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Es wird ja gerne gesagt, dass es den Verlagen in Deutschland noch viel zu gut gehe und dass es daher nicht zu Innovationen bei den Online-Publikationen komme. Das kann ich nur schwer beurteilen, da ich noch nie in einem Verlag gearbeitet habe, wenn man mal von einem Praktikum bei einem Anzeigenblättchen Mitte der 80er Jahre absieht. In gewisser Weise ist allerdings eine Publikation wie die Huffington Post eine konsequente Fortführung des Gedankens eines Anzeigenblättchens. Nur natürlich viel größer und schneller und mit einem moderneren Antlitz. Und bestimmt auch mit anderen Themen. Aber wie bei einem Anzeigenblättchen auch wird günstigster Inhalt zusammengepackt, der aus leicht umgeschriebenen Pressemitteilungen oder mickrigst bezahlten Stücken von mehr oder weniger talentierten Inhalte-Erzeugerinnen und -Erzeugern geliefert wird, von einer Handvoll ordentlich bezahlter Edelfedern mal abgesehen.

Ist das der große Wurf für die journalistische Arbeit von Morgen oder einfach nur die brutalstmögliche Form der Inhalte-Aggregation für eine durch Traffic von Google und Facebook dominierten Welt?

Mit der Ankündigung der Huffington Post für Deutschland wird die Comfort Zone für Journalisten in Deutschland noch ein wenig enger werden, werden sich noch mehr Medienhäuser irritiert umschauen und die Erfolgsaussichten ihrer Paywall-Phantasien kritischer beäugen müssen, denn wenn die deutsche Huffington Post nur einigermaßen gut gemacht wird, wird sie eine Sogkraft für Leserinnen und Leser entfachen, die zu Reichweiten-Verlusten bei den etablierten Plattformen führen wird. Und das ist erst einmal gut so, denn Konkurrenz belebt das Geschäft oder regt zumindest zum Nachdenken an.

Die deutsche Huffington Post wird für viele talentierte Journalisten ein Sprungbrett darstellen können, wenn genügend Aufmerksamkeit und Reichweite erzeugt werden. Blogs ermöglichen seit über 10 Jahren Menschen, sich einen Namen zu erschreiben, unabhängig von Verlagen und dem Zugriff auf Druckerpressen. Die Bündelung dieser Inhalte kann dazu führen, dass neue kleine und große Stars hervorgebracht werden. Das finde ich erst einmal gut. Für freie Journalisten wird die Huffington Post allerdings für erneuten Kostendruck sorgen, da eine enorme Konkurrenz erzeugt wird bei wahrscheinlich viel geringeren Preisen. Das Hobby Huffington Post kann für viele Menschen die Aufmerksamkeit bringen, die sie bislang über ihre Blogs nicht bekommen haben.

Das genaue Konzept für die deutsche Huffington Post liegt noch nicht vor, aber dennoch kann man sich ausmalen, welche Auswirkungen der Markteintritt haben wird. Für etablierte Medien-Angebote wird es eine starke, neue Konkurrenz geben, für Experten und Hobbyisten dürfte es Reichweite und Aufmerksamkeit geben, aber für freie Journalisten wird die Huffington Post eher weniger Erlöse für ihre Arbeit bringen. Wir werden sehen, inwieweit es die Huffington Post vermag, den deutschen Journalismus durcheinander zu wirbeln. Es wäre wünschenswert, wenn durch die Huffington Post wieder mehr Elan im deutschen Markt entstehen würde.

Was erlauben Brigitte?

Nico —  29.04.2013 — 26 Comments

Ich hätte nie gedacht, dass die Platzfrage bei einem Strafprozess mal dafür sorgen würde, dass viele Leute einfach ihrem inneren Chauvi freien Lauf lassen. Der NSU-Prozess hat im Vorfeld zu vielen Diskussionen geführt und nun ist beim Losverfahren, das nach journalistischen Gattungen gewichtet wurde, eben herausgekommen, dass die BRIGITTE vom NSU-Prozess direkt berichten können wird.

Was passiert daraufhin? Spott und Häme.

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wieso die BRIGITTE diese Reaktionen hervorruft. Natürlich ist es schade, dass nicht alle Journalistinnen und Journalisten, die vom NSU-Prozess berichten wollen, auch die Gelegenheit dazu bekommen werden. Aber bei über 40 zugelassenen Journalisten bekomme ich nicht das Gefühl, zu wenig über den NSU-Prozess erfahren zu können.

