Die Sache mit den Buckelpisten als Fahrradwege

Ich war neulich in den Niederlanden und bin dort Fahrrad gefahren. Dort gab es wunderschöne, breite Fahrradwege und sogar Unterführungen für Fahrradfahrer unter stark befahrenen Kreuzungen hindurch, von Fahrradampeln und genügend Fahrradständern mal ganz zu schweigen. Fahrradfahren brachte enormen Spaß, man fühlte sich sehr sicher und man kam schnell voran, trotz permanentem Gegenwind. “Mensch, wenn wir das nur auch mal in Deutschland hätten!”, dachte ich. Das war vor 30 Jahren.

Jedes Jahr lese ich dafür auf zeit.de, wie toll das Radfahren in Kopenhagen doch sei, für das eigene Wohlbefinden, für die Umwelt und neuerdings sogar auch für die Wirtschaft.

Alles toll, denke ich mir, hole mein Fahrrad aus dem Keller, setze die Lütte auf den Kindersitz und fahre los. Geniesse auf dem Weg zur Kita ca. 250m neuen Fahrradweg auf der Straße. Man rollt so toll über Asphalt, herrlich. Kurz danach darf ich wieder einen viel zu schmalen Radweg nutzen, muss Passanten bitten, mir Platz zu machen, fahre über viel zu hoch abgesenkte Bordsteine, so dass die Lütte von hinten protestierend “Papa!” ruft und frage mich, ob das wirklich so sein muss. Zurück fahre ich manchmal die Sierichstrasse entlang. Eine Einbahnstrasse, die für Autos wunderbar funktioniert, die aber auf beiden Seiten keinen wirklich durchgängigen Radweg hat. Wie kann das sein? Ich bin neulich am Ring 2 geradelt. Was für ein Fehler, dies ohne Mountainbike mit fetter Federung zu tun. Warum sind Radwege in Hamburg eigentlich grundsätzlich zu schmal und zu holprig? An der Ubahnstation Kellinghusenstrasse liegen seit Jahren jeden Sonntag Morgen unzählige Fahrräder auf der anderen Seite einer Hecke, weil einfach nicht genügend Fahrradständer vorhanden sind und irgendwelche Spinner nachts meinen, dass man mal anderer Leute Eigentum zerstören kann. Wenn man die gestiegenen Zahlen der Fahrraddiebstähle liest, dann wird schon deutlich, dass vernünftige Fahrradständer oder abschliessbare Boxen generell in Hamburg fehlen.

In Hamburg läuft etwas schief, wenn wir zwar über Verkehrsmittel wie die Stadtbahn oder die Seilbahn fabulieren und streiten können, es aber über Jahrzehnte nicht hinbekommen, vernünftige Fahrradwege zu bauen. Wenn wir die Straßen entlasten wollen, dann müssen einfach bessere Fahrradwege her – Fahrradwege aus Asphalt, keine Buckelpisten aus angemalten Gehwegplatten. Am Wetter kann es nicht liegen, das anderswo das Fahrrad mehr genutzt wird. Amsterdam und Kopenhagen sind beide für ein ähnlich mediterranes Klima bekannt wie Hamburg.

24 Antworten auf „Die Sache mit den Buckelpisten als Fahrradwege“

  1. Ich bin heute morgen die Grindelallee vom Hauptbahnhof nach Hoheluft raufgeradelt. Mit Stadtrad und Navi im Ohr. ;) Zum ersten Mal. Erst dachte ich: Heilige Scheiße! Hamburg? WTF?
    Andererseits: Dort wo schon neu gebaut ist, erkannt man, dass Hamburg verstanden hat, wie es künftig gehen muss. Radfahrer auf die Fahrbahn. Wo der Platz reicht, auf eigener Spur.
    Immerhin! Auf dem Land bauen wir immer noch für teuer Geld Radwege, die seit 16 Jahren eigentlich rechtswidrig sind.

    1. ja, da, wo die Busbeschleunigung erfolgt ist, hat man sicherheitshalber auch gleich die Radwege auf die Strasse gepackt. Aber das ist alles zu zögerlich und zu wenig. Wir reden hier über mögliche Milliarden für ne Stadtbahn, anstatt wirklich mal Fahrradschnellstrassen zu bauen.

