Wir müssen exponentiell und global denken!

Neulich in der ARD beim Talk mit Anne Will sagte Angela Merkel über die Flüchtlingsproblematik in Deutschland, dass dieses kein plötzliches Phänomen sei. Landräte aus Bayern hätten ihr mitgeteilt, dass schon seit 1 1/2 Jahren stetig mehr Flüchtlinge kämen, nicht erst seit drei Monaten. Das sagen mir auch Politiker aus den unterschiedlichsten Bundesländern. Es wurden langsam immer mehr Flüchtlinge und plötzlich sind es so viele.

Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis, die eine enorme Herausforderung unserer Zeit darstellt. Durch die Digitalisierung entwickeln sich Dinge nicht mehr linear und lokal, sondern exponentiell und global.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir mit 1 anfangen, dann 2 kommt, dann 3, dann vier und so weiter. Mittlerweile entwickeln sich aber immer mehr Dinge von 1 auf 2, dann 4, danach kommt 8, dann 16, 32, 64 und so weiter. Die Entwicklung ist rasant. Und kaum nachvollziehbar, denn sie sprengt unsere bekannten Denkmuster.

Die Digitalisierung macht es möglich. Informationen fliessen viel schneller und Veränderungen treten viel schneller ein als je zu vor.

Der Handlungsrahmen ist auch nicht mehr lokal, sondern global. Die Daten machen nicht an Grenzen halt.

Das sehen wir an Entwicklungen wie dem Nutzer-Wachstum bei Whatsapp, bei AirBnB, bei Uber und bei vielen anderen digitalen Geschäftsmodellen.

Wenn wir genauer hinsehen, dann sehen wir exponentielles Wachstum allerdings auch bei der Anzahl der Flüchtlingen, die derzeit zu uns kommen.

Auch früher schon gab es Bürgerkriege und Flüchtlinge, allerdings war es unvorstellbar, dass viele Hunderttaussende Flüchtlinge mehrere tausend Kilometer zurücklegen würden. Der Weg war einfach zu weit und zu ungewiss. Es wurde in das Nachbarland geflüchtet, auch um zeitnah wieder in das eigene Land zurückkehren zu können.

Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Irak gehen immer noch ein unglaubliches Risiko ein und es gibt immer noch viel zu viele Todesfälle während der Flucht.

Aber durch digitale Werkzeuge wie GPS, Whatsapp, Kartenanwendungen oder Wetter-Apps lässt sich die Flucht nicht nur besser planen, sondern auch erfolgsversprechender durchführen. Echtzeitkommunikation mit bereits geflüchteten Familienmitgliedern oder Bekannten erleichtert das Unterfangen und auch während der Flucht erfahren die Flüchtlinge über Whatsapp Gruppen genau, wo sie welche Hindernisse erwarten. Fax oder Brief, selbst das Telefon hätten nie für eine derartige Informationsdichte geführt.

Wir sind das Lineare gewohnt und erkennen daher nur sehr schwer, wann das Wachstum wirklich exponentiell wird. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass durch die Digitalisierung in vielen Bereichen des Lebens Entiwcklungen künftig exponentiell verlaufen werden. Also immer wenn man „ach, das kenne ich, entwickelt sich jetzt nicht so stark wie befürchtet“ sagen will, sollte man noch einmal genauer hingucken, ob nicht doch einige Faktoren dafür sprechen, dass die Entwicklung demnächst durch die Decke geht.

Bei Firmen kann das bedeuten, dass man aufstrebende Konkurrenten besser einschätzt, für die Bewältigung der Flüchtlingskrise hätte dies bedeutet, dass man sich schon eher auf größere Zahlen hätte einstellen können, wenn man den ersten Anstieg der Zahlen expontiell gedeutet hätte.

Exponentiell ist das neue linear – das wird uns immer wieder überraschen. Wir müssen lernen, damit umzugehen.

