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Artikel im IternetYeah, wieder eine Top 10 Liste mit lauter Verhaltensweisen für Inhalte-Erzeuger. Aber echt mal, diese völlig absurde Idee, dass lauter Leute irgendwelche Texte schreiben, die hat auch ihre Limitierungen. Mittlerweile schreiben nicht mehr nur Experten ins Netz, sondern völlig unterbezahlte Journalisten und die Auswirkungen davon können wir derzeit überall im Netz nachlesen. So kann das nicht mehr weitergehen, daher richte ich hiermit einen eindringlichen Appell an alle Insinternetreinschreiber- und -innen.

Hier ist meine Top 10 Liste der Artikel, die ich 2014 nicht mehr lesen will:

1. Social Media Penislängenvergleich. Ja, wir haben es begriffen, die einen haben mehr Fans als die anderen, dafür haben die einen die kaufkräftigeren Fans, die anderen aber die sharewütigeren Nutzer, jede Firma feiert sich für irgendwas, aber ehrlich gesagt geht es darum überhaupt nicht. Sorgt für zufriedene Kunden, das Gewinnen des Schaulaufens zweifelhafter Rankings ist völlig egal. Der eine schafft das mit 1 Million Fans, der nächste mit 100 Fans und viele Unternehmen weiterhin einfach nur so, weil sie gute Produkte anbieten und sich um ihre Nutzer kümmern. Zuneigung erkaufen kann sich jedes Unternehmen auf Facebook, selbst Strom- oder Telekommunikationsanbieter, aber Fans werden das nie.

2. Politikerinternetnutzungsanalyse. Eine Partei hat mehr twitternde parlamentarische Staatssekretäre als die andere Partei Ausschussvorsitzende mit eigener Facebook Fanpage und mehr als 10 Kommentaren pro Posting hat. Daraus werden Rückschlüsse auf die Anzahl der Kreise auf Google+ und die Güte der zu erwartenden Gesetzesentwürfe gezogen. Ja, sicher, in den Zahlen steckt was drin, aber beschäftigt Euch doch in Stillarbeit mit dieser Kaffeesatzleserei. Und nur weil man so viele Zahlen durcheinander gebracht hat, dass ein buntes Tortendiagramm dabei herauskommt, muss man noch nicht so tun, als ob das eine Studie wäre, die irgendjemand lesen oder gar ernstnehmen sollte.

3. EIL+++Exklusiv+++EIL. Hinter diesem gekonnten Anreisser verbergen sich dann lapidare Ankündigungen einer demnächst stattfindenen Pressekonferenz, bei der die Ergebnisse einer Studie zur Politikerinternetnutzungsanalyse vorgestellt werden sollen, über die sowieso alle berichten werden. Wenn wirklich irgendwas mal eilig wäre, dann verpeilen es gerade diese Inhalteanbieter konsequent, darüber zu berichten, sondern warten ab, bis sie die dpa-Meldung vom Praktikanten umgeschrieben bekommen.

4. Social Media Shitstorm. Jaja, whatever, irgendwer hat wieder irgendwem auf den kleinen Zeh getreten und jetzt wird virtueller Schadensersatz durch das Treiber von Säuen durch Dörfer gefordert. Meistens torkeln aber nur kleine Ferkel ein paar Meter und dann ist das Thema durch. Unternehmen machen Fehler, das liegt meistens an den Menschen, die dort arbeiten und Kommunikation ohne Missverständnisse hat es außer in meiner Ehe noch nirgends gegeben. Nehmt Euch mal alle nicht so wichtig, auch wenn Ihr EIL+++Exklusiv+++EIL den Shitstorm entdeckt habt, oder wenigstens versucht, einen zu inszenieren.

5. Aufschrei. Schreit ihr nur, echt, wenn es denn der Wahrheitsfindung dient, von mir aus auch auf. Ihr schreit in der Echo Chamber und alle Eure tollen Argumente bedienen sich des klassischen Preaching to the Choir, die Bekehrten werden weiter bekehrt. Versucht doch ab und zu mal, andere Leute zu erreichen. Tipp: die sind nicht auf Twitter und lesen nur Blogs über aktuelle Gewinnspieltipps oder Wellness-Gutscheine, wissen aber gar nicht, dass das Blogs sind, weil ihnen das ehrlich gesagt völlig wumpe ist, ebenso wie das aktuell Aufschreithema übrigens auch.