    1. Och naja. Das stimmt zwar z.T. (Hochallee z.B.), dafür fährste mit dem Rad dann solange auf der Straße; mit den Autos hinter dir, bis die Radspur (und damit auch die Straße für die Autofahrer) wieder frei ist, das funktioniert i.d.R. recht gut. Oder: Parken Autofahrer die Radspur voll, nutzte als Radfahrer halt die Straße. Fairer Tausch.

      In der Fuhle werden Radwege gerade auf die Straße verlegt, finde ich okay. Lieber wäre es mir allerdings gewesen, man hätte wie ursprünglich mal angedacht das Shared Space-Modell umgesetzt, aber dafür ist Hamburg leider zu… na, sagen wir mal zögerlich. Radfahrer und Fußgänger sind in Hamburg ja schon mit wenig zufrieden. ;)

  2. Ist mir als Tourist neulich ebenfalls aufgefallen, wie unterdurchschnittlich und veraltet das Radwegenetz in Hamburg ist.

    1. PS: Als Orfsunkundiger ist mir neben den beschriebenen Zuständen auch die völlig unzureichende Beschilderung aufgefallen. Selbst für einfachste Routen musste ich das Handy-Navi bemühen, beispielsweise von den Landungsbrücken zum Rathaus. Oder das Ratespiel “wie kommt man am besten von der Binnen- zur Außenalster, ohne sich durch brüllenden Verkehr quälen zu müssen”.

  3. In der Stadt nutze ich immer das Rad, allein deshalb weil ich sonst ständig nach einem Parkplatz Ausschau halten muss. Im Emsland wurden viele Radwege gebaut, daher lohnt sich hier ein Ausflug.

  4. Vermutlich “brauchen” wir in Hamburg erst einen zweiten Volkan Kaya, der nun nicht von einem Köter totgebissen wird, sondern der von Mamas Fahrrad fällt und stirbt oder der auf einem Gehweg von einem Fahrradrüpel totgefahren wird. So ist das leider.

  5. Es tut sich was in Hamburg, aber leider doch immer noch zu wenig.
    Drei der “neuen” Radwege habe ich in den letzten Monaten mal etwas ausführlicher beschrieben.
    (s. http://blog.cupofcoffee.de/?cat=111)

    Punktuell sind tolle Sachen zu bestaunen, wie die angeklipste Klütjenfelder Radwegbrücke, oder der kurze neue Abschnitt des Elbe-Radwegs am Billhafen.
    Schaut man sich aber beispielsweise den LOOP an, der ja offiziell nicht als Rad-, sondern als “Freizeitweg” deklariert wurde, erkennt man doch wieder Stückwerk. An den beiden Querungen der Wilhelmsburger Hauptstraßen wurden nicht einmal Ampeln eingerichtet und an der Wollkämmerei fährt man dann doch wieder auf dem Fußweg.

    Aber in der Innenstadt haben wir doch noch an den meisten Stellen 70er-Jahre Standards.

    Wirklich gut ist allerdings das StadtRAD System. Ich steige mittlerweile immer häufiger spontan auf die roten Boliden…

  6. Neulich wollten sie bei mir in der Strasse einen neuen Radweg bauen,
    einen abgegrenzten streifen auf der Fahrbahn, so wie in Amsterdam häufig.
    Was passiert riesen Bürgerinitiative gegen diesen Todesstreifen resultat es wird wieder ein Holper Radweg mit abgesengtem Bordstein gebaut.

    Ich benutze in der Stadt kaum Fahrradwege, ich fahre auf Deutsch gesagt Ruppig mit dem Autoverkehr am rande der zulässigkeit aber leider der einzige weg mit dem Rad flott durch die Stadt zukommen.

    Ja in den Niederlanden haben sie ein viel besseres Radwege System,
    auch in Münster oder Osnabrück.

    Meistens gibt es dort aber auch ein Deutlich schlechteres Nahverkehrsnetz,
    will man innerhalb Amsterdam z.b. 5km überbrücken mit Bus und Bahn ist man meist so 30min Unterwegs. Parkplätze gibt es auch fast keine, somit ist dort das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel.
    Wogegen in Hamburg das Fahrrad eher das mittel für die mutigen Alternativen ist,
    ich denke vernünftige Radwege würden Hamburg und manch anderer Stadt im Norden gut tun.
    Allerdings gibt es leider noch zuviele altgesottene die irgendwie meinen auf einem holper radweg mit abgesengten Bordsteinen wäre man sicherer als auf einem Fahrradstreifen.

