Dieser Artikel ist in der Ausgabe 10/2011 der Neuen Gesellschaft / Frankfurter Hefte erschienen als Debattenbeitrag zur Fortschrittsdiskussion innerhalb der SPD.

Internet und Fortschritt sind eng miteinander verknüpft, nur ist dies scheinbar außerhalb des Erfahrungshorizontes der Partei. Das Internet stellt die größte Umwälzung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dar und verändert damit massiv die Art und Weise, wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden. Das Internet und die damit ausgelösten Disruptionen ziehen sich quer durch alle Branchen und Lebensbereiche, d.h. gerade auch eine Partei muss sich mit dem Thema auseinandersetzen und Potenziale und Risiken eruieren, die daraus entstehen.

Die Entwicklung ist rasant, vielleicht zu rasant für die SPD? Die Partei ist überaltert, nicht erst seit gestern, und sie pflegt einen Organisationsstil, der schon lange nicht mehr zeitgemäß ist. Da ist es kein Wunder, dass das Internet nicht die Beachtung findet, die es eigentlich verdient. Die Partei zeigt derzeit bei der Debatte um den Fortschrittsbegriff vor allem, dass Technokraten großen Einfluss haben – Detailtiefe geht vor Weitsicht.

Dabei ist das Internet eigentlich zutiefst sozialdemokratisch. Nur leider scheinen die Genossen das immer noch nicht zu realisieren. Einige wichtige Stichpunkte:

Wissen und Bildung

Das Internet macht Wissen verfügbar und erleichtert den Zugang zu Wissen ganz erheblich. Jahrzehntelang war dies eine der zentralen Forderungen der SPD und nun löst das Internet es ganz nebenbei ein. Der Preis dafür ist, dass herkömmliche Strukturen der Wissensvermittlung es künftig schwer haben werden. Das Internet sorgt gerade für eine massive Revolution des Bereichs Bildung und Wissenschaft, stellt tradierte Modelle der Wissensvermittlung in Frage und schafft einen neuen, riesigen Markt im Bereich E-Learning, E-Books und Online-Collaboration. Dabei rückt der Staat aktuell in den Hintergrund und lässt Fir- men als Akteure den gesamten Bereich neu definieren. Ich vermisse hier die Ein- mischungen sozialdemokratischer Bildungspolitiker, die über ein »Ich sehe die Entwicklung kritisch« hinausgehen. Natürlich spielt auch das Urheberrecht hier eine große Rolle und die SPD täte gut daran, Konzepte wie Creative Commons endlich einmal breit angelegt zu diskutieren .

Arbeit

Deutschland ist ein Land ohne nennenswerte Rohstoffe – wir wissen schon lange, dass das große Kapital unseres Lan- des gut ausgebildete Menschen sind. Kein Wirtschaftszweig ist sowenig abhängig von Rohstoffen wie die Internetwirtschaft – hier werden Werte geschaffen, die vor allem in den Köpfen der Mitarbeiter entstehen. Eigentlich ideal für ein Land wie Deutschland. Dennoch hat die Bundesrepublik in den letzten zehn Jahren den Anschluss massiv verpasst und beklagt jetzt die immer größer werdende Abhängigkeit von den USA, da dortige Unternehmen den Takt vorgeben und den Rahmen global definieren. Zu lange wurde hierzulande die Hoffnung in die existierende Großindustrie gesetzt, die sich aber nahezu komplett blamiert hat mit ihren Internet-Aktivitäten. Fortschritt bedeutet, dass wir die Menschen in die Lage versetzen, ihr Wissen anzuwenden, Firmen zu gründen, Mitarbeiter einzustellen und damit gutes Geld zu verdienen.

Die SPD muss dafür einen Rahmen schaffen und dafür sorgen, dass ein gutes Klima für Ansiedlungen und Investitionen in Deutschland für die Internet-Branche geschaffen wird. Auch über die Internet-Branche hinaus wird die Arbeitswelt durch das Netz maßgeblich verändert, nicht nur durch die Schnelligkeit des Mediums, sondern auch über die Möglichkeiten, kollaborativ über Standorte hinweg zusammenzuarbeiten. Das Internet spielt aber nicht nur eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Arbeitsplätzen der Zukunft – es sorgt auch dafür, dass Arbeitslose leichter wieder einen Job finden, beispielsweise durch E-Learning-Angebote und Online-Jobbörsen.