6. 2014 ist das Jahr des <Name des Durchbruchs von irgendwas einsetzen>. Ja, ganz bestimmt, vielleicht aber auch erst nächstes Jahr. Oder gar nicht, oder in 5 Jahren. Wer weiss das schon? Eine Headline alleine macht noch keinen lesenswerten Artikel, auch wenn Buzzfeed, Viralnova und Spiegel Online das im 30-Minuten-Takt immer wieder versuchen zu suggerieren.

7. Was <hier irgendwas einsetzen> für <hier irgendwas einsetzen> bedeutet. Ein stiller Schrei nach einem Beratungsauftrag, mehr sind diese Art von Texten ehrlich gesagt nicht. Aber es ist eine gute Selbsterfahrung, wenn wenigstens in einem Text über die selber mühselig konstruierten Argumente halbwegs Sinn machen, auch wenn man von der Praxis überhaupt keine Ahnung hat.

8. Wir sind so flausch und alle anderen so fail. Der Fail des Flauschs. Wenn ich einen dieser beiden Begriffe lese, zweifle ich sofort an der Zurechungsfähigkeit der Schreibenden. Wer über 12 ist und den Begriff Flausch benutzt, ist genauso wenig ernst zu nehmen wie jemand, der auf komplexe Herausforderungen und die daraus resultierenden Herangehensweisen grundsätzlich mit Fail antwortet. Wir sind doch hier nicht in der Unterstufe und müssen mit Zettelchen kommunizieren, auf denen „ja, nein, vielleicht“ steht, sondern wir haben in diesem Internet total viel Platz, um auch längere Gedankengänge oder gar Gefühlsäußerungen zu publizieren.

9. Morgen ist Live-Chat. Auf Twitter. Nur weil es technisch möglich ist, muss man noch lange nicht jeden Unsinn mitmachen. Der Erkenntnisgewinn einer mit PR-Gesülze weichgespülten Unterhaltung einer Person mit vielen Nutzern auf 140 Zeichen geht gen Null, zumal allein für die Nennung der Nicks, auf die man antwortet, auch gleich 30 Zeichen flöten gehen. So kann man toll die Tücken der EEG-Umlage oder die Auswirkungen der Eurokrise auf die Wettbüro-Industrie auf Zypern diskutieren. Besonders wenig lesenswert sind dann die transkribierten Unterhaltungen, die durch einen bemitleidenswerten Praktikanten zusammengestellt werden, dem in diesem Prozess sicherlich ein Teil des Gehirn wegschmilzt.

10. Facebook stirbt. Na klar, jedes Mal, wenn ein Teenager eine Sinnkrise und ein Journalist schlecht geschissen hat, oder andersrum, wird aus dieser Kombination ein reisserischer Artikel, der mit allerhand selbst zusammengewürfelter Zahlen und aktuellen Beispielen (Teenager mit Sinnkrise jetzt bei WhatsappsnapSMSZalandochat) zielsicher erläutert, dass Facebook jetzt kurz vor der Abschaltung stehen wird wegen jahrelanger wachsender Nichtbeachtung durch alle relevaten Zielgruppen. Ein Blick auf die Unternehmenskennzahlen wäre natürlich zu kompliziert und das kann man auch von einem Journalisten nicht erwarten, der sich etwas anderes erhofft als den Erfolg von irgendwas im Internet.

Ich gehe allerdings davon aus, dass auch dieses Jahr wieder viele Autoren diese Top 10 Liste der Artikel, die ich nicht lesen will, nicht beachten werden. Ich sehe da noch Regulierungspotential für die Internetministerei.

Oh ja, dem kann ich mich durchaus anschließen. Mich nervt Broadcast-TV ohne Ende, die Distribution von Inhalten kann man mittlerweile auch intelligenter anstellen. Aber dabei geraten einige Geschäftsmodelle ins Wanken und daher werden lieber die Konsumenten gegängelt.

Mark Glaser hat daher ein paar Forderungen in The Cord-Cutters Manifesto aufgenommen, die ich alle unterschreiben kann:

1. We would like to watch the TV shows we want when we want on the device or screen we want. Sounds simple, doesn’t it? We all know as cord-cutters that nothing is ever that simple. You often have to wait a day, a week, a month or a year to see a show that aired last night. Give us the shows we want when we want them and we’ll be willing to pay a fair price. Without a cable subscription.

2. We will pay for the shows and sports we want most. This is a business model you understand well: pay-per-view. Some people will pay $4.99 for a movie that just left the theaters and others will pay $50 for a top-flight boxing match. Just move that model over to TV, so that some people pay 99 cents for a regular season show, $1.99 for a season-ending show and $9.99 for a season’s pass. iTunes already offers this up, but this needs to be broken out of Apple’s closed system for everyone. Without a cable subscription.

