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Ego und ich

Nico —  2.03.2013 — 5 Comments

Ego von Frank SchirrmacherAllein schon weil das Buch Ego: Das Spiel des Lebens von Frank Schirrmacher von der Kritik noch vor Erscheinen verrissen wurde, wollte ich es lesen und mir mein eigenes Bild davon versuchen zu bilden. Ich hatte Payback bereits nicht gelesen, aber des Öfteren gehört, dass Schirrmacher sich sehr mit den Auswirkungen von digitaler Technologie auf Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt.

Ich habe Ego gerne gelesen, vor allem, weil es mich leicht verwirrt zurücklässt und mich zum Nachdenken angeregt hat.

Verwirrt hat das Buch mich vor allem, weil so eine arg weit ausholende Verschwörungstheorie entwickelt wird, die mich nicht so überzeugt hat. Beim Lesen hatte ich oftmals den Gedanken “ist fefe jetzt unter die Ghostwriter gegangen?” im Kopf, denn Schirrmacher zeichnet eine breit angelegte Verschwörung des militärisch-wissenschaftlichen Komplexes zusammen mit der Finanzbranche, die uns alle zu purem Fleisch degradieren wollen, oder es schon lange getan haben, damit wir willenlos in diesem Spiel unseren Part übernehmen. Matrix lässt grüßen, aber auch der Science-Fiction Roman Interface von Stephen Bury, ein Pseudonym für Neal Stephenson und George Jewsbury, zeichnete ein ähnlich düsteres Bild der Zukunft. Bei Interface geht es um einen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, dem ein Biochip eingepflanzt wird und der dann quasi von einem Konglomerat des Bösen ferngesteuert wird. Ich hatte bei der Lektüre von Ego ganz oft die Hoffnung, dass auf der nächsten Seite endlich die Auflösung kommt, wer denn der Hauptverantwortliche bei dieser internationalen, aber vor allem amerikanischen, Verschwörung des bösesten Kapitalismus sein könnte. Ich habe eigentlich immer ein Bild von einem dicken Typ mit Glatze und Katze auf dem Schoß erwartet, aber vielleicht habe ich einfach auch zu viele James Bond Filme geguckt.

Andererseits hat mir Schirrmacher doch sehr oft den Spiegel vorgehalten und hat bei einigen Themen durchaus Zweifel geweckt oder bestärkt. Ich laufe gerne sehr frohen Mutes durch die Gegend und glaube fest daran, daß das Internet und die digitale Gesellschaft ein enormes Potential mit sich bringen, das wir unbedingt heben sollten. Aber ab und zu lohnt es sich, mal innezuhalten und zu hinterfragen, ob wirklich alles das, was gerade möglich ist, auch sinnvoll ist oder ob wir nur ansatzweise abschätzen können, was dies für Auswirkungen mit sich bringen würde. Schon nach einigen Seiten des Buches kam mir dann der Gedanke “ich würde gerne mal eine Diskussion zwischen Kevin Kelly und Frank Schirrmacher moderieren, das dürfte spannend werden” und schwupps, nur einige hundert weitere Clicks auf dem Kindle wurde Kelly und die kalifornische Ideologie ebenfalls von Schirrmacher thematisiert, natürlich mit dem Ausgangspunkt des Free Speech Movements in Berkeley in den frühen Sechzigern. Da ich ebenfalls in Berkeley studiert habe, wenn auch 30 Jahre später, habe ich durchaus in meiner Denke Parallelen zu den von Schirrmacher kritisierten Herangehensweisen gesehen, die in der Bay Area sehr präsent sind.

Schirrmacher drückt dies so aus:

Wenn heute Kritik an technologischen Innovationen mit “Maschinenstürmerei” abgetan wird, ist das von atemberaubender Naivität. Kritik an Technologien ist immer eine an den sozialen und kognitiven Zwängen, die sie produzieren, indem sie von der Ökonomie als Erklärungsmodell gebraucht und missbraucht werden.

Zack, das saß, zumal ich gerne Leute als Ludditen bezeichne und mich heimlich daran erfreue, wenn der Begriff nicht bekannt ist.

Nach der Lektüre von Ego: Das Spiel des Lebens bin ich mehr als je zuvor sicher, dass wir als Gesellschaft größere Anstrengungen unternehmen müssen, zu verstehen, was die digitale Gesellschaft wirklich an Herausforderungen mit sich bringt. Um im Schirrmacherschen Duktus zu bleiben: wir müssen lernen, wie das Monster programmiert wurde. Oder um es mit Douglas Rushkoff auszudrücken: Program or be programmed. Oder mit Lumma: Eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache! – wir haben in der Tat etwas geschaffen, was so komplex geworden ist, dass wir Schwierigkeiten bekommen, die Abläufe zu begreifen. Allerdings hat die Menschheit schon des Öfteren Komplexitätssprünge bewältigt, warum sollten wir das nicht wieder schaffen? Schirrmacher hat jetzt kein Buch geschrieben, bei dem ich permanent “Recht hat er, guter Mann!” in meinen nicht vorhandenen Bart murmeln muss, aber er gibt wie zu erwarten wichtige Impulse für eine längst überfällige Debatte in Deutschland.

Diesen Vortrag habe ich am 30.11.2012 beim Vorwärts Medienkongress Kommunikation der Zukunft in Frankfurt gehalten.

Vortrag beim Vorwärts Medienkongress Kommunikation der ZukunftSehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kommunikation der Zukunft, und, auch das muss an dieser Stelle erlaubt sein, liebe Freunde der Zukunft der Kommunikation,

als ich gefragt wurde, ob ich auf dieser Konferenz mit dem gefälligen Allerweltstitel “Kommunikation der Zukunft” eine Keynote halten möchte, da habe ich kurz gezuckt und mir überlegt, ob ich, und wenn ja was, etwas zu diesem Thema beisteuern kann, das für Sie von Belang ist.

