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PigSeit Jahrzehnten wird die grassierende Politik- und Politikerverdrossenheit in diesem Land beklagt. Es wird sehnsüchtig auf den amerikanischen Wahlkampf geguckt, weil es dort die Zuspitzung auf zwei charismatische Führungspersonen gibt, während bemängelt wird, dass hierzulande seit dem Abtreten der Politiker der Nachkriegsgeneration nur noch Berufspolitiker als Technokraten ihr Dasein fristen. In Talkshows werden Jahr ein, Jahr aus dieselben Themen von den immerselben Köpfen diskutiert, ab und zu wird mal eine neue Sau durchs Dorf getrieben, bis sie als kleiner Stern am Himmel verglüht. Ansonsten gilt die allgegenwärtige Alternativlosigkeit als allgemein akzeptiert, auch die Medien als 4. Gewalt beugen sich dem Diktum aus dem Kanzleramt.

Gerne werden unsere Politiker als wenig charismatisch charaktisiert, vielleicht noch als versierte Fachpolitiker dargestellt, und die Trauer ist groß, wenn jemand mit Ecken und Kanten wie Peter Struck plötzlich stirbt. Deutsche Politikerkarrieren verlaufen zu gleichförmig, Politik als Beruf hat nicht nur Vorteile, das bekommen wir überall zu lesen. Politiker hängen an ihrem Mandat, da es für sie eine Absicherung und vor allem auch eine berufliche Perspektive darstellt, auch das wird als verwerflich angesehen.

Das ist grob zusammengefasst die Lage der Nation. Wir sind alle kollektiv unzufrieden mit allem, früher war alles besser und anderswo ist es das auch.

Ich bin grundtief genervt von der aktuellen Medienkampagne gegen Peer Steinbrück. Nicht, dass es mich überrascht hätte, aber der Stil ist wirklich unter aller Sau aktuell und nicht förderlich für unser Land. Man muss Peer Steinbrück nicht mögen, man muß auch die SPD nicht mögen oder gar wählen, auch wenn dann vieles besser wäre in diesem Land, aber die Art und Weise, wie derzeit jedes nicht gesetzte Komma in einer Rede ausgewertet wird, ist kaum noch an Absurdität zu überbieten, immer frei nach dem guten alten Motto “irgendwas wird schon hängen bleiben!” – wir erleben gerade Kampagnenjournalismus par Excellence und das, bevor der Wahlkampf richtg begonnen hat.

Peer Steinbrück hat nach einer langen Karriere in der Politik seine Bekanntheit genutzt, um Geld zu verdienen, während er als Abgeordneter im Bundestag sitzt. Ja, und? Journalisten verdienen sich Geld mit dem Schreiben von Reden für andere Leute, mit der Moderation von Firmen-Events oder mit Fernsehwerbung. TV-Moderatoren haben oftmals ihre eigene Produktionsfirma und verdienen fröhlich am öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit. Ich habe auch schon von Journalisten gehört, die ihre Bekanntheit genutzt haben, um ein Buch zu schreiben, dass dann von vielen Leuten gekauft wurde.

Wenn ein Politiker, noch dazu von der SPD, die ja nicht mit Geld umgehen können, glaubt man dem Diktum von Otto Graf Lambsdorff, seine Bekanntheit nutzt, um mit dem Verkünden seiner Ansichten Geld zu verdienen, dann ist das verwerflichst und wird von dem Berufskommentatoren dieser Republik ungefähr auf eine Stufe mit dem Verkaufen des Erstgeborenen in die Sklaverei gestellt.

Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Jeder Einzelne von Euch würde nach einer langen Karriere die Gelegenheit nutzen, mit dem Halten von Vorträgen und dem Schreiben von Büchern noch einen großen Schluck aus der Pulle zu nehmen! Diese Heuchelei geht mir sowas von auf den Sack, das glaubt ihr gar nicht!

Man kann überall lesen, dass sich die Menschen in diesem Lande, da draußen, wie es immer so schön heisst, sich nach Typen sehnen, die unabhängig sind, die eine eigene Meinung vertreten, die nicht führungstreue Parteisoldaten sind. Allerdings erleben wir auch immer wieder, dass die unabhängigen Köpfe entweder irgendwann eingenordet werden und sich strikt der Parteilinie unterordnen, oder aus der aktiven Politik verabschieden. Peer Steinbrück beharrt auf seiner Beinfreiheit, was wiederum zu Kritik führt, denn eine derartige Unabhängigkeit wirkt irgendwie suspekt. Ja, was denn nun?

