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Dieses Buch habe ich gelesen, weil Michel mich fragte, ob ich The Industries of the Future von Alec Ross schon auf meiner Leseliste hätte. Da der Autor mich dann auch gleich ermunterte, das Buch zu lesen, konnte ich kaum widerstehen.

the_industries_of_the_futureUnd ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch gelesen habe, denn es ist ein sehr vernünftiger Versuch, die aktuellen Entwicklungen zu beschreiben, ohne dabei utopistische Wolkenkuckucksnester zu entwickeln oder in wüste dystopische Betrachtungen zu verfallen. Alec Ross ist der ehemalige Senior Advisor on Innovation für Secretary of State Hillary Clinton und in dieser Funktion hat er viele Teile der Welt gesehen. Ross hat ein Buch geschrieben, dass viele persönliche Eindrücke von Begegnungen auf der ganzen Welt mit aktuellen Statistiken verknüpft, um sich so der Frage anzunähern, was uns in Zukunft erwarten wird und wie wir unsere Kinder auf diese Zukunft idealerweise vorbereiten sollten.

Ab und zu merkt man mal, dass der Autor noch das ein oder andere Hühnchen zu rupfen hatte („The high-water mark for Belarus and the Internet is a social media-savvy graduate student in Massachussetts named Evgeny Morozow, who writes neo-Luddite screeds against American technology companies, advancing the official views of Russia and Belarus.“), wobei ich sehr grinsen musste, denn der junge Mann hat ja auch im deutschen Feuilleton sehr viel Aufmerksamkeit für seine dystopischen Betrachtungen bekommen.

Zwei Themen fand ich besonders interessant an diesem Buch. Das eine ist die Disruption im Finanzsektor durch Bitcoin und Blockchain, das andere Thema ist die Herangehensweise an Innovation in den unterschiedlichsten Ländern der Welt. Alec Ross ist genervt von der ewigen Frage, wie man denn den Erfolg des Silicon Valley am Besten kopieren könnte und verweist darauf, dass nicht die Frage nach dem nächsten Silicon Valley entscheident sei, sondern nach dem nächsten Estland.

Leider flaut das Buch zum Ende hin etwas ab, denn gerade vom Schlusskapitel hätte ich mir eine stärkere und pointiertere Antwort auf die Frage erhofft, was wir tun müssen, damit unsere Kinder besser auf die Zukunft vorbereitet sind. Das blieb irgendwie viel zu allgemein, da hätte etwas mehr Zuspitzung dem Buch gut getan.

The Industries of the Future

roboterrevolutionEs gibt viele Bücher, bei denen ich mir nach spätestens 50 Seiten denke, dass ich die Grundidee jetzt verstanden habe und ich dann eher gelangweilt auf die restlichen 200 Seiten blicke, die nur noch dazu da sind, die Kernthese von links nach rechts zu ziehen und mit unzähligsten Beispielen zu belegen. Derartige Bücher hätten als Essay ihren Zweck voll erfüllt. Bei dem vorliegenden Buch von Karsten Wysk ist es genau andersrum. Die Roboter Revolution – wie Deutschland die zunehmende Automatisierung zur Weiterentwicklung des Kapitalismus nutzen sollte reisst viele Themen an, wird aber wenig konkret und bringt leider auch wenig praktische Beispiele.

Dabei packt Karsten Wysk eines der drängendsten Themen der Zeit an: was machen wir eigentlich, wenn durch die Digitalisierung die Arbeit für die Menschen weniger wird, aber die Produktivität hoch bleibt? Wie kann dann unser Gemeinwesen funktionieren, wo kommen die Steuern her, was machen die Menschen mit der vielen Freizeit?

Karsten (wir kennen uns seit vielen Jahren) schlägt u.a. vor, dass die Steuereinnahmen künftig anders realisiert werden sollen, nämlich über Unternehmensgewinne, die an den Staat abgeführt werden, da dieser durch das Eintreten des Erbfalles stiller Anteilseigner eines Unternehmens wird. Das finde ich einerseits charmant, aber andererseits wirft es sooo viele Fragen auf, denn es gibt ja auch Unternehmen, die noch nicht vererbt sind und riesige Gewinne machen, ohne viel Steuern zu zahlen, und und und. Ansonsten sagt Karsten viel Richtiges über die Verteilung von Vermögen in der Gesellschaft und versucht, die notwendige Umverteilung möglichst behutsam anzugehen, damit sich niemand entzieht. Sein Modell des Grundeinkommens mit einem Fähigkeits- und Reputationsfaktor wirkt mir allerdings viel zu bürokratisch, auch wenn es charmant ist, dass Menschen Geld bekommen sollen, weil sie sich sozial engagieren.