6 Antworten auf „Wir müssen exponentiell und global denken!“

  1. Danke Nico Lumma für den Beitrag, der mich am Samstagmorgen am Frühstückstisch erreicht. Als Unternehmerin habe ich vor exponentiellem Wachstum wenig Angst. Ich begrüße es sogar. Als Unternehmerin benötige ich Fachkräfte und Kunden. Steigt nun das Angebot an Fachkräften exponentiell – ich erhalte nicht 1, 2, 3 Bewerbungen pro Tag, sondern 2, 4, 8, 16, habe ich eine große Auswahl und kann mein Unternehmen reich gestalten.
    Dasselbe gilt bei Kunden: ich freue mich, um im Bild zu bleiben, über 2, 4, 8, 16 Kunden mehr, als über 1,2,3.
    Flüchtlinge sind beides: Fachkräfte und Kunden.
    LISA! Sprachreisen hat heute viele Kunden ehemaliger Flüchtlinge, die in Deutschland schon in der zweiten Generation leben: Deutsche aus Russland, Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei etc. So wird es auch in ein paar Jahren sein, wenn Kinder mit syrischen Wurzeln bei uns nicht mehr deutsch lernen müssen, sondern auf Malta, in Großbritannien, in den USA oder vielleicht sogar in Australien Englisch lernen.
    Übrigens: die Flüchtlinge gibt es nicht. Wir haben ein Projekt gestartet, dass Flüchtlinge hilft Deutsch zu lernen und im Land anzukommen. Es sind Menschen, alle verschieden, alle wertvoll. Wir schaffen das schon.

    Ihre Elke Greim
    Gründerin von LISA! Sprachreisen

  2. Deswegen ist es so wichtig, daß WhatsApp nicht verschlüsselt wird. Daß der Staat (ob das jetzt die NSA oder entsprechende europäische Dienste sind) die WhatsApp und sonstigen Nachrichten der Flüchtlinge mitlesen können.

    Deswegen ist es so absurd, daß der EuGH gerade jetzt SafeHarbor abkanzelt, weil in den USA angeblich der Staat die Daten mitliest. Ja natürlich muß der Staat das mitlesen. Aus genau den Gründen, die Nico nennt!

  3. Ich glaube, dass das Exponentielle hier nicht mal der Kern der Sache, sondern eine Folge stärkerer Vernetztheit ist, sei es offline durch die Globalisierung oder durch die Digitalisierung. Es entstehen immer größere und komplexere Systeme. Der Mensch müsste also nicht nur exponentiell denken, sondern vor allem vernetzt und in komplexen Systemen, um zu dem richtigen Schluss zu kommen, dass sich ein Prozess nicht linear, sondern exponentiell entwickelt. Und das fällt ihm extrem schwer, wie zum Beispiel die Studien von Dietrich Dörner zum komplexen Problemlösen zeigen.

    Menschen sind also kognitiv nicht sonderlich gut darin, eine größere Anzahl vernetzter und sich gegenseitig beeinflussender Faktoren in ihre Überlegungen mit einzubeziehen und die Folgen von Entscheidungen in komplexen Systemen vorherzusagen. Das ist auch einer der Gründe, warum es zu den genannten Fehleinschätzungen kommt. Hier werden vermehrt Simulationen und Prognosewerkzeuge benötigt, die komplexe Systeme besser abbilden können als das menschliche Gehirn.

    Last but not least muss man aber auch bedenken, dass es Systeme gibt, deren Entwicklung, obwohl sie deterministisch sind, selbst in Simulationen nicht exakt prognostizierbar sind. Der Outcome dieser dynamischen Systeme ändert sich schon bei einer winzigen Veränderung der Anfangsbedingungen. Mit solchen Systemen haben wir es auch vermehrt in einer komplexer werdenden Welt und bei politischen Entscheidungen zu tun. Da kann man nur dazu raten, keine exakten Prognosen zu erwarten.

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