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Woche für Woche kann man das Schauspiel in den sozialen Medien bewundern: eine Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen findet statt und ein Teil des Publikums reagiert mit Hohn, Spott und Kritik. Dabei ist es völlig egal, ob Lanz, Jauch, Illner oder wer auch immer. Das Netz hat Recht und alle anderen sind doof.

Ich finde daran zwei Dinge bemerkenswert.

Erstens wird das Netz nicht mehr nur als Gegenöfflichkeit verstanden, sondern hier findet mittlerweile in feinster Manier allabendlich der Stammtisch statt, gruppiert um einen Hashtag natürlich. Hier hat man Recht und die da oben sind doof und verstehen die Welt nicht. Ich finde das einerseits durchaus positiv, weil es zeigt, dass das Netz immer mehr zur Normalität wird, andererseits habe ich immer die Hoffnung gehabt, dass wir das Netz besser nutzen. Der Stammtisch hat durchaus seine Berechtigung, denn er bietet den Menschen eine Form des Gedankenaustauschs und natürlich sorgt das ritualisierte Verhalten auch für einen gewissen Ankerpunkt. Aber je plumper die Parolen werden und je öfter sie wiederholt werden, desto mehr nervt mich diese Art der vermeintlichen Debatte. Auf Dauer kommt zu wenig Konstruktives und vor allem zu wenig Neues, denn trotz aller Möglichkeiten des Netzes fühlt sich die allabendliche TV-Kritik an wie eine Platte, die einen Sprung hat (eine Analogie für die älteren Leser). Als wirkliche Gegenöffentlichkeit taugt dieses Verhalten nicht, sondern nur zum Nölen. Für die Zuschauer wird so ein Abend zu einer immer wiederkehrenden sich selbsterfüllenden negativen Vorhersage. Man weiss schon vorher, wie Recht man damit hat, davon auszugehen, dass die Performance der Talkshow schlecht sein wird. Deswegen gucken immer noch viele zu, anstatt etwas anderes zu machen. Es ist toll, wenn man Recht behält.

Zweitens wagen sich immer noch zu wenige Journalisten daran, das offensichtlich entstehende Vakuum zu füllen und eine wirkliche Alternative zu schaffen. Das finde ich bemerkenswert. Alle sind genervt von dem hohlen Geplauder bei ARD und ZDF, aber es passiert nichts. Da entsteht ein wahnsinnig großes Vakuum, das nicht gefüllt wird. Formate wie Jung & Naiv zeigen allerdings, dass es durchaus möglich ist, Gesprächspartner vor eine Kamera zu bekommen, die auch etwas zu sagen haben. Warum sollte es also nicht funktionieren, eine Talkshow zu konzipieren, bei der es um aktuelle Politik geht, bei der nicht immer dieselbe Gruppe von Leuten mehr oder weniger inkompetent an der Sache vorbei befragt wird? Das Netz bietet viele Möglichkeiten, Formate zu entwickeln, von einem Hangout a la Digitales Quartett bis hin zu einer Aufzeichnung im Studio. Dennoch wird weiterhin auf Linearität gesetzt und auf das, was die Öffentlich-Rechtlichen so zu bieten haben. Das erscheint mir seltsam paradox, zumal eine politische Talkshow im Web gerade für junge Journalisten eine geeignete Möglichkeit bietet, sich frühzeitig einen Namen zu machen, siehe Tilo Jung und andere. Ich würde auch so weit gehen, dass eine Startnext-Kampagne für ein alternatives Talkshow-Konzept nicht nur eine Finanzierung, sondern damit auch entsprechend viele Unterstützer bekommen würde, die entsprechend die Werbetrommel für die Sendung rühren würden.

Oder wollen wir doch einfach allabendlich in bester Stammtisch-Manier weiter vor uns herlamentieren?

Gestern abend um 22:45 war es endlich so weit, die neue Politik-Sendung Absolute Mehrheit von Stefan Raab und Pro7 ging endlich an den Start. Im Vorfeld wurde ordentlich getrommelt und verkündet, dass jetzt der Politik-Talk neu interpretiert wird:

absolute_mehrheit_03Der erste Politik-Talk mit einem echten Ergebnis – das ist das Konzept von “Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen”! Fünf Gäste diskutieren über drei Themen und die Zuschauer entscheiden, wer die besten Argumente hat. Schafft es ein Talkgast die absolute Mehrheit hinter sich zu versammeln, gewinnt er 100.000 Euro!

Ich habe diese Sendung mit Freude erwartet, nicht weil ich glaube, dass Pro7 der angestammte Sender für eine politische Sendung ist, sondern weil ich die üblichen politischen Talkshows von Illner, Will, Maischberger, Plasberg, Jauch und anderen schon lange nicht mehr mit ansehen kann. Die Formate haben sich überlebt, aber derzeit weiss niemand, wie man es besser machen kann. Insgeheim sehnt man sich nach den ersten Ausgaben von Talk im Turm zurück und ist genervt von den Debatten nach dem immerselben Muster mit austauschbaren Themen und Köpfen, aber dennoch einer grassierenden Gleichförmigkeit.

Stefan Raab hat gestern nun also versucht, der politischen Talk-Show in Deutschland wieder neues Leben einzuhauchen. Er ist dabei kläglich gescheitert. Es wurde ein Format gewählt, dessen Regelwerk ähnlich wie bei Tutti-Frutti niemand wirklich verstanden hat, nur dass am Ende niemand nackt war. Warum fällt jemand aus der Wertung, soll aber weiter diskutieren? Wozu war Peter Limbourg da, außer als Statistik-Vorleser? Wieso wird ein Auto verlost? Was soll das mit den 100.000 €, wenn die doch niemand bekommt, weil es extrem schwer sein wird, bei 5 Diskutanten so extrem gut zu sein, dass eine absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen auf eine Person entfallen? Klar, das mit den 100.000€ klingt super, zieht auch bestimmt Aufmerksamkeit, aber dennoch hilft es dem Format null. Das erinnerte alles irgendwie an den guten alten TED und hinterlässt einen fahlen Beigeschmack, wenn Zuschauer kostenpflichtig abstimmen sollen.