In Summe bin ich nicht so richtig überzeugt, da hätte etwas mehr Substanz dem Buch gut getan und vielleicht auch mehr als nur 78 Seiten. Was mich allerdings total genervt hat, das war der Verzicht auf ein Lektorat, was man leider nicht nur an den fehlenden Kommata gemerkt hat.

Die Roboter Revolution – wie Deutschland die zunehmende Automatisierung zur Weiterentwicklung des Kapitalismus nutzen sollte

Für die SPD-Führung ging es bei der Abstimmung über die Vorratsdatenspeicherung um die Regierungsfähigkeit – und mit Ach und Krach wurde eine Zustimmung von 56% erreicht. Das ist alles andere als glanzvoll und zeigt, dass die SPD weiterhin in dieser Frage gespalten ist.

Nun soll sie also kommen, die Vorratsdatenspeicherung, bei der von allen Menschen in Deutschland die Verbindungsdaten für 10 Wochen gespeichert werden sollen. Und bei der die Standortdaten 4 Wochen lang aufgehoben werden sollen. Von allen Kindern, allen Senioren, und auch von Ihnen! Sie haben sich nichts zu schulden kommen lassen? Das soll künftig egal sein! Und kommen Sie jetzt bitte nicht mit Details, es geht doch um unser aller Sicherheit! Diese Grundrechte, von denen man manchmal hört, sind da wohl nur noch störend.

Sigmar Gabriel hat einen irritierenden Kurs eingeschlagen. Er verschafft der SPD ein Profil, bei dem er mit dem Thema Innere Sicherheit punkten will. Die Digitalsierung darf als Drohkulisse herhalten, als etwas, was die Politik bändigen muss. Mit Placebo-Politik wie der Vorratsdatenspeicherung soll dies gelingen. In 3 Jahren soll dann auch mal geguckt werden, ob die Volksdatenspeicherung überhaupt etwas gebracht hat – die Selbstverständlichkeit, bei einem umstrittenen Gesetz auch mal zu überprüfen, ob es überhaupt nützlich ist, wird heutzutage als Kompromiss verkauft.

Für diesen Kurs hat er die minimale Zustimmung von 56% der Delegierten des Parteikonvents erhalten. Für diesen Kurs hat er dem Justizminister vor laufender Kamera das Rückgrat entfernt. Für diesen Kurs hat er sein Amt in die Waagschale geworfen. Alles, nur damit die SPD in Fragen der Inneren Sicherheit und bei der Digitalpolitik genauso schlecht aussieht wie die CDU/CSU.

Das wird die SPD zweifelsohne 2017 so richtig voranbringen! Bei der politischen Konkurrenz knallen schon die Sektkorken! Mit Regierungsfähigkeit hat dieser Kurs nichts zu tun, sondern eher mit dem Eingeständnis, als Partei nur eingeschränkt zukunftsfähig zu sein!

Es ist selten, dass ich mal vor Plakaten stehen bleibe und denke: „wow, das ist mal eine richtig gute Idee, die Debatte ist lange überfällig!“ – aber bei der aktuellen Kampagne der IG Metall, deren Plakatmotive ich seit ein paar Wochen an den Bahnhöfen gesehen habe, ist dies der Fall.

03_sicherheit

Ich finde, dass diese Kampagne genau die richtigen Fragen aufwirft, was die Zukunft der Arbeit angeht. Denn irgendwie habe ich das Gefühl, dass noch immer nicht gesehen wird, wie sich die Arbeit gerade verändert. Das hat mit der Automatisierung in einigen Branchen zu tun, so wie es Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch Arbeitsfrei eindrücklich beschrieben haben, aber auch mit dem Entstehen neuer Arbeitsfelder und neuer Jobs. Wenn man sich allerdings die Debatten so anguckt, dann bekommt man den Eindruck, dass man sich eher in die Realität der 70er Jahre zurücksehnt, als zu erkennen, dass eine Veränderung der Arbeitswelt natürlich auch zur Folge haben muss, dass wir dringend Vorstellungen davon bekommen müssen, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Es ist nicht mehr üblich, nach der Ausbildung vom Betrieb übernommen zu werden und dann bis zur Rente in dem Betrieb zu arbeiten. Das bedauern etliche sicherlich, aber für andere käme ein derartiges Modell nicht in Frage. Überhaupt stellt sich immer mehr die Frage, wie wir die Arbeit so verteilen wollen, dass genug für alle da ist und nicht die einen sich überarbeiten, während die anderen keine Beschäftigung finden.

