Die Sache mit meiner Rede auf dem SPD Parteikonvent zu #digitalleben

Nico —  20.09.2014

[das ist der Text, ich musste etwas kürzen und habe einige Passagen weggelassen… es gilt also das gesprochene Wort, wie so oft…]

Liebe Genossinnen und Genossen,

schön, dass ihr alle da seid! Die Digitalisierung ist ein epochales Ereignis, das viel zu lange von der Politik insgesamt und auch von der SPD vernachlässigt wurde. Gut, dass wir uns jetzt dem Thema endlich widmen!

Nico Lumma auf dem SPD Parteikonvent 20.09.2014Das Internet wird nicht mehr weggehen und die Digitalisierung wird auch nicht mehr aufzuhalten sein, das bedeutet also, wir müssen uns dringend mit diesem Thema auseinandersetzen, wenn wir die Entwicklung beeinflussen wollen.

Wenn ich mich recht entsinne, gab es unter Berliner Sozialdemokraten bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts die Parole „Die Digitalisierung in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“ – wir waren mal so fortschrittlich!

Mittlerweile dürfte uns allen klar sein, dass die Digitalisierung nicht nur die Kreativbranche durcheinander wirbelt, sondern alle Lebensbereiche und alle Branchen erfassen wird.

Das können wir beklagen, wir können gerne auch individuell entscheiden, eine Verweigerungshaltung einzunehmen, aber als Partei müssen wir uns mit dieser Entwicklung auseinandersetzen.

Der britische Schriftsteller Douglas Adams hat einmal gesagt:
1. Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu.

2. Alles, was zwischen deinem 15. und 35. Lebensjahr  erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär und kann dir vielleicht zu einer beruflichen Laufbahn verhelfen.

3. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.

Ich erspare Euch jetzt jeglichen Kommentar zur Altersstruktur der Partei.

Meine Vorredner haben schon viele wichtige und auch richtige Dinge gesagt, daher lasst mich noch kurz ein paar Punkte anführen, die ich für extrem wichtig halte.

1. Infrastruktur. Der geplante Breitbandausbau der Bundesregierung ist ehrlich gesagt ein schlechter Witz. Das wäre in den 90er Jahren ambitioniert gewesen, aber was wir jetzt brauchen, ist wirkliches Breitband – also ein flächendeckender Glasfaserausbau, um alle Haushalte anzuschliessen. Dobrindts Planungen erinnern eher die flächendeckende Ausstattung mit Joghurtbecher und Schnur als an Breitband, liebe Genossinnen und Genossen! Breitband bedeutet Teilhabe!

2. Wir brauchen eine Stärkung des Individuums. Das bedeutet nicht nur einen wirksamen Schutz vor Überwachung durch andere Staaten, oder gar durch den eigenen, sondern es bedeutet auch, dass die Verbraucherrechte gestärkt werden. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen wir dafür sorgen, dass die Flexibilität der Arbeitswelt durch steigende Vernetzung nicht zu Lasten von Familie und Freizeit passiert, sondern den Arbeitsalltag erleichtert. Weiterhin müssen wir dafür sorgen, dass die Auswirkungen von Industrie 4.0 nicht zu einer Automatisierungswelle führt, die einen massiven Arbeitsplatzabbau zur Folge haben wird, sondern bessere Arbeitsplätze schafft.

3. Bildung. Ich fordere eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache! Nur wer weiss, wie Software funktioniert, kann die Herausforderungen der Zukunft meistern! In England lernen alle Kinder zwischen 5 und 15 Jahren seit diesem Schuljahr Programmieren, ich weiss nicht, warum das nicht auch hierzulande funktionieren sollte! Natürlich müssen wir die im Koalitionsvertrag verankerte digitale Lehrmittelfreiheit vorantreiben, natürlich müssen wir freie Bildungsmaterialien entwickeln und natürlich müssen wir jedes Schulkind mit einem Tablet ausstatten!

Wisst ihr was?

Eigentlich ist das Internet und die damit verbundene Digitalisierung der Gesellschaft ein ursozialdemokratisches Projekt, nur leider tun wir uns immer noch schwer damit, dies zu verstehen. Was passiert denn gerade? Die Teilhabe wird verbreitert. Die Teilhabe an Bildung, an Arbeit, an Kunst und Kultur, an Entertainment und Kommerz – kurzum die gesellschaftliche Teilhabe wird verbessert. Menschen werden durch das Internet in die Lage versetzt, Dinge zu tun, die sie sonst oftmals nicht tun könnten.

Das ist ein wahnsinniges Geschenk, das wir nutzen sollten, liebe Genossinnen und Genossen!

Wenn wir wollen, dass die Vorteile der Digitalisierung überwiegen, dann müssen wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, dann müssen wir neue Ideen entwickeln, dann müssen wir mit vielen Menschen reden, in der Partei, aber auch in der viel zitierten Zivilgesellschaft und dann müssen wir vermutlich auch einiges an Tradition über Bord werfen.

Tradition alleine ist übrigens kein Geschäftsmodell, das gilt für die Wirtschaft genau so wie für die SPD. Wenn wir uns die Entwicklung der letzten 20 Jahre ansehen, dann sehen wir zum einen, dass die Zyklen der Veränderungen immer kürzer und schneller geworden sind, aber wir sehen zum anderen auch, dass die Besitzstandswahrer einfach überrollt werden.