3. End the blackouts for sports-on-demand. Ah, the most difficult one for you to pull off because of multibillion-dollar contracts between sports leagues and the TV networks. But consider the new revenues that would come in if everyone in the nation (or maybe the world, if you do it right online) could pay $1.99 to watch each New York Knicks game with Jeremy Lin playing. Or if you’re a fan of a hometown team, you could buy a season’s package to watch the games at home. We repeat: Without a cable subscription.

4. Yes, we mean one service that plays on all devices. If we rent or buy a show with one service, we expect to watch it on our big-screen TV, our smartphone, our tablet, our computer monitor, and on whatever invention comes next that has a screen. You’ve already been building such a system, called “TV Everywhere” or Xfinity (at Comcast). It’s great, but it assumes only people paying for cable can watch. All you have to do is come up with a fair fee for non-cable subscribers, and we’ll be hooked.

5. Good shows swim; bad shows sink. The argument from cable providers is that the only way to support quality programming is to have everyone pay for every channel. If they switched to a la carte programming, everyone would choose a few channels and we’d lose the diversity. And who would pay the “Mad Men” their escalating salaries? Guess what: The good programming would rise to the top, and the bad programming would go away. If the current crop of actors can only survive on $1 million per episode, we can probably find a new crop of actors who can survive on $10,000 per episode. More likely, the less middlemen who are involved in TV production and distribution, the more money that actors will get directly from fans.

Die Disruption der Inhalte-Distribution ist in vollem Gange und die Reaktanzen werden weiterhin hoch sein, denn für die meisten derzeitigen Marktteilnehmer steht die Existenz auf dem Spiel.

Inhalte finden den Leser

Nico —  22.02.2010 — 4 Comments

Informationsüberflutung! Multitasking ist Körperverletzung! So und anders lauten die Argumente in der aktuellen Debatte um das Internet und die Art und Weise, wie User online agieren und Inhalte rezipieren. Eigentlich geht es immer darum, daß das Internet nicht wie eine Zeitung oder eine Zeitschrift funktioniert, sondern eben durch Hyperlinks die Inhalte nicht-linear verbindet.

Diese Erkenntnis ist jetzt auch nicht so neu. Interessant finde ich allerdings, daß aufgrund der immer mehr miteinander verzahnten sozialen Applikationen und den sozialen Netzwerken die Freunde und Kollegen eine Kuratorfunktion für Inhalte unbewußt übernehmen und somit dafür sorgen, daß die Inhalte für den einzelnen User strukturiert und aufbereitet werden. Nun könnte man einwenden, daß man damit keine Themenvielfalt mehr hat, sondern nur noch Inhalte zu sehen bekommt, die man sowieso interessant findet. Was irgendwie impliziert, daß Leser eine Zeitung von vorne bis hinten durcharbeiten und daher allumfassend informiert werden, ganz im Gegensatz zu diesem Internet und den gefilterten Inhalten für den User.

Ich glaube aber, daß sich das Zusammenspiel von Inhalten und Lesern gerade total verändert. Früher hat man als Leser die Inhalte gesucht, sei es über den Kauf einer Zeitung oder das bewußte Ansteuern einer URL im Internet. Das wird zukünftig anders sein. Zum einen Lösen sich die Inhalte gerade von den gelernten Plattformen und sind ziemlich allgegenwärtig verfügbar. Zum anderen finden die Inhalte mit Hilfe des Netzes ihre Leser. Anders ausgedrückt: auch wenn ich gerade aktiv keine Inhalte suche, sorgt mein Netzwerk dafür, daß ich die wirklich wichtigen Dinge nicht verpasse. Durch den Activity Stream der User werden die relevanten Themen immer wieder hochgespült, und zwar individuell für den einzelnen User. Auch wenn mal nicht online ist, verpasst man die wichtigen Themen nicht, denn sobald man wieder online ist, wird man automagisch darauf hingewiesen.

Das klingt seltsam und vor allem völlig unklar und unstrukturiert? Stimmt. Aber probiert es mal aus. Ich habe Dank meines Netzwerkes keine für mich relevante Nachricht oder Debatte übersehen, dafür aber jede Menge uninteressantes Zeugs gar nicht erst, bzw. erst viel später mitbekommen. Das finde ich irre praktisch. Die Wirkungsweise des Internet überträgt sich durch die sozialen Elemente auf unsere Inhalte-Rezeption, wir verpassen nichts für uns Relevantes mehr, ersparen uns aber das Unwichtige.