Mich treibt dieses Thema seit einiger Zeit um, nicht nur, weil ich ein klein wenig am Kreativpakt mitgearbeitet habe, bei dem die SPD Bundestagsfraktion in der letzten Legislaturperiode versucht hat, die Herausforderungen für die Erwerbstätigen in der Kreativbranche zu verstehen und Lösungsansätze für die Verbesserung der Situation zu definieren. Aus eigener Erfahrung sehe ich eben auch, mit welcher Rasanz aktuell neue Jobs entstehen, während alte obsolet werden. Die Ümbrüche in der Medienbranche und die neuen Herausforderungen für die Agenturlandschaft waren dabei allerdings nur die Vorboten von Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren auch in anderen Branchen sehen werden. Die disruptive Kraft der Digitalisierung ist enorm. Sie sorgt für neue Arbeitsfelder, von denen Leute wie ich profitieren, sie sorgt allerdings auch für den Abbau von Arbeitsplätzen, für die es kaum adäquaten Ersatz geben wird. Wir müssen Szenarien entwickeln, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen.

Daher finde ich es super, dass die IG Metall anfängt, die richtigen Fragen zu stellen und damit eine lange überfällige Debatte anschiebt. Bislang sind die Gewerkschaften allerdings in meiner Wahrnehmung auch nicht dadurch aufgefallen, dass sie an vorderster Front versucht haben, Veränderungen zu antizipieren und ihre Mitglieder darauf vorzubereiten, sondern sorgten mit ihren Ritualen für die Einbetonierung des Status Quo. Überhaupt ist mir dabei aufgefallen, wie wenig wichtig in meinem bisherigen Arbeitsleben Gewerkschaften sind. Meine Eltern waren natürlich in der Gewerkschaft, in der GEW und der ÖTV, wie sich das gehört und meine Mutter war auch zeitweilig im Betriebsrat. Für mich stellte sich die Frage noch nie, ob ich in eine Gewerkschaft eintreten sollte. Ich habe allerdings auch noch nie in einem Unternehmen gearbeitet, das einen Betriebsrat hat. Das ist mir neulich aufgefallen, als ich einen Workshop mit Betriebsräten gemacht habe, damit diese Online-Tools effektiver für Betriebsratswahlen einsetzen können. Da konnte ich in einige irritierte Gesichter blicken, als ich meinte, dass ich noch nie in einer Firma mit Betriebsrat gearbeitet habe. Wobei ich natürlich generell eine Interessenvertretung der Arbeitnehmer für unterstützungswert halte, nur boten sich die Gewerkschaften in den letzten Jahren in meiner Wahrnehmung eher nicht an.

Aber die Fragestellungen, mit denen wir es in Zukunft zu tun haben werden, sind ja enorm weitreichend. Wenn immer mehr junge Menschen nur befristete Verträge bekommen, wird das Auswirkungen auf die Investitionsbereitschaft und vor allem auf die Familienplanung haben. Wenn immer mehr Erwerbsbiographien Lücken aufweisen, die durch Arbeitslosigkeit aufgefüllt werden oder durch Zeiten der Selbständigkeit ergänzt werden, denn werden wir nicht darum herumkommen, unsere Sozialsysteme anzupassen. Wenn gleichzeitig ein beträchtlicher Teil der Arbeitnehmer in Frührente gehen will oder muss, weil die Arbeit kaum noch zu schaffen ist, physisch oder psychisch, während viele andere Arbeitnehmer gerne noch länger arbeiten würden, weil sie noch fit sind und die Arbeit Spaß bringt, dann müssen wir uns über flexiblere Renteneinstiegsmodelle unterhalten als wir es bislang tun. Wir werden auch nicht um die Frage herumkommen, wie wir damit umgehen wollen, dass die anstehende Automatisierungswelle, die Huckepack mit Industrie 4.0 kommen wird, substanziell viele Arbeitsplätze vernichten wird. Gleichzeitig haben immer mehr Menschen keine Lust mehr, in Vollzeit zu arbeiten und halten die bisherigen Arbeitszeitmodelle und vor allem die Präsenzpflicht am Arbeitsplatz für überholt. Das hat dann wiederum Auswirkungen auf die Karrieremöglichkeiten, Jobsicherheit und und und.