Liebe Genossinnen und Genossen, ich könnte noch viel länger weiter reden von den Chancen, die sich uns bieten. Ich weiss natürlich auch, dass es Risiken gibt. Das größte Risiko ist allerdings, dass wir versuchen, mit Ansätzen aus dem letzten Jahrtausend die Digitialisierung in den Griff zu bekommen. Das wird nicht funktionieren! Wenn wir jetzt nicht den Schalter umlegen und beherzt versuchen, unsere Partei mit auf den Weg zu nehmen, dann wird die Digitalisierung der Gesellschaft ohne uns stattfinden.

Wir müssen uns also auf anstrengende Debatten einstellen, aber wenn wir es richtig anstellen, dann bekommen wir auch wieder ordentlich Leben in die Bude! Wenn wir es richtig anstellen, dann entwickeln wir die Antworten auf die Fragen, die immer mehr Menschen umtreibt und zeigen Perspektiven für die Zukunft auf. Wenn wir es richtig anstellen, dann wird dies keine weitere akademische Diskussion einer vermeintlichen Netzelite, sondern dann sorgt die Sozialdemokratie dafür, dass die Menschen verstehen, was auf sie zukommt. Wenn wir es richtig anstellen, dann wird allen klar werden, dass nur die SPD in der Lage ist, immer und immer wieder die geeigneten Antworten auf die anstehenden Veränderungen zu finden!

Vielen Dank.

10 responses to Die Sache mit meiner Rede auf dem SPD Parteikonvent zu #digitalleben

  1. Via Tweed bereits angemerkt: es geht um die Bezugswissenschaft – die muss in die Stundentafeln aller Schulen als Schulfach aufgenommen werden

  2. Die Automatisierung, und somit den Verlust von Arbeitsplätzen, wird mensch nicht aufhalten können. Deswegen wäre es jetzt viel wichtiger dran zu arbeiten, wie die verbleibende Arbeit fair verteilt werden kann und wie eine Gesellschaft ohne Wachstum dennoch im Wohlstand leben kann und zwar im Wohlstand für alle und nicht nur für einige wenige. Das ist etwas, was zur Digitalisierung dazu gehört, aber auch alleine schon ein großes Themengebiet ist, auf welches keiner eine Antwort hat.

    Wenn jetzt also die Digitalisierung angepackt werden soll, dann sollte die SPD gleichzeitig auch darüber Nachdenken, wie eine Gesellschaft ohne Wachstum funktionieren kann. Die überlegen, die jetzt stattfinden, sollten nicht nur unter dem Gesichtspunkt stattfinden, wie Wachstum generiert werden kann. Aber das erst mal nur kurz, bevor ich es vergesse. Muss noch weiter lesen.

  3. Wenn in Zukunft cyber physical systems in der Industrie 4.0 die Werte schaffen, die in vorherigen Industrien der Mensch durch seine Arbeit geschaffen hat, dafür entlohnt wurde, Steuern bezahlt und in die Sozialsysteme eingezahlt hat, dann ist es nur konsequent, dass in der Industrie 4.0 jedes System, das menschliche Arbeitskraft ersetzt, mit entsprechenden Steuern und Sozialabgaben belastet wird. Wir sollten Industrie 4.0 unter dieser Voraussetzung fordern und fördern, denn seine Umsetzung bringt uns dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) einen wesentlichen Schritt näher!

  4. OK, das ist Deine Rede. Was aber ist „die Sache“ mit Deiner Rede??

  5. Schick das mal dem Oettinger nach Brüssel. Kann er was lernen.

  6. Petra Richter 21.09.2014 at 12:11

    WIr müssen schnellstens Geld von den großen Konzernen fordern, sozusagen eine Art Kickback. Denn ohne die Gemeinschaft könnten die Konzerne gar nichts. Jetzt wo die Gemeinschaft sie groß gemacht hat, werden sie sich erkenntlich zeigen müssen, damit auch nur ein Hauch von Gerechtigkeit weht. Daran müssen unsere Politiker arbeiten. Statt die Allgemeinheit immer mehr auszuquetschen, sollten eigene Rechenzentren aufgebaut und genutzt werden. Das sollte doch wirklich kein Problem sein. Intelligenter sind wir und mehr Bildung haben wir in Deutschland auch. Also gemeinsam die Ärmel hochkrempeln und Sims me der post nutzen, anstatt whatsapp auf ausländischen Servern. Marketing ist heutzutage alles. Und das können wir auch. Ein Tipp, mal das Buch von Jaron Lanier lesen, der bekommt grade den Buchpreis. ‚Wem gehört die Zukunft?‘

  7. Anatoli Bauer 27.09.2014 at 19:01

    wirklich sehr schöne Rede und wahre Worte – bitte mehr davon

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  1. Die Notwendige Digitale Agenda in 3 Akten | Philipp Gabriel - 21.09.2014

    […] von vor 60 Jahren festhängt ist u.A. Schuld an dieser Situation. Nico Lumma schrieb in seinem Blog Lumma.de über seine Rede zum Parteikonvent und greift dabei viele Entscheidende Dinge auf. Er ist […]