Also, was ist jetzt das Problem, wenn die BRIGITTE vom NSU-Prozess berichten wird? Sicherlich, die BRIGITTE ist eine Frauenzeitschrift, aber das bedeutet nicht, dass die BRIGITTE nicht in der Lage sein wird, tiefgründig zu berichten. Warum lassen wir uns nicht einfach mal darauf ein, dass die digitale Transformation auch dafür sorgt, dass die herkömmliche Einteilung in Tageszeitung, Wochenzeitung und Zeitschrift durcheinander gewirbelt wird. Ich bin mit der BRIGITTE groß geworden und habe gerne die Dossiers gelesen, daher gehe ich davon aus, dass die BRIGITTE den NSU-Prozess anders begleiten wird als die üblichen Verdächtigen, aber das sorgt doch eher für Abwechslung für den Leser oder die Leserin.

Die Losvergabe beim NSU-Prozess ist sicherlich nicht glücklich für alle Beteiligten verlaufen, aber die BRIGITTE sehe ich als einen möglichen Gewinn für die Berichterstattung an.

huffpostSeitdem Ariana Huffington es geschafft hat, mit ihrer Huffington Post in den USA eine Plattform zu etablieren, auf der Debatten stattfinden und die von Lesern frequentiert wird, gibt es in der bundesdeutschen Medienlandschaft die Diskussion, wann Huffington Post nach Deutschland kommen könnte und welches Medienhaus als Partner zur Verfügung stehen würde. Genannt werden alle, und aktuell macht sich der Chefredakteur von Horizont, Volker Schütz, einige Gedanken zur Huffington Post:

Kommt die Huffington Post nach Deutschland – und wenn ja, mit welchem Verlag als Rückhalt? Darüber diskutiert und spekuliert derzeit die Medien-Szene. Spekulation Nummer eins: Bertelsmann/G+J machen mit den Amerikanern gemeinsame Sache. Spekulation Nummer zwei: Kapuzenpulliträger Kai Diekmann übernimmt die Mutter alle Blogs und Webonly-Contentangebote – mit dem Segen von Matthias Döpfner. Realistisch sind beide Spekulationen nicht.

Ich finde, die Diskussion um die Huffington Post in Deutschland zeigt deutlich, das Problem der hiesigen Medienhäuser. Diese grassierende Trägheit, verbunden mit der Angst, das Falsche zu machen, sorgt dafür, dass die Potentiale des Web weiterhin nicht genutzt werden. Wenn die Huffington Post so spannend ist, dass schon seit Jahren darüber diskutiert wird, wer sie denn endlich nach Deutschland holt, dann sollte doch eigentlich eher die Frage gestellt werden, warum kein deutsches Medienhaus die Grundidee der Huffington Post aufgreift und mit Vehemenz umsetzt. Das wäre doch mal ein Schritt, der eine neue Richtung aufzeigen könnte. Die Marke Huffington Post kennt kaum jemand in Deutschland, die dort schreibenden Journalisten auch nicht und das Übersetzen von Artikeln klingt jetzt auch nicht sonderlich reizvoll.

Was macht die Huffington Post anders und damit attraktiv? Ein Blick zur Wikipedia bringt einen kleinen Einblick in das Geschäftsmodell:

Die Mehrzahl der Beiträge wird von unbezahlten Freiwilligen verfasst. Sie verweisen nahezu ausschließlich auf Berichte anderer Medien und bereiten diese für eine Leserschaft auf, die weniger an Hintergründen als an kurzen Zusammenfassungen mit meinungsstarker Bewertung interessiert ist. Daneben stehen die fast täglichen Kolumnen von Huffington selbst und einem Kernteam von Mitarbeitern. Zudem publiziert die Huffington Post Beiträge von Prominenten aus dem Bereich Politik, Journalismus, Wirtschaft und Unterhaltung (u. a. Norman Mailer, John Cusack, Bill Maher). Aufgrund ihrer Bekanntheit und dem Zugang zu wichtigen Informationskanälen gelingt es den Mitarbeitern regelmäßig, exklusive Meldungen zu veröffentlichen.

Unter der Prämisse, dass ein derartiges Modell in Deutschland auch genug Leser finden würde, müssten sich doch eigentlich nur ein paar Leute mit journalistischen Neigungen zusammenfinden, Kapital einsammeln und loslegen. Warum muss seit Jahren rumgelabert werden, wer das Konzept endlich lizensiert? Ich würde nicht einen Cent für eine dusselige Lizenz ausgeben, sondern einen guten Namen finden, ein Redaktionsteam zusammenstellen, ein attraktives Vergütungsmodell für freiwillige Autoren finden, das auch auf Ruhm und Ehre aufsetzt, und genau in die Lücken gehen, die der deutsche Zeitungsmarkt gerade zu bieten hat, wie die Diskussion bei Richard Gutjahr aufzeigt. Es dürften doch aktuell genügend Journalisten der Wirtschaftsredaktion von Gruner & Jahr und der Frankfurter Rundschau auf der Suche nach einer neuen Herausforderung sein.

Einen deutschen Abklatsch einer amerikanischen Plattform finde ich wenig reizvoll, eine neue, eigene Entwicklung auf Basis der Erfahrungen von Huffington Post und Buzzfeed um so mehr. Einfach machen, nicht labern, liebe deutsche Medienschaffende!