Der altertümliche Begriff der Telearbeit sollte ebenfalls noch einmal neu diskutiert werden und die SPD könnte sich einmal überlegen, welche Auswirkungen es hat, wenn Arbeitnehmer ortsungebunden und zeitversetzt ihrer Arbeit nachgehen können, trotzdem aber in die Arbeitsprozesse eines Unternehmens eingebunden sind. Selbstbestimmtes Arbeiten – wäre das nicht mal ein interessantes Thema für die SPD?

Gesellschaft

Das Internet ist ein globales Phänomen, hat aber eine sehr starke Verankerung im Lokalen. Der Informationsfluss verändert sich massiv, Freunde, Familie und Kollegen sorgen massiv dafür, dass die Aufmerksamkeit des Einzelnen sich auf für ihn relevante Themen konzentriert. Das Teilen von Informationen macht das Internet zu einem sehr schnellen Informationsmedium – dagegen kommt kein Rundbrief eines Ortsvereins an.

Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn die Smartphone-Durchdringung weiter zunimmt? Wie kann man Senioren durch das Internet zu mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermuntern? Wie kann man die Bürger durch Transparenz und Ideen wie Open Data mehr in politische Entscheidungen, insbesondere auf kommunaler Ebene einbinden? Warum erörtert die SPD all diese Fragen nicht und formuliert daraus einen Fortschrittsbegriff? Die Auswirkungen auf die Gesellschaft werden massiv sein, wenn die Politik es nicht schafft, das Internet flächendeckend für alle gesellschaftlichen Schichten verfügbar zu machen und zur Nutzung ermuntert.

Fortschritt ohne Internet ist nicht möglich

Die SPD hat immer noch massive Berührungsängste und will nicht verstehen, dass das Internet alle Bereiche des politischen Handelns durchzieht und Disruptionen verursacht, auf die die Politik nicht ansatzweise vorbereitet ist. Das Internet entwickelt sich rasant, daher sollte die SPD nicht versuchen, den Entwicklungen der letzten Jahre hinterherzuhumpeln, sondern den großen Wurf wagen. Wo bleibt die Forderung nach einem Glasfaseranschluss für jeden Haushalt? Warum reden wir nicht von Gigabit-Ethernet für alle? Bei Infrastrukturthemen muss der Staat der Schrittmacher sein, nicht die Wirtschaft. Der Rundfunk gehört neu sortiert und der Ballast der 70er und 80er Jahre über Bord geworfen. Wenn wir eine öffentlich-rechtliche Grundversorgung wollen, dann kann der Maßstab nicht Senioren- TV sein, sondern das gezielte Ansprechen von Zielgruppen über das Internet.

Die SPD tut gut daran, sich einfach mal zu überlegen, wie Deutschland aussehen würde, wären nicht mehr als 70 % der Bundesbürger online. Wir wären international abgehängt. Deutschland würde ein wichtiger Wachstumsmotor fehlen, viele fähige Köpfe würden im Ausland bessere Rahmenbedingungen finden. Daher gilt es, einen Fortschrittsbegriff zu entwickeln, der dafür sorgt, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt, die Arbeit selbstbestimmter wird und lebenslanges Lernen wieder mehr in den Fokus rückt. Das Internet ist der große enabler, aber natürlich bricht vieles auch mit den Gewohnheiten. Ist das so schlimm? Fortschritt muss auch bedeuten, Dinge hinter sich lassen zu können. Dies ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts – und wer sonst, wenn nicht die SPD sollte einen Fortschrittsbegriff entwickeln können, der die Gesellschaft zusammenhält, die Starken und die Schwachen ebenso mitnimmt und dabei immer im Blick hat, dass Teilhabe gewährleistet sein muss?

Parteiarbeit 2.0

Die SPD beginnt erst jetzt, und sehr zögerlich, die Möglichkeiten des Netzes für die Parteiarbeit zu entdecken. »Da kann ja jeder kommen!« trifft hier seit Jahren auf »Das haben wir schon immer so gemacht.« – eine Diskussion über eine modernere Struktur für die politische Meinungsbildung innerhalb der Partei und über die Möglichkeiten zur Mobilisierung ist dringend überfällig. Hier sieht man derzeit am Deutlichsten, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit bei der Partei auseinanderklaffen. Die Öffnung von spd.de bleibt bislang ohne wirkliche Folgen, eigentlich müssten Mitglieder dort virtuell Schlange stehen, um sich einzubringen, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen.