Kurzum, ich bin der IG Metall dankbar, dass sie diese Kampagne gerade gestartet hat und ich hoffe sehr, dass dadurch eine längst überfällige Debatte um die Zukunft der Arbeit entsteht. Bei D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt haben wir daher für dieses Jahr einen Themenschwerpunkt Digitale Arbeit festgelegt.

Ein immer wieder beliebtes Thema unter deutschen Politikern jeglicher Coleur ist das Internet deutscher Prägung. Schon länger führt bei vielen Protagonisten die Erkenntnis, dass Deutschland es im internationalen Vergleich eher schwer hat und das Silicon Valley oftmals den Ton angibt, zu einer merkwürdigen Diskussion. Unter der munteren Prämisse „nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich“ werden Ideen in die Diskussion gebracht, die man bestenfalls als völlig undurchdacht oder naive Träumerei auslegen könnte, um nicht zu sagen, dass diese Ideen komplett bescheuert sind. Durch den Überwachungsskandal und das Nichtstun der Bundesregierung werden jetzt die Ideen nahezu im Tagesrhythmus lanciert, eine bekloppter als die nächste.

Die Kanzlerin fordert eine gemeinsame europäische Initiative, um amerikanischen Internet-Konzernen Paroli zu bieten. Sie führt dabei Airbus als Beispiel an, was als Gegenpol zu Boeing ja ganz gut funktioniert habe. Gerne wird bei der Diskussion auch angeführt, es sei Zeit für ein deutsches Microsoft. Da will dann ein Überwachungsfanatiker wie Dieter Wiefelspütz (SPD) eine europäische Alternative zu amerikanischen sozialen Netzwerken und sein Pendant von der CSU, Hans-Peter Uhl, will einen dreistelligen Millionenbetrag in IT-Sicherheit Made in Germany investieren. Niedlich. Und herrlich weltfremd. Erinnert sich noch jemand an das Projekt THESEUS, mit dem vor 5 Jahren versucht werden sollte, eine Antwort auf Google zu finden? Hat toll geklappt und nur ein paar Hundert Millionen Euro gekostet.

Daraus könnte man lernen, oder einfach den nächsten Blödsinn fordern, wie jüngst SPD Chef Sigmar Gabriel. Gabriel will Verschlüsselung per Gesetz durchsetzen und dann Datenschutz zum deutschen Export-Schlager machen. Da werden Milliarden versickern bei der Telekom, Bertelsmann, SAP und Siemens, um dann einen zentralen Nachschlüssel zu besitzen, mit dem der Staat dann doch Zugriff auf die Daten haben kann. Schöne neue Welt.

Liebe Politiker, und auch liebe Politikerinnen, bitte notiert Euch mal etwas: Digital ist anders. Digitale Wirtschaft sowieso. Und die Nutzer, die nutzen das Netz auch anders als ihr denkt und als ihr es wollt. Es ist ein Irrwitz, dass nun immer öfter die Rufe nach einem deutschen Internet lauter werden, denn Kleinstaaterei wird nur dazu führen, dass sich das Internet ohne deutsche Beteiligung weiterentwickelt. Nur, um es mal ganz deutlich zu machen, die Fördermilliarden für das Projekt „Am deutschen Internetwesen soll die Welt genesen“ werden ohne Ereignis verpuffen. Die Nutzer entscheiden und nicht die Politiker. Für die Nutzer ist Convenience genauso wichtig wie Usability und natürlich eine gewisse, in der Popkultur verankerte Anziehungskraft der Produkte. So etwas kann man nicht staatlich sanktionieren. Ebenso wenig kann sich ein freies Land mit einer großen vaterländischen Firewall vom Rest der Welt abschotten. Das Internet ist global und man kann nicht erwarten, dass ein verhältnismässig kleines Land wie Deutschland eine ähnliche Entwicklung wie China oder Russland forcieren kann. Dort gibt es die Pendants zu großen amerikanischen Firmen, die Politiker hierzulande gerne fordern. Aber dort sind auch genügend Nutzer, die eine finanzielle Ausstattung der Firmen ermöglichen, die dafür sorgen kann, dass die Plattformen technologisch halbwegs in einer Liga mit den Anbietern aus den USA mitspielen können.

Ich finde es richtig, zu wollen, dass Deutschland in der digitalen Welt eine größere Rolle spielt. Ich finde es auch richtig, dass Datenschutz dabei eine wichtige Rolle einnimmt. Aber das kann und wird nicht per Verordnung und Fördermilliarden passieren, sondern es bedarf mehr Anstrengungen, um so etwas zu erreichen. So lange wir immer noch darüber diskutieren müssen, dass Schulen Whiteboards bekommen sollten, oder dass Tablets in die Schulranzen gehören, oder dass digitale Lernmittelfreiheit dazu gehört, oder dass das Erlernen einer Programmiersprache dabei hilft, die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft zu verstehen, oder dass freie WLAN ohne Störerhaftung zu nutzen sind, oder dass Breitband wirklich flächendeckend verfügbar ist, oder dass Open Data die Grundeinstellung für Inhalte von Behörden sein sollte, oder dass die Kreativwirtschaft das Zukunftsfeld für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes darstellt, oder dass wir schneller werden müssen, dass wir wieder mehr Neugierde haben müssen, um das Neue zu begreifen, das durch die Digitalisierung tagtäglich entsteht, so lange können die Politikerinnen und Politiker aller Parteien fröhlich irgendetwas postulieren, Fördermilliarden an deutsche Großkonzerne verteilen, Milliönchen an Startups unter Wahrung hoher bürokratischer Hürden mit spitzen Fingern rüberreichen und ansonsten auf einen latenten Anti-Amerikanismus in der Gesellschaft hoffen. Aber es wird nicht helfen, den technologischen Vorsprung der Anbieter aus den USA aufzuholen und es wird nicht dazu beitragen, eine europäischere Vorstellung von Datenschutz und Verbraucherschutz in der digitalen Gesellschaft durchzusetzen.

An den digitalfremden Forderungen vieler Politikerinnen und Politiker sieht man deutlich, wie bislang die bundesdeutschen Eliten bei der Digitalisierung der Gesellschaft versagt haben. Eigentlich können alle über 50 einpacken und gehen, denn sie haben dazu beigetragen, dass diesen Land nun in einer Rolle ist, aus der es ohne weiteres nicht wieder herauskommt. Die Spielregeln in der digitalisierten Welt werden von Anderen definiert, Deutschland ist da eher Zaungast. Viel zu lange wurde das Netz belächelt, viel zu lange wurde von einer Datenautobahn gefaselt, viel zu spät wurde endlich einmal erkannt, was für eine Sprengkraft hinter der Digitalisierung steckt. Viel zu lange wird sich geweigert, alte Zöpfe abzuschneiden und überkommende Denkmodelle über Bord zu werfen. Es geht schon lange nicht mehr nur eine veränderte Medienlandschaft oder ein neues Konsumverhalten, sondern die Digitalisierung erfasst alle Lebensbereiche und immer weniger besitzt die deutsche Politik einen Gestaltungsspielraum, weil sie sich 20 Jahre zu spät mit dem Thema auseinandersetzt und noch dazu immer noch mit Rezepten aus der analogen Welt agiert. Die digitale Wirtschaft kann ein grandioser Jobmotor in Deutschland werden, aber gleichzeitig werden so viele Jobs in anderen Bereichen vernichtet werden, dass in Retrospektive die Rationalisierungswellen der 80er und 90er Jahre wie ein Kindergeburtstag aussehen. Das können wir nicht dauerhaft durch Fördermilliarden auffangen, sondern müssen dafür sorgen, dass jetzt schon die Perspektiven für die Menschen entstehen.

Investiert wirklich mal in Bildung, in Infrastruktur, in Verwaltung, denkt digitaler und nutzt die Chancen, anstatt einfach plump Milliarden in digitale Kleinstaaterei zu pumpen. Definiert eine Vision für das digitale Deutschland in 10 Jahren und macht dieses Thema zu einer breit angelegten Herzensangelegenheit für alle in diesem Land. Findet die richtigen Symbole, sorgt für den digitalen Ruck und blickt auf 2013 zurück als das Jahr, in dem Deutschland damit angefangen hat, sich selber zu erfinden. Ein alternativloses „weiter so“ kann es bei der Digitalisierung der Gesellschaft nicht geben.