Die Diskussionen selber waren geprägt von der Flapsigkeit des Moderators, der dadurch versucht hat, die Diskutanten aus der Reserve zu locken, was ihm nur das ein oder andere Mal wirklich gelungen ist. Ein Erkenntnisgewinn war allerdings beim Zusehen nicht erkennbar und ich hätte mich sehr darüber gefreut, wenn anstatt eines dusseligen Votings die Zuschauer sich über Facebook oder Twitter so total Second Screen mässig hätten miteinbringen können. So war der Zuschauer Clickvieh und Raab hat versucht mit Lockerheit die grassierende Langeweile zu verdrängen. Bei mir ist der Funke zu keiner Phase übergesprungen, ich habe nach dem Ausscheiden von Michael Fuchs (CDU) direkt ausgeschaltet, denn mehr musste ich mir von dieser Sendung zu der Uhrzeit auch nicht antun.

Ich glaube, wir benötigen dringend neue Formate bei der Vermittlung von politischen Inhalten, wollen wir zukünftig noch Menschen erreichen, aber dieser Versuch von Stefan Raab und Pro7 hat nicht dazu geführt, dass die Zuschauer einen Erkenntnisgewinn verzeichnen konnten. Ich bin ja sehr dafür, etwas mehr Lockerheit in die oftmals langweiligen Runden zu bringen, aber dann bitte nicht so, und nicht so zotig wie Raab es versucht hat. Das Votig würde ich erst zum Ende der Sendung machen und dann per Twitter und Facebook, dazu elegante Apps für iPhone und Android, die die Kernaussagen der Diskutanten gegenüberstellen und das Voting damit erleichtern, aber auch zum Teilen der Aussagen einladen. Damit kommt dann gleich eine Verbreitung über die sozialen Kanäle hinzu, um den besten Diskutanten zu unterstützen.

So war die Absolute Mehrheit eher die absolute Langeweile, noch dazu viel zu spät am Abend und damit sicherlich keine Alternative zu den anderen politischen Talkshows. Gelohnt hat sich die Sendung für mich überhaupt nicht.

Aber eigentlich ist die politische Talkshow bereits seit Jahren tot. Nach einem immer gleichen Muster wird allabendlich das Fernsehpublikum unterhalten, und egal ob Jauch, Maischberger, Will, Illner oder Plasberg, das Grundschema ist immer, immer dasselbe. Es gibt ein Thema und einige professionelle Diskutanten, dazu eventuell einige Amateure und dann geht es los. Alle Diskutanten haben ihre Standpunkte und ihre Argumente, vorher gibt es Einspieler, damit man auch ja jeden Teilnehmer der Diskussion gut einsortiert bekommt und dann werden die Standpunkte abgearbeitet. Am Ende sind alle genau so schlau wie vorher und die Zuschauer wurden in ihrer Meinung bestätigt. Aber es kommt niemals vor, daß einer der Diskutanten auch nur gehaucht andeutet, daß eventuell ein Mitdiskutant auch Recht haben könnte mit seinem Standpunkt und deswegen erwägt, den eigenen Standpunkt zu revidieren. Nein, stattdessen tauchen immer wieder dieselben Personen in den Talkshows auf, angeführt von Jürgen Trittin und Gregor Gysi, damit auch ja gewährleistet wird, dass es eine Kontinuität im Schlagabtausch gibt.

Erstaunlicherweise ist dieses Konzept beim Publikum nur bedingt nachgefragt, jedenfalls haben 45% der Befragten die politischen Talkshows in Sommerpause nicht vermisst.

Welche politische Talkshow wurde während der Sommerpause vermisst?

Nun hat Stefan Raab angekündigt, etwas mehr Schwung in dei politische Talkshow zu bringen mit einem neuen Format, bei dem ein Gewinner am Ende eine Geldprämie kassieren soll. Natürlich hagelt es für diese Idee Kritik:

“Das Konzept Mehrheitsmeinungen mit Geldprämien zu belohnen, halten wir für abwegig”, sagte ARD-Chefredakteur Thomas Baumann der dapd. “Es besteht die Gefahr, dass Diskutanten einer vermuteten Mehrheitsmeinung hinterherhecheln.”

Ach, da kann man ja noch nicht einmal müde drüber lächeln. Die öffentlich-rechtlichen Sender reden natürlich gerne von einem Bildungsauftrag, liefern mit ihren politischen Talkshows seit Jahren nur noch Show. Raab will nun diese Show aufgreifen und konsequent weiterentwickeln. Das wirkt wie purer Zynismus, aber ehrlich gesagt ist das auch nichts anderes als das, was die öffentlich-rechtlichen mit ihrem Bildungsauftrag derzeit abliefern.

Ich möchte gerne mal ein Format sehen, bei dem es um den politischen Meinungsaustausch geht, nicht um das Vorbeten von fertigen Parteimeinungen. Aber das wird es nie geben, dazu ist unser politisches System zu eingespielt und das Verändern eines Standpunktes wird immer noch als Schwäche ausgelegt werden. Ich bin gespannt, was Stefan Raab aus der politischen Talkshow macht, vielleicht sorgt ja sein Format für mehr Leben in einem toten Genre. Schlimmer kann es nicht mehr werden. Und nein, eine Twitterwall wäre auch keine Lösung.