Wenn die SPD sich wirklich des Themas Fortschritt annehmen will, dann müssen die Spitzen der Partei vorneweg laufen und die Mitglieder mitnehmen, dazu ge- hört aber auch, dass endlich erkannt wird, dass das Thema Internet nicht nur ein Thema für die jungen Leute und die Computerfreaks ist, sondern Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft hat und mit einer entsprechenden Priorität behandelt werden sollte. Wenn die SPD die Partei des Fortschritts sein will, wird es Zeit, das Internet zentral im neuen Fortschrittsbegriff zu verankern.

Nach dem „Ich beginne zu begreifen“ von Peter Altmaier in der FAZ bietet sich derzeit nahezu allabendlich ein vermeintlich interessantes Schauspiel auf Twitter. Die Politik ist da, Hurra! Peter Altmaier, Volker Beck und Dorothee Bär gehören zum Stamm-Ensemble, Thomas Oppermann, Konstantin Notz und Teile des Publikums werden ebenfalls mit einbezogen, wenn es wieder heißt „Wir sind auf Twitter, guckt alle her, wir die Politiker! Wir haben verstanden! Seht ihr, wie toll wir das können?!“

Der Ablauf ist nahezu immer gleich. Peter Altmaier sagt was, Volker Beck antwortet, irgendjemand frotzelt von der Seite rein, irgendjemand anderes antwortet, das Publikum wird ernst, schließlich redet die Politik, Dorothee Bär setzt routiniert eine Salve feinster Tweets ab, stets inspiriert vom Dadaismus und auf alles antwortend, egal was, Hauptsache auch dabei, dann verebbt die vermeintliche Diskussion nach einer knappen Stunde wieder und zurück bleibt das staunende Publikum, das teilweise aufgeregt weiter diskutiert, aber die twitternde Politik ist schon im Bett.

Altmaier macht sich vom Acker

So, wo bleibt da jetzt der Erkenntnisgewinn für alle Beteiligten? Eben. Wir erleben eine Inszenierung unter dem Motto „wir haben verstanden!“ – nur leider fehlt die Substanz. Twitter ist allerdings auch genau das richtige Tool, um ganz viel „wir sind dabei!“ zu suggerieren, ohne viel dafür tun zu müssen. Vor dem Zubettgehen noch eine paar politische Salven abzufeuern, das geht gut geübten Politikern leicht von der Hand, das kennt das Volk aus unzähligen Talkshows und es tut niemandem weh.

Aber es hat eben auch nichts mit einem Diskurs zu tun. Es hat auch nichts mit Netzpolitik zu tun oder einem neuen Verständnis davon, wie Kommunikation im Netz verläuft. Die allabendliche Fortführung der Talkshow mit anderen Mitteln mag zwar ganz amüsant sein, und von mir aus auch gerne ein Einstieg in diese seltsame schöne neue Welt des Internets, die man so plötzlich für sich entdeckt hat, aber 140 Zeichen eignen sich dann doch eher eingeschränkt zum Diskurs.

Wo bleibt also das Blog, auf dem debattiert wird? Wo diskutieren die Politiker auf Facebook mit? Wo wird Stellung bezogen, der Asbestanzug angezogen und die Debatte ausgehalten? Eben. Die wirklichen Diskussionen verlaufen weiterhin in getrennten Sphären, auf der einen Seite die interessierte Öffentlichkeit im Netz, auf der anderen Seite die Politik irgendwo anders. Anknüpfungspunkte gäbe es genug, aber ist ein wirkliche Debatte im Netz auch leistbar für Politiker? Was wäre das passende Format?

Ja, das Internetdings ist komplexer als 140 Zeichen und plötzlich stellen dann alle fest, daß man doch mehr Zeit investieren muß als man eigentlich geplant hatte. Dann doch lieber wieder am Infostand vorm Aldi den Dialog mit dem Bürger suchen, das ist kontrollierbarer. Oder?

Bis gestern hatte ich noch nie etwas von Common Crawl gehört. Heute bin ich eher begeistert, daß so ein Projekt mal eben über die letzten Jahre realisiert wurde:

Common Crawl produces and maintains a repository of web crawl data that is openly accessible to everyone. The crawl currently covers 5 billion pages and the repository includes valuable metadata. The crawl data is stored by Amazon’s S3 service, allowing it to be bulk downloaded as well as directly accessed for map-reduce processing in EC2. This makes wholesale extraction, transformation, and analysis of web data cheap and easy. Small startups or even individuals can now access high quality crawl data that was previously only available to large search engine corporations.

