Rifkin aussieht, denn sie steckt praktischer Weise komplett im Titel des Buches. Aufgrund der fortschreitenden Automatisierung durch das Internet of Things werden die Grenzkosten in der Produktion sinken und folglich Produkte immer preiswerter und immer leichter verfügbar werden. Dadurch wird es zu einer Überwindung des Kapitalismus und gleichzeitiger Stärkung der Zusammenarbeit der Menschen in einer Gesellschaft kommen. Na, wenn das nichts ist, das klingt ja schon fast nach einem sozialdemokratischen Parteiprogramm neuerer Prägung.

Rifkin gibt in „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ einen guten Überblick über die großen Trends der letzten Jahre und versucht daraus nicht nur ein Puzzle zusammenzusetzen, sondern auch einen Blick auf die zukünftige Entwicklung geben. Denn in der Tat stehen wir mit Themen wie Industrie 4.0 vor Entwicklungen, deren gesamtgesellschaftliche Auswirkungen wir derzeit kaum absehen können, die aber immense Auswirkungen haben werden. Wenn die Produktion zunehmend automatisiert wird und damit immer billiger wird, werden nicht nur Menschen weniger verdienen und weniger ausgeben, sondern es werden auch weniger Menschen Vollzeit arbeiten und insgesamt weniger Steuern anfallen. Allein diese Entwicklung sollte die Politik nachhaltig irritieren. Rifkin geht noch weiter und zeichnet Bilder neuer Formen der Zusammenarbeit, die sehr von den Entwicklungen des Netzes geprägt sind, wo eben frühzeitig kollaborative Ansätze gefunden wurden. Die immer präsenter werdende Sharing Economy, also das Teilen von Ressourcen wie Wohnungen oder Autos ist eine Ausprägung der von Rifkin beschriebenen Entwicklung.

Leider nennt Rifkin kein konkretes Datum für die Überwindung des Kapitalismus, man kann sich also auf eine Entwicklung entlang eines Zeitstrahls einstellen, aber wann es so weit sein wird, lässt er offen. Für mich ist an der Null-Grenzkosten-Geselschaft vor allem spannend, wie wir den Übergang gestalten werden zu einer Gesellschaft, in der Arbeit an Wert verlieren wird und immer mehr Menschen immer weniger Arbeit und damit immer weniger Geld haben werden. Der demographische Wandel wird diese Entwicklung nicht auffangen, also müssen wir über neue Formen von Grundeinkommen zwingend nachdenken, wenn es nicht zu einer großen Anzahl von Fortschrittsverlierern bei dieser Entwicklung kommen soll.

Rifkin bietet eine Einordnung der aktuellen Entwicklungen und extrapoliert weit in die Zukunft, wobei natürlich die Überwindung des Kapitalismus als letzendliche Konsequenz angepriesen wird. Ich weiss nicht, wie viel dieser Entwicklung ich noch erleben werde, aber ich sehe umfangreiche Veränderungen beim Faktor Arbeit in den nächsten Jahren und zwar genau aufgrund der Entwicklungen, die Rifkin in Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft: Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus beschreibt. Die Überwindung des Kapitalismus ist dabei der Narrativ, der den vielgepriesenen Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus suggeriert, den auch vor Rifkin schon viele Autoren meinten gefunden zu haben. Vermutlich werden wir die Gesamtheit der von Rifkin beschriebenen Entwicklungen nicht zu spüren bekommen, wohl aber einige Teilaspekte davon. Die Erosion der Grenzkosten in der Produktion durch immer neue, disruptive Geschäftsmodelle ist allerdings eine für mich naheliegende Entwicklung, deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft derzeit kaum absehbar sein werden. Jeremy Rifkins Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Debatte um die Zukunft der digitalen Gesellschaft.

6 Antworten auf „Die Sache mit der Null-Grenzkosten-Gesellschaft“

  1. Danke für die Zusammenfassung. Ich habe das Buch noch nicht gelesen und freue mich auf seine Ansichten und Trendfortschreibungen für die Arbeit der Zukunft. Ich bin jedoch bei einer Argumentation sehr skeptisch: Eine zunehmende Automatisierung der Produktion bedeutet nicht, dass es insgesamt weniger Arbeit gibt. Und den Ende des Kapitalismus bedeutet das m.E. auch nicht. Automatisierung nimmt seit der Industrialisierung stetig zu, das Arbeitsvolumen aber auch. Es gibt keinen Grund, warum eine noch weiter steigende Automatisierung dies ändern sollte. Derartige Prophezeihungen sind so alt wie die die Automatisierung selbst und waren bisher immer falsch. Noch um die Jahrhundertwende haben in Deutschland so rund 95% der Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet. Grosse Katastrophen wurden für diese Menschen vorhergesehen, wenn sich die landwirtschaftliche Produktivität steigern würde und weniger Menschen für die Ernährung der Bevölkerung gebraucht werden. Heute arbeiten noch 1% der Menschen in der Landwirtschaft. Und die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr.

  2. Ein grosses Dankeschön auch meinerseits.Werde mir das Buch nächste Woche besorgen. Ich enthalte mich vorerst noch mit kritischen Aussagen, würde mich aber – nach dem ich das Buch gelesen habe- über einen Austausch freuen.

  3. Schön. Bleibt zu hoffen, dass nicht geschieht, was bis jetzt immer geschah: Politiker springen ungefragt herbei und verkacken alles.

  4. „Die Überwindung des Kapitalismus unter Beibehaltung des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs“ wurde ursprünglich für Marxisten (Staatskapitalisten) geschrieben, was den für denkende Menschen unlogischen Titel erklärt. Ein selbständig denkender Mensch weiß, dass nur die Entfesselung des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs den Kapitalismus überwindet, während ein marxistischer Sozialist das Denken lieber dem Politbüro überlässt. Für alle, die weniger an Staatskapitalismus und mehr an sozialer Gerechtigkeit interessiert sind, sollte es jedoch nie zu spät sein, mit dem selbständigen Denken anzufangen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2014/10/uberwindung-des-kapitalismus.html

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