    1. Meine Erfahrung im Streit um schnellere, sicherere und komfortablere Lösungen für Radfahrer. Die schlimmsten Gegner sind Radfahrer.

  7. Fahrradfahrenlassen ist in den Niederlanden und Dänemark nur eine Sache, die unsere Nachbarn besser können. Campingplätze gehören auch dazu. Und Kreiselbauen- und fahren. Und Strand-/Küstennutzung und -leben. Ach ja.

    1. In Dk und NL haben sie erkannt, dass gute, zumeist baulich geschützte Radinfrastruktur conditio sine qua non und gleichzeitig Nonplusultra ist.

      Sie lässt die Radlerzahlen explodieren.

      Running with the bulls – auch wenn es angeblich “überhaupt nicht gefährlich” ist – finden nunmal nur wenige anziehend.

      It’s the infrastructure, stupid.

      https://www.dropbox.com/s/1delke0u05rcvc5/Lekker%20Fietsen.pdf

      https://www.tumblr.com/blog/velohamburg

      Join in!

  8. Kopenhagen hat es wirklich vorbildlich gelöst, was den Fahrradverkehr angeht. Das Mobilitätskonzept Kopenhagens mit dem Schwerpunkt Fahrrad war übrigens ein wichtiges Argument, warum Kopenhagen den Titel Europäische Umwelthauptstadt 2014 gewonnen hat. Auch im Hinblick auf Elektromobilität sollte viel mehr Augenmerk auf gute und vor allem sichere Radwege gesetzt werden, weil E-Mobilität gerade im urbanen Regionen mit zwei Rädern am meisten Sinn macht und auch heute schon bezahlbar ist.

  9. Mobilität (vor allem nachhaltige) ist ein absoluter Schlüsselfaktor für Ballungsräume wie HH. Leider ist die Stadt, verglichen mit Kopenhagen, mindestens eine Dekade zurück. Die Verkehrspolitik ist de facto anachronistisch, obwohl sie sich seit Jahren mit immer neuen Ankündigungen anders darstellen möchte. Die Realität ist frustrierend und lässt sich jeden Tag erradeln.

  10. Bei der critical mass mitfahren, Zustände auf things on bike lanes posten und immer wieder anmerken, dass es so nicht richtig läuft. Macht ihr Eingaben bei Ratsmitgliedern? Ich denke da gerade drüber nach.

  11. Ich bin selbst aktiver Fahrradfahrer – fahre ca 2000 Kilometer pro Jahr. Bei uns sind die Radwege großteils gut ausgebaut. Unsere Wege führen zwar vorwiegend in die Berge – sprich Mountainbiking – doch trotzdem benutzen wir auch die Radwege neben den öffentlichen Straßen. Eine Untugend die mir jedoch immer wieder auffällt ist – das viele Fahrradfahrer nicht die ausgebauten Radfahrwege verwenden sondern auf den Straßen fahren. Warum eigentlich???? Wie würden sich diese Personen aufregen wenn auf einmal Autofahrer die Radwege benutzen. Daher leibe fahrradfahrer benutzen wir doch die Fahrradwege wenn sie vorhanden sind.

  12. Ich musste gerade einen Strafzettel über 97,– Euro bezahlen; Falschparken in Amsterdam; und ich habe keine Ahnung warum. Ich glaube ich sollte auch wieder mehr radeln…

  13. Ich kenne die Problematik aus Köln. Das Fahrrad nutzen hier viele als Nummer eins Fortbewegungsmittel. Nach Münster ist Köln die Stadt mit den meisten Radlern. Leider merkt man davon wenig bis gar nichts in der Infrastruktur. Wenn es Radwege gibt, sind diese meist völlig herunter gekommen und löchrig, sodass das Fahren keinen Spaß macht. Hier muss definitiv mehr investiert werden, um Sicherheit und Mobilität zu fördern.

  14. Ich finde in Hamburg ist die Situation für Radfahrer sehr zwiegespalten. Auf der einen Seite sind viele Radwege noch in einem sehr schlechten Zustand, aber auf der anderen Seite haben wir mit dem Stadtrad Hamburg das best laufende Verleihsystem für Cityräder.

    Ich denke der Trend Weg vom eigenen Auto hat gerade erst begonnen. Und wird sich nur langsam durchsetzen.

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