Es gibt also verschiedene Wege, um an die Daten zu kommen und man kann diese Daten nutzen für seine eigenen Projekte. Wie das genau funktioniert, ist unter Accessing the Data beschrieben, damit man auch sofort loslegen kann. Ich überlege mir derweil, was man mit 5 Milliarden Datensätzen alles anstellen könnte.

Auf Kickstarter haben Peter Seid und Phu Nguyen von der Firma Romotive schon genügend Geld zusammen, um ihren kleinen Roboter ab nächstes Jahr anbieten zu können. Der Romo hat einen Adapter für ein Smartphone und wird über Apps gesteuert. Für $80 soll der Romo demnächst erhältlich sein.

[ via Turn Your Smartphone Into A Robot For Under $80 @PSFK ]


Ja, Google+ ist noch Beta, das ist mir durchaus klar. Daher ist es ja so spannend zu sehen, was bei Google+ passiert. Der Link des gestrigen Abends war sicherlich https://plus.google.com/pages/create – erst funktonierte das Anlegen von Pages auf Google+ nicht für alle, dann wurde Vollzug gemeldet und allen Nutzern die Möglichkeit gegeben, eigene Pages anzulegen.

Eine Nacht später gibt es bereits etliche Pages, auch aus Deutschland, wie immer nach einem derartigen Landgrab. Der HSV hat eine Page, aber auch H&M, die Muppets, und viele andere mehr. Netterweise gibt es einen Shared Circle mit Pages, zur Verfügung gestellt von Google.

Das Anlegen einer Page ist sehr einfach gehalten und in wenigen Schritten kann man stolz verkünden, daß man nun auch eine Page bei Google+ hat. So weit so gut. Für dieses Blog gibt es nun eben auch eine Page bei Google+, hier ist die einprägsame URL: https://plus.google.com/116966533462186310094/posts

Spätestens jetzt beginnt wieder dieser „Menno, Google, echt jetzt, warum nicht gleich richtig?“-Moment, wie ich in bei Google+ des Öfteren hatte. Das Messaging-Konzept ist nur halb ausgereift, die Pseudonym-Debatte war überflüssig, die Games sind nur halb integriert, Sparks macht wenig Sinn und die API kommt auch nur langsam voran. Ja, Beta, ist mir schon klar.

Es stört mich wirklich an den Pages, daß sie aus Marken-Perspektive einfach noch zu wenig können. Warum gibt es noch keine deskriptiven URLs bei Google+? Matt Cutts läuft seit Ewigkeiten über Konferenzen und predigt, wie URLs aussehen zu haben, damit Google sie toll findet, und selber bringt Google unansehnliche, nix sagende URLs à la https://plus.google.com/101560853443212199687/posts, ganz zu schweigen davon, daß es für Brands keine Vanity-URLs gibt. Soll jetzt eine Marke wie Pepsi die URL https://plus.google.com/111883881632877146615/posts auf ihre Dosen drucken? Außerdem werden gestern abend viele, viele Mitarbeiter in Agenturen für ihre Kunden mal eben Pages angelegt haben, einfach damit die Marke präsent ist, nur um festzustellen, daß man danach die Page weder übertragen kann, noch mehrere Admins hinzufügen kann. Hallo? Das kann doch nicht sein, das hat Facebook gefühlt seit Jahrzehnten, Google hat doch den großen Vorteil, das die Hits und Shits von Facebook bereits bekannt sind und Google mit viel weniger Aufwand die Features liefern kann. Beta in allen Ehren, aber das ist Murks. Toll finde ich allerdings, daß die Circles für Pages gleich interessante Presets haben wie VIPs oder Team Members, das zeigt deutlich, wie smart man später Google+ Postings sharen kann.

Wozu benötigt eine Marke oder ein Unternehmen derzeit eine Google+ Page? Um zu zeigen: wir sind früh dabei. Ansonsten kann man Text, Bild, Video auf die Page posten und mit Nutzern interagieren. Es gibt keine Apps, kein Tüdelüt, kein nix, kein gar nix, was es nicht auch bei Facebook gibt, mit einer einzigen Ausnahme: die Integration in die Google Suche über Direct Connect.

Zusammenfassend lässt sich sagen, daß Google+ Pages jetzt vorhanden sind, aber irgendwas fehlt, um mehr als nur ein weiterer Social Media Kanal zu sein, den man jetzt bespielen muß. Ich hatte gedacht, daß zum Weihnachtsfest der große Push von Google+ kommt und Marken hier neue Möglichkeiten gegeben werden, aber so ist das eben doch nur beta und nicht wirklich rund.