Wo bleibt der Mensch im Internet der Dinge?

Nico —  14.03.2016

o2 hat mich gefragt, was ich denn für die wichtigste Entwicklung bei der Digitalisierung halte. Ich glaube, es geht dabei vor allem um die Rolle des Menschen.

Ein von Nico Lumma (@rednix) gepostetes Foto am

Bis 2020 sollen mehr als 50 Milliarden Geräte am Netz sein und sich untereinander unterhalten, also Daten miteinander austauschen. Die Möglichkeiten sind faszinierend und atemberaubend, vor allem, weil das schon in 4 Jahren sein soll, aber bei aller Euphorie müssen wir immer auch einen durchaus wichtigen Aspekt mitdenken: was passiert mit uns? Wie verändert das Internet der Dinge unsere Gesellschaft?

Ich will jetzt keine technophobe Technologiefolgekostenabschätzungsdebatte heraufbeschwören, sondern einfach nur anmerken, dass das Internet der Dinge vor allem Auswirkungen auf uns Menschen haben wird. Denn es geht nicht nur um die Automatisierung von Fabriken und Veränderungen von Berufen, sondern eben auch um das ubiquitäre Netz in unserem privaten Umfeld. Beides zusammen wird fulminante Veränderungen nach sich ziehen.

Das Berufsleben vieler Menschen wird sich radikal verändern. Und zwar schneller, als viele vermuten. Ein kurzes Beispiel: es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis selbstfahrende LKW Realität sind. Das wird eine zentrale Veränderung im Logistikgewerbe nach sich ziehen, denn der Fernfahrer wird kaum noch als Fahrer gebraucht werden, sondern nur noch die Abläufe überwachen. Diese selbstfahrenden LKW werden zu automatisierten Fabriken oder automatisierten Lagern fahren und auch dort werden die Menschen nur noch die Arbeit der Maschinen überwachen. Und auch für die Verwaltungen wird deutlich werden: Sachbearbeiter sind nicht mehr notwendig, denn die Prozesse werden automatisiert.

Wir werden also mehr Zeit haben. Wir werden aus unser Phase der niedringen Arbeitslosenquoten nahtlos übergehen in eine nie gekannte Massenarbeitslosigkeit, die bis tief in die Mittelschicht hereinreichen wird. Wir werden daher darüber nachdenken müssen, ob unsere bisherigen Sozialversicherungssysteme überhaupt noch funktionieren, wenn die klassische sozialversicherungspflichtige Erwerbstätigkeit immer mehr unter Druck gerät.

Aber auch zuhause wird das Internet der Dinge für Veränderungen sorgen und zwar nicht nur durch den smarten Kühlschrank, der automatisch Produkte bestellt, sondern vor allem durch viele neue Interaktionsmöglichkeiten. Ein aktuelles Beispiel ist Amazon Echo – ein einfaches Gerät, das auf Sprachbefehle lauscht und dann Dinge bestellt, Musik abspielt oder einfach nur die Nachrichten aufsagt. Das ist aber erst der Anfang, viele Geräte werden intelligenter werden und Dinge für uns erledigen.

Wir werden also mehr Zeit haben und diese mit der Interaktion mit Geräten verbringen.

Dabei wird eine der großen Herausforderungen der Zukunft sein, herauszufinden, was das für uns als Menschen bedeutet. Wie funktionieren die Algorithmen, die unser Umfeld bestimmen werden? Welche Auswirkungen hat die sog. Machine-to-Machine Communication auf mich und meine Familie? Wenn alles durchoptimiert wird, was verpasse ich? Wie nutze ich die Freiräume, die entstehen werden, oder sind diese Freiräume eher trügerisch, weil sie durch die Kommunikation mit Maschinen gestaltet wird?

Die Diskussion um eine Ethik für Algorithmen ist noch ganz am Anfang, aber wenn wir wollen, dass der Mensch im Internet der Dinge nicht untergeht, dann müssen wir diese Diskussion dringend führen und auch für mehr Transparenz sorgen. Vor allem aber müssen wir die Datensouveränität des Einzelnen stärken und jeden Bürger in die Lage versetzen, selber zu entscheiden, wie sehr die Digitalisierung das eigene Leben beeinflussen soll.

Wir müssen bei aller Euphorie über die Potentiale des Internet der Dinge den Mensch wieder in den Fokus rücken. Sonst wird unsere Gesellschaft noch mehr als bisher auseinanderdriften. Was es bedeutet, wenn viele Menschen unzufrieden sind und um ihre Rolle in der Gesellschaft fürchten, haben wir gerade erst bei den Landtagswahlen sehen müssen. Es wird also Zeit für eine Debatte und daraus resultierende neue Spielregeln.

3 responses to Wo bleibt der Mensch im Internet der Dinge?

  1. Eine sehr, sehr interessante Frage – die in der Tat zu selten diskutiert wird. Ich beobachte das bei mir. Ich denke zwar viel darüber nach, wie ich diese ganzen Techniken für bestimmte Zwecke nutzen kann aber de grundsätzliche Frage, ob das am Ende wirklich fürs Ganze positiv ist, bleibt aus. Deshalb finde ich diesen Beitrag wirklich toll.

    Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass sich das manchmal von selbst „erledigt“. Nicht alle Technik bleibt nur der Technik wegen bestehen. Schauen wir mal – zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls – auf Google Glass. Sicherlich faszinierende Technik, die aber die echten Bedürfnisse des Menschen völlig ausser acht gelassen hat. Der Erfolg blieb damit zu Recht aus.

    Ich würde es nicht so pessimistisch sehen wie Du, die Massenarbeitslosigkeit wurde schon oft vorausgesagt und ist jedenfalls bislang nicht eingetreten. Ja, es ist richtig, es gibt schon heute bestimmte Jobs nicht mehr und es wird schwieriger, ohne Qualifikationen einfache Jobs zu finden. Ich denke auch, dass sich das noch verstärken wird. Andererseits gibt es in vielen Jobs ja auch schon wieder eine Gegenbewegung. Schau Dir mal die großen Autobauer an. Von Daimler hat man gerade gelesen, dass sie die Zahl der Roboter an den Linien herabsetzen und verstärkt auf Menschen setzen.

    Damit es aber nicht so kommt, wie von Dir beschrieben, müssen wir in der Tat diese Debatte führen und eben auch Lösungen parat haben, wenn die Gesellschaft irgendwann wirklich von den Maschinen leben kann…

    • ich bin vielleicht etwas pessimistisch, aber ich sehe da eine exponentielle Entwicklung auf uns zu kommen, wo andere eine lineare Entwicklung erhoffen.

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