Normalerweise findet man bei derartigen Veranstaltungen seit Jahren vor allem alte Männer im Publikum vor, die sich ebenfalls seit Jahren wundern, warum die Welt sich gerade so rasend verändert und sich fragen, wie man die Veränderung so lange blockieren kann, bis die Rente erreicht wird. Natürlich bin ich mir sehr sicher, dass dies heute nicht der Fall sein wird und daher war dann die Verlockung dann doch zu groß und ich freue mich sehr, heute zu Ihnen sprechen zu können.

Interessanter Weise rede ich bei einer Veranstaltung zum Thema Kommunikation der Zukunft ganz ohne irgendwelche technischen Hilfsmittel und lese mehr oder weniger stumpf meine Rede vom iPad ab. Es gibt keine visuellen Hinweise für Sie, es gilt das gesprochene Wort, wie es immer so schön heisst. Von mir aus können wir daran festmachen wollen, dass es auch wieder Raum für Entschleunigung und auch für Reduktion oder die Konzentration auf das Wesentliche geben muss, der Veranstalter macht quasi unbewusst einen stark inhaltlichen Punkt.

Nach dieser Vorbemerkung möchte ich gleich noch weiter ausholen und die Zeit nutzen, darauf hinzuweisen, dass die Kommunikation der Zukunft ja schon längst stattfindet und wir mitten drin sind.
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Der schwedische Ericsson Konzern hat mal eine Vision der zukünftigen technologischen Ausstattung im Haushalt in einen kurzen Film gegossen.

Irgendwie haben all diese Visionen immer gemein, daß alles aalglatt ist und es keine Überraschungen mehr geben wird, alles läuft ohne jegliche Friktion. In diesem Fall wird dann auch der Störfaktor Freundin einfach weggeclickt.

Andererseit fände ich es schon cool, wenn sich die Geräte im Haushalt besser mit einander abstimmen würden. Mit mehr als einer Person im Haushalt könnte es aber mit den unterschiedlichen Präferenzen der Nutzer doch zu Unstimmigkeiten kommen und da bezweifle ich, dass der richtige Algorithmus gefunden wird, der auf Anhieb alle glücklich macht.

[ via Devices Have Feelings, Social Network: The Future Of Homes? - DesignTAXI.com ]

So, oder so ähnlich, könnten wir in Zukunft interaktive Elemente in Häusern, Fahrzeugen und unterwegs nutzen. Jedenfalls stellt sich Glashersteller Corning das so vor, denn die Oberflächen sind aus Glas, daher lautet der Titel des Videos auch folgerichtig: A Day made of Glass 2 – und ist die Fortsetzung von A Day made of Glass. Die zukünftige Allgegenwärtig von Tablets dürften wir meines Erachtens etwas früher Erleben als das Kleiderschrank-Display. Was meint ihr?

A Day Made of Glass 2_ Unpacked. The Story Behind Corning_s Vision. - YouTube

[ via Is This The Future of Touchscreen Tech? Day of Glass 2 Video Will Blow Your Mind ]

In Deutschland werden haufenweise Debatten geführt, die irgendwie das Internet als Thema haben. Aber eigentlich geht es gar nicht primär um das Internet. Es geht um Hilflosigkeit.

Viele handelnde Akteure in Politik und Wirtschaft versuchen gerade, irgendwie das Internet zu zähmen. Es urbar zu machen. Es in einen bestehenden Rahmen zu pressen. Einen Rahmen, den man kennt und verstanden hat.

Eigentlich müßte man jeden einzelnen dieser verzweifelten Menschen auf den Schoß nehmen, sanft die Haare hinters Ohr streichen und dann zuflüstern: “Das wird nichts, echt nicht! Du kannst das Internet nicht in Dein bestehendes Schema hereindrücken, Du kannst nicht bestehende Lösungen für das Internet versuchen zu adaptieren. Du mußt neu denken. Völlig neu. Und leider auch vieles Tradierte über Bord schmeissen! Das Internet ist eine massiv disrupte Kraft, die ungeahnte Umwälzungen mit sich bringt und die meisten sind irreversibel. Aber das ist alles gar nicht so schlimm, Du mußt nur über völlig neue Wege nachdenken. Du schaffst das! Hier hast Du einen Lolli!”

Aber dann stelle ich fest, daß wir uns im Jahr 2011 befinden und echt nicht mehr die Zeit haben, all den beratungsresistenten Entscheidern da draußen zu erklären, was im Internet geht und was nicht! Echt nicht. Macht weiter sinnlose Gesetze, preist Radiergummis an, hofft auf iPad-Apps, anstatt auf gute Inhalte zu setzen, macht Euch im Wochenrhythmus erneut lächerlich, wir versuchen währenddessen, das Schlimmste zu verhindern.

Das Internet ist anders. Digital ist anders. Wir sind mitten in einer massiven Entwicklung, die unsere Gesellschaft verändert, die Wirtschaft vor große Herausforderungen stellt und massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt hat. Das Internet hat ein enormes Momentum. Während gesetzliche Rahmenbedingungen wichtig sind, müssen wir dieses Momentum nutzen, um die Potentiale für uns zu erschließen und zu nutzen. Eine Rückkehr zum status quo ante ist nicht mehr möglich, egal wie sehr die Besitzstandswahrer anstellen, dafür ist die disruptive Kraft des Internets, bestehende Strukturen zu verändern, viel zu stark.

Geht endlich neue Wege, bevor wir in Deutschland komplett den Anschluß verlieren und zum Entwicklungsland der Zukunft werden, nachfolgende Generationen werden es Euch danken.