Activist Media ist ein tolles neues Wort, das mir bis dato nicht geläufig war. Es ist quasi eine Form des User Generated Content, publiziert und distribuiert von Leuten, die eine Agenda haben und daher wollen, daß ihr Thema Aufmerksamkeit bekommt. Diese Activist Media findet statt in einem Umfeld, in dem viele Geschäftsmodelle durch das Internet bedroht sind und daher immer mehr Kostendruck entsteht, was dazu führt, daß sich der Journalismus verändert und beispielsweise weniger Zeit für Recherche oder Reportage zur Verfügung steht.

Das ist gut für Activist Media, weil oftmals Beiträge einfach von den traditionellen Medien übernommen werden und damit mehr Reichweite bekommen, insbesondere bei Fotos und Videos ist dies zu beobachten. Der Umwälzungsprozeß der Branche führt aber natürlich auch vermehrt dazu, daß Unternehmen und Marken ihre eigenen Publikationen erschaffen und von ihrer Seite aus den traditionellen Journalismus angreifen.

Der amerikanische Journalist Tom Forenski hat dies in seinem Artikel The continuing rise of activist media and the demise of the Fourth Estate so zusammengefasst:

Some might cheer the diminishment of the “gate keepers” but professional journalists are essential to a healthy democracy. They are used to dealing with special interests and their agendas, and they strive to produce media that is fair, balanced, accurate, and trustworthy — most people don’t have the same training to see what’s what.

This struggle between establishment media and corporate interests has been going on for a long time. The media used to be referred to as the Fourth Estate, one of the four pillars of society.

What’s changed is that the Fourth Estate is shrinking rapidly because its business model is under attack. This means that its ability to act as a check and balance against the agendas of rich and powerful special interests is also under attack.

It means that important issues will increasingly be presented through media that is polluted by bias, and designed to serve the interests of corporate agendas rather than a common good.

While it is true that activist media of the Occupy Wall Street kind also gets a boost from a weaker establishment media, corporate media has money and that means access to mass media distribution channels — these are far more effective than relying on social networks.

Interessanter Aspekt, daß der klassische Gatekeeper benötigt werden soll, um die Interessen auszutarieren. Regelt sich das nicht durch die vielgepriesene Schwarm-Intelligenz oder wenigstens durch immer smarter werdende Tools, die interessante Inhalte nach oben spülen? Ich finde durchaus, daß dieses Thema interessante demokratie-theoretische Implikationen haben wird, da kann man mal durchaus drüber nachdenken.

Nein, nicht die Branche der Geheimnisträger atmet auf, die deutschen Print-Journalisten sind es, die sich gerade kollektiv über die Probleme bei Wikileaks freuen. Wenn man mal die aktuelle Nachrichtenlage bei Google News: Wikileaks betrachtet, dann wird schon deutlich, wie tief der Stachel Wikileaks im Fleisch insbesondere der Print-Journalisten steckt.

Wikileaks ist aus Sicht der etablierten Medien der doppelte Sündenfall. Erstens wird in ihre ureigene Domäne eingebrochen und Informationen Leuten zugänglich gemacht, die nicht dem journalistischem Ethos verpflichtet sind, was auch immer dies im Einzefall konkret heissen mag, und zweitens passiert das auch noch im Internet. Dagegen muß man doch was tun können! Interessanterweise haben sich Assange, Domscheit-Berg und Co. irgendwie gerade selbst zerlegt und nun freut man sich in den Medienhäusern, daß man doch erst einmal nichts machen muß, man wüsste ja auch nicht, was.

Siegfried Kauder, CDU, Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestages, hat auch gleich eine gute Idee, wie man künftig Plattformen wie Wikileaks verhindern kann:

“Die Strafvorschriften zum Geheimnisverrat sind unbefriedigend. Der Fall Wikileaks belegt, dass streng vertrauliche Informationen effektiver geschützt werden müssen”, sagte der CDU-Politiker der “Neuen Osnabrücker Zeitung”.

Nach seinem Willen soll künftig “für klassische Medien wie für Internet-Plattformen jede Veröffentlichung tabu sein, die Menschen in Gefahr bringen kann”. In derart schwerwiegenden Fällen müsse es möglich sein, gegen die Verantwortlichen zu ermitteln und auch abschreckende Strafen zu verhängen. “Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, aber auch für sie gibt es Grenzen”, erklärte Siegfried Kauder.

Informationen und das Internet, da wurde die Büchse der Pandora geöffnet und sie wird nicht mehr zu schließen sein. Der Umgang mit diesem Sachverhalt wird uns und unsere Gesellschaft noch munter einige Jahre auf Trab halten. Auch wenn jetzt gerade einige aufatmen und andere versuchen, die Gunst der Stunde für absurde politische Vorschläge zu nutzen.