Die Sache mit dem Gegenwartsschock

Nico —  26.08.2014

Vor ein paar Jahren hatte ich das große Vergnügen, auf dem Hamburger Trendtag einem Vortrag von Douglas Rushkoff zur These seines Buches Program or be programmed lauschen zu dürfen. Bisher war mir sein Name zwar ein Begriff, aber ich hatte noch nichts von ihm gelesen, was ich immer mal nachholen wollte. Leider ist Rushkoff in Deutschland nicht mit so einer Vehemenz durch das Feuilleton getragen worden wie beispielsweise Jaron Lanier oder aktuell Dave Eggers – vermutlich weil er nicht apokalyptisch genug schreibt. So ist dann auch sein aktuelles Buch Present Shock: Wenn alles jetzt passiert bislang wenig in Deutschland diskutiert worden. Das ist schade, denn Rushkoff liefert nicht nur eine treffende Analyse dessen, was sich durch die Digitalisierung gerade entwickelt, sondern bietet auch in Ansätzen dezente Ratschläge, wie man besser lernen kann, mit den Veränderungen umzugehen.

Der Gegenwartsschock, von dem Rushkoff schreibt, ist etwas, was ich schon länger an mir selber erlebt habe. Das allgegenwärtige Teilen von Informationen und Erlebnissen ist toll, wenn man mitten drin ist und alles mitbekommt, aber es hat auch das Potential, extrem stressig zu werden, wenn man permanent versucht, an einem Ort anwesend zu sein und gleichzeitig auch mitzubekommen, was an anderen Orten gerade passiert. Rushkoff nennt diesen Zustand „Digiphrenie“ und natürlich kennen aktivere Netznutzer dieses Phänomen nur zu gut. Der Drang zur Echtzeit vermindert die Zeit für die Reflektion und „dabei sein ist alles!“ wird zum Schlachtruf einer Generation – jedenfalls bemerke ich diese Entwicklung ebenfalls seit einiger Zeit. Rushkoff sieht in diesem Fokus auf das Jetzt vor allem eine Vernachlässigung der Vergangenheit, insbesondere aber der Zukunft. Seine These ist, dass wir mit der Gegenwart viel zu sehr beschäftigt sind und daher kaum noch in der Lage sind, gestalterisch das Thema Zukunft anzugehen. Rushkoff bringt viele Beispiele in seinem Buch, um diese Entwicklung zu untermauern, Dabei dürfte nahezu jedem heutzutage der Kampf um die leere Inbox bekannt sein. Aber auch die Veränderungen im Finanzsektor werden mittlerweile spürbar, denn die Hochfrequenzhandelsplattformen sind auf das Ausnutzen von Kursschwankungen optimiert und lassen den Aspekt der Unternehmensfinanzierung eher in den Hintergrund rücken.

Mir hat an dem Buch vor allem gefallen, dass Rushkoff nicht andauernd den Zeigefinger gehoben hat, um zu verkünden, dass die große digitale Apokalypse bevorstehen wird, sondern immer auch versucht, Auswege aus aktuellen Entwicklungen aufzuzeigen. Der Geldkreislauf wird immer problematischer? Es gibt lokale Währungen, die eher Gegengeschäfte ermöglichen – derartige Beispiele bringt Rushkoff häufig in diesem Buch. Man merkt allerdings dem Buch auch an, dass die knackige These des Buches gut als Essay hätte erzählt werden können, denn die Vielzahl der Beispiele zieht die Argumentationskette nur unnötig in die Länge. Andererseits bedeutet das Lesen eines Buches ja auch zu großen Teilen einen Ausstieg aus der Echtzeitkommunikation und von daher war das quasi schon eine implizite Übung für die Leserinnen und Leser von Present Shock: Wenn alles jetzt passiert.

8 responses to Die Sache mit dem Gegenwartsschock

  1. Danke für die Empfehlung. Mal wieder was für meinen SuB…

  2. Ich bin immer etwas skeptisch, wenn Menschen mir erzählen, dass ein Schock dieser Art etwas mit der Digitalisierung zu tun hat. Vielleicht es auch nur der Fortschritt und sein Tempo, der uns schockiert und mit dem wir nicht mehr mithalten. Aber die These, dass uns das von der Zukunft abhält, halte ich für extrem spannend. Insofern danke für den Tipp. Nach der Übung, den Post gelesen zu haben, übe ich glaube ich mit dem Buch weiter.

  3. Ich kenne das Problem alzu gut. Ich will eigentlich immer alles mit bekommen und habe ständig das Gefühl etwas zu verpassen.
    Anderen Punkt:
    Ist der Share Button unter dem Post nicht etwas ironisch?

  4. Die Leute haben nicht nur zunehmend keine Zeit, sich mit der Vergangenheit und der Zukunft zu beschäftigen.
    Ich muss leider immer wieder feststellen, dass viele auch keine Zeit mehr haben, sich überhaupt mit irgendwas tiefsinnig zu beschäftigen, und nicht schon nach ein paar missglückten Momenten geistiger Tätigkeit wieder das Weite zu suchen.
    Bei dem Thema handelt es sich meiner Meinung nach nicht um einen wirklichen Schock. Das Gehirn lässt sich nämlich nicht einfach so schocken. Es schaltet einfach seine Automatismen ein und versucht, jede auch nur annähernd geistig behaftete Tätigkeit zu meiden.
    Und das passiert leider viel zu oft. Es ist keine Frage einer Verdummung der Gesellschaft, sondern eine Frage des geistigen Engagements. Wir werden nicht blöder (wer kann so etwas schon gerne von sich behaupten), sondern wir verlernen mit der Zeit das wirkliche Nachdenken. Und uns Sachen merken.
    Von der Erfassung der Zukunft (oder detaillierter Planung) spreche ich da gar nicht erst.

  5. Hey das klingt ja richtig interessant. Hatte selber schon ähnliche Gedanken über die Digitalisierung und bin gespannt wie Rushkoff die derzeitige Lage beschreibt.
    „Program or be programmed“ klingt auch ziemlich interessant. Kommt auch ziemlich gelegen da ich gerade was neues zum Lesen suche.
    Danke für den Beitrag und die tollen Tipps.

    MfG
    Ulrike fm

  6. Hallo,

    so eine Idee hatte ich auch schon, leider dachte ich eher das es unrentabel bzw unrealisierbar ist.

  7. Hab schon von vielen gehört dass das Buch von Rushkoff ein knaller ist. Der Artikel hat mich jetzt heiss darauf gemacht ;)

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  1. Umleitung: Geheimdienste, Islamismus, Weltkrieg, Gegenwartsschock, Putenmast, die Zukunft im Fahrradsattel und mehr. | zoom - 27.08.2014

    […] Die Sache mit dem Gegenwartsschock: “Das allgegenwärtige Teilen von Informationen und Erlebnissen ist toll, wenn man mitten drin ist und alles mitbekommt, aber es hat auch das Potential, extrem stressig zu werden, wenn man permanent versucht, an einem Ort anwesend zu sein und gleichzeitig auch mitzubekommen, was an anderen Orten gerade passiert” … lummaland […]