Ich dachte immer, Ironie funktioniert nur im Internet nicht, aber Peer Steinbrück erfährt gerade, dass seine ironische Art, die er sicherlich nicht erst seit ein paar Wochen pflegt, auf einmal massiv gegen ihn ausgelegt wird. Sich über Stromlinienförmigkeit zu beschweren und gleichzeitig jegliche Ironieresistenz an den Tag zu legen, hilft uns auch nicht weiter! Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass Peer Steinbrück nicht nur Politikerfloskeln von sich gibt, sondern seinen eigenen ironischen Humor hat?

Die Art und Weise, wie SPON das Interview von Peer Steinbrück in der FAS interpretiert hat und daraus Meldungen im Stil von “Steinbrück will als Kanzler mehr Geld” generiert hat, wird später in Lehrbüchern für politische Meinungsmache von Medien aufgeführt werden. Die Art und Weise, wie die restlichen Publikationen dem vermeintlichen Leitmedium gefolgt sind, ohne vorher mal das Interview zu lesen, allerdings auch. Es wird permanent versucht, Peer Steinbrück irgendetwas anzuhängen, es wird auf seine Person gezielt, um seine Integrität zu schädigen, genauso wie er übrigens vorher von genau denselben Medien gefeiert wurde – da ist er wieder, der Fahrstuhl, mit dem man rauf und runter fährt.

Peer Steinbrück ist der Kanzlerkandidat der SPD und damit verbunden sind bestimmte Inhalte. Über die Inhalte, die eine Alternative zur jetzigen planlosen und zerstrittenen schwarz-gelben Koalition darstellen, wird nicht geschrieben. Das wäre ja auch anstrengend, dann müsste man sich mit Sachthemen auseinandersetzen und könnte nicht irgendeinen Schwachsinn in Äußerungen reininterpretieren, was wiederum tolle Schlagzeilen generieren würde und mehr Leser bringt als die Diskussion um die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, um nur ein Beispiel zu nennen.

Mir geht diese Pseudo-Skandalisierung der Medien auf die Nerven, lasst uns über Inhalte und Alternativen reden!

p.s. Der Autor dieser Zeilen steht der SPD nicht nur nahe, sondern ist seit fast 25 Jahren Mitglied in der SPD und hat Peer Steinbrück vor Jahren einmal auf der DLD getroffen, hält aber auch gelegentlich Vorträge.

Vor ein paar Tagen war Peer Steinbrück, damals noch nicht offiziell ausgerufener Kanzlerkandidat der SPD beim UdL Digital Talk und sagte den folgenschweren Satz: “Ich twittere nicht.”

Aus diesem kurzen Satz wurde heute nun die Meedia Topstory “Steinbrück: Ich werde nicht twittern”:

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück wirbt seit dem Wochenende in der ganzen Republik um Wähler. In der ganzen Republik? Nein, ein kleines Dorf namens “Internet” meidet der Politiker. In einer Podiumsdiskussion mit dem Titel “Social Media & Politik: Mehr Kommunikationskanäle- weniger Dialog?” äußert sich Steinbrück zum Web 2.0 und schwärmt von der “guten, alten Zeit des Postwegs”. Auf Twitter wolle er keinen Wahlkampf machen- und das obwohl er hier Nachholbedarf seiner Partei sieht.

Big fucking deal. Echt jetzt. Es ist auf gut deutsch gesagt Lattenhagen ob Steinbrück selber twittert oder nicht. Ja, es wäre sicherlich nett, wenn er es täte, aber damit steht und fällt der SPD Wahlkampf nicht. Ich finde es toll, dass Sigmar Gabriel sowohl auf Twitter als auch auf Facebook präsent ist, aber ich finde es vor allem wichtig, dass die Social Media Nutzung zur Person passt. Auch ein Politiker sollte Social Media nutzen wollen und nicht Social Media nutzen müssen.

Wahlkampf-im-Web-Politiker-entdecken-TwitterDie SPD wird sicherlich eine Wahlkampfstrategie entwickeln, bei der Twitter, Facebook und Google+ eine Rolle spielen werden. Aber der Kanzlerkandidat der SPD muss nicht twittern, warum auch? Er muss auf Twitter präsent sein, aber das kann auch erreicht werden, ohne dass er selber twittert. Ich finde es authentisch, wenn ein Politiker sich der Tragweite von Twitter und Facebook bewusst ist, es aber selbst nicht nutzen will. Auch Barack Obama, dessen 2008er Wahlkampf eine Meisterleistung beim Einsatz von Social Media darstellte, hat selber nie getwittert, sondern ein gutes Team und eine noch viel bessere Strategie für den Einsatz von Social Media im Wahlkampf gehabt.

140 Zeichen eignen sich für das Verbreiten von Kampagnen-Inhalten, zum Vermitteln von Nähe und Präsenz, von mir aus auch zum gegenseitigen Anfrotzeln der politischen Gegner, für eine politische Diskussion eignen sich 140 Zeichen und das Follower-Prinzip nur sehr eingeschränkt. Diskussionen sehe ich eher auf Facebook, da dort mehr Platz ist und die Kommentare strukturierter abgebildet werden als der Twitter-Stream. Aber, und da müssen wir uns nix vormachen, nur in den allerallerseltesten Fällen twittern hochrangige Politiker selber. Gerade in Wahlkampfzeiten muß ein Politiker überall präsent sein, aber das kann er oder sie unmöglich alles selber bewerkstelligen, ebenso wenig, wie ein Politiker alle seine Reden selber schreibt oder alle Konzepte selber entwickelt. Auch die richtigen 140 Zeichen twittert man nicht mal eben so, schliesslich muss im Wahlkampf jeder Satz sitzen.

Peer Steinbrück muss nicht selber twittern, aber er muß es schaffen, Social Media effizient zu nutzen und präsent zu sein. Das sind allerdings zwei verschiedene Paar Schuhe und haben sehr viel mit der Kampagnen-Strategie und der daraus resultierenden Umsetzung zu tun.

Zug um ZugIn den vergangenen Jahren war es gute Sitte unter Sozialdemokraten, die Bundeskanzler oder Hamburger Bürgermeister werden wollten, sich den öffentlichen Ritterschlag des Privatiers Helmut Schmidt aus Hamburg Langenhorn abzuholen. Das Kalkül war, daß man mit diesem Endorsement, wie es bei amerikanischen Medien und Personen des Zeitgeschehens üblich ist, eine zusätzliche Bestätigung erfahren würde, die sich an der Wahlurne in Stimmen niederschlägt. Wir kennen auch noch aus der Vergangenheit den Eiertanz, daß nicht gesagt wird, wer Kanzlerkandidat werden wird, obwohl es eigentlich schon alle wissen, auch dies ist natürlich Teil der Dramaturgie von Wahlen und Wahlkämpfen.

Zwei Jahre nach der für die SPD desaströsen Bundestagswahl steht die Partei jetzt als Alternative zur chronisch zerrütteten CDU/CSU/FDP-Koalition da und auch die aktuellen Umfragen lassen auf eine Mehrheit für rot-grün hoffen. Die SPD hat bei den letzten Landtagswahlen entweder gut, oder wenigstens nicht so mies wie befürchtet, abgeschlossen und hat daher gerade so etwas wie einen Lauf.

Entgegen aller politischen Gepflogenheiten passiert jetzt etwas Interessantes. Helmut Schmidt nominiert Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten. Er tut dies, weil er Peer Steinbrück das Amt zutraut. Er tut dies aber auch, weil die beiden ein Buch geschrieben haben und dies in diesen Tagen in den Handel kommt. Er tut dies auch, weil er mit diesem Thema ganz wunderbares Agenda-Setting betreiben kann, denn er ist Quotengarant für Talkshows und hat in der Vergangenheit durch seine Auftritte Zeichen setzen können. Spiegel und Zeit sekundieren dann natürlich höflich, weil auch sie sich Aufmerksamkeit und Auflage versprechen.

Die SPD hat nun also das seltsame Luxusproblem, daß zwar niemand mehr der Kanzlerin eine Wiederwahl mit ihrer zerstrittenen schwarz-gelben Koalition zutraut, aber eben auch drei mögliche Kanzlerkandidaten zur Verfügung stehen und die Diskussion darüber für die Partei viel zu früh kommt.

Ich bin mir nicht sicher, was das Kalkül hinter dieser Festlegung für Peer Steinbrück durch Helmut Schmidt ist. Er definiert dadurch eine Debatte, er verknüpft die Kritik am Krisenmanagement der Kanzlerin mit dem Hinweis, daß die SPD mit Peer Steinbrück es besser machen könnte, aber dadurch wird Steinbrück auch ein Jahr zu früh ins Rennen geschickt. Die initiale Debatte um das Buch und die Kanzlerkandidatur wird mit der Weihnachtszeit vorbei sein, was sollen dann die nächsten Stufen 2012 sein? Es muß Schmidt/Steinbrück bewußt sein, daß sie als Zweimann-Team nicht bis zur Krönungsmesse durchhalten können werden, zumal sie mit diesem Vorpreschen der Partei gegenüber signalisieren, daß auf Funktionäre und Parteitage nicht so viel Wert gelegt werden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Steinbrück jetzt losläuft, damit er die Regierung Merkel als One-Man-Army sturmreif schießt, um dann zu Gunsten eines anderen Kandidaten vorzeitig abzudanken.

Also bleibt nur die Feststellung, daß die Festlegung auf Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten durch Helmut Schmidt ein PR-Schachzug, passend zum Titel des Buches